Der Main-Kinzig-Kreis testet den Telenotarzt
http://www.faz.net/-gzg-8y7hz

Telemedizin : Erste Hilfe mit Monitor und Datenübertragung

Früher Einsatz: die leicht verletzte Pkw-Fahrerin wurde in ein Krankenhaus eingeliefert. (Symbolbild) Bild: dpa

Der Main-Kinzig-Kreis will den Rettungsdienst über das Pilotprojekt Telenotarzt entlasten. Damit kann der Notarzt den Rettungssanitäter aus der Ferne unterstützen.

          Bei einem medizinischen Notfall kommt es oft auf die Minute an. Wenn aber der Notarzt nicht mit ausgerückt ist, etwa weil die Leitstelle den Fall aus der Ferne nicht richtig überblicken konnte, sind Rettungsassistent und Rettungssanitäter nicht autorisiert, bestimmte Medikamente zu geben oder Behandlungsschritte auszuführen. In einem Flächenlandkreis wie dem Main-Kinzig-Kreis kommt diese Situation gelegentlich vor. Abhilfe schaffen soll die Teilnahme an einem Projekt, das in der Stadt Aachen seit dem Jahr 2014 praktiziert wird. Künftig soll es für Rettungsassistenten und Rettungssanitäter im Kreisgebiet die Möglichkeit geben, den Notarzt per Telemedizin zu kontaktieren. Damit soll nach den Worten von Landrat Erich Pipa (SPD) der Rettungsdienst entlastet werden.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Von Juli an sollen mehrere Einsatzfahrzeuge mit Kamera- und Kommunikationstechnik ausgestattet werden. In diesen Fahrzeugen lässt sich ein Notarzt zuschalten, wenn zusätzliche Hilfe oder die Genehmigung bestimmter Medikamente erforderlich wird. Der Notarzt kann den Patienten über eine Kamera optisch beurteilen und mit ihm sprechen, wenn dieser dazu in der Lage ist. Weitere Aufschlüsse geben Instrumente wie ein EKG-Monitor, deren Daten übertragen werden. Hat ein Patient beispielsweise starke Schmerzen nach einem Knochenbruch, kann er mit Zustimmung des Telenotarztes ein effektives Schmerzmittel verabreicht bekommen, bevor er ins Krankenhaus gefahren wird.

          Den Personalbedarf zu decken ist nicht einfach

          Die Erfahrungen in Aachen sind laut Pipa positiv. Sie belegten, dass ein Telenotarzt mehr Einsätze als ein hinzugerufener Notarzt bewältigen könne. Außerdem gebe er dem Rettungsdienstpersonal Rechts- und Handlungssicherheit. Seit Jahren steigen nach seinen Worten die Zahlen an, sowohl für Einsätze der Rettungswagen als der Notärzte. Mit der wachsenden Nachfrage wachse nicht gleichzeitig die Zahl der verfügbaren Notärzte. Deshalb werde sich der Kreis an dem Pilotprojekt „Telenotarzt“ zumindest in einem Teil des Kreisgebiets beteiligen. Nach den Zahlen der vergangenen zehn Jahre mussten die Rettungsdienste im Kreisgebiet 40 Prozent häufiger ausrücken als in den Jahren zuvor. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Notarzteinsätze um 33 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es 10 336. Um der Entwicklung zu begegnen, stockte der Kreis als Rettungsdienstträger die Investitionen auf.

          Nach Pipas Angaben wurde auch mehr Personal eingestellt. Im Jahr 2016 waren 439 Frauen und Männer im Rettungsdienst aktiv, 37 mehr als im Jahr zuvor. Darunter waren 114 Notärzte, 31 mehr als im Jahr 2015. Zudem wurden Rettungswachen und Stellplätze von Einsatzwagen so verlegt und ausgebaut, dass die Rettungsdienste in ländlichen wie auch in städtischer geprägten Teilen des Kreises schnell genug am Einsatzort sein können. Die sogenannten Jahresvorhaltestunden wurden in den vergangenen drei Jahren um 13 Prozent auf nun 285.900 Stunden erhöht. Doch der wachsende Personalbedarf im Rettungswesen sei nicht einfach zu decken, sagt der Landrat. Es werde immer schwieriger, qualifizierte Bewerber für neue Stellen zu finden.

          Ministerium und Krankenkassen teilen sich die Kosten

          An der Versorgungssicherheit werde sich für die Patienten durch das Projekt nichts ändern. Die Personalstärke auf den Wachen bleibe gleich, die Bereitschaftsstunden würden nicht verändert. Diensthabende Notärzte würden auch nicht am Ausrücken gehindert, wenn sie von der Zentralen Leitstelle alarmiert würden. Der Telenotarzt könne und solle den regulären Notarzt bei erforderlicher Erstalarmierung nicht ersetzen. Gleichwohl sei davon auszugehen, dass sich die Notarzt-Nachforderungen, insgesamt waren es 2641 im vergangenen Jahr, um 20 bis 30 Prozent reduzieren ließen. Bei den „Sekundäreinsätzen“ von Notärzten, etwa der Begleitung von Patienten von einer Klinik in eine andere, könnten sich nach Kreisangaben 30 bis 40 Prozent über den Telenotarzt steuern lassen. Während der Pilotphase des Projekts will der Main-Kinzig-Kreis die Erfahrungen aus Aachen nutzen und sich dem dortigen Telenotarztdienst der Firma „P3 telehealthcare GmbH“ anschließen, der in die Leitstelle der Berufsfeuerwehr Aachen integriert ist.

          Für die auf ein Jahr angelegte Testzeit beschränkt sich die technische Nachrüstung auf sieben Rettungswagen des Deutschen Roten Kreuzes im Kreisverband Gelnhausen/Schlüchtern in den Versorgungsgebieten der Rettungswachen Gelnhausen, Freigericht-Somborn, Biebergemünd-Bieber, Bad Orb und Burgjoß. Möglich wäre es, später die Zahl der technisch aufgerüsteten Einsatzfahrzeuge zu erhöhen und auch einen Telenotarzt in der Zentralen Leitstelle in Gelnhausen arbeiten zu lassen. Dazu will man die ersten Erfahrungen im Kreisgebiet abwarten. Das hessische Sozialministerium stimmte dem Pilotprojekt zu und stellte eine finanzielle Förderung in Aussicht. Die erwarteten Gesamtkosten von 1,1 Millionen Euro würden dann je zur Hälfte aus Mitteln des Sozialministeriums und der Krankenkassen als Kostenträger des Rettungsdienstes in Hessen finanziert.

          Topmeldungen

          Eng verbunden: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird in Peking vom chinesischen Präsidenten Xi Jinping begrüßt.

          Merkel in Peking : In Chinas Arme

          Im neuen großen Spiel der Mächte steht Europa ungewohnt einsam da. Gewicht bekommt seine Außenpolitik nur durch Einigkeit. Ein Kommentar.

          Absage an Kim Jong-Un : Spannung und Ungewissheit

          Die Absage des Treffens in Singapur hat auch etwas Gutes: Der Realismus kehrt zurück. Das Regime in Nordkorea hat es nicht auf den Friedensnobelpreis abgesehen, und die Regierung Trump kann noch einmal in sich gehen. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.