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Computeranimationen : 3-D-Soldaten für die Massenschlacht

Reale Menschen spielen mittelalterliche Ritter. Städte kommen aus dem Computer. Bild: obs

Die ZDF-Dokumentation „Die Deutschen“ kommt ohne Computertricks nicht aus. Rund 500 Spielszenen des Zehnteilers stammen aus einem Darmstädter Studio. 3-D-Artisten lassen ganze Städte virtuell entstehen.

          Darmstadt ist nicht Babelsberg. Aber in einem Hinterhof in der Innenstadt werden Kulissen geschoben, die es mit denen im Filmpark bei Berlin aufnehmen könnten. An der Elisabethenstraße gibt es beispielsweise das frühmittelalterliche Aachen, in dem im Jahr 936 Otto der Große zum ostfränkischen König gesalbt wurde. Oder Worms zur Zeit Martin Luthers. Oder Berlin mit dem Gendarmenmarkt während der Revolution 1848. Wer sich davon überzeugen mag, braucht nur das Fernsehen einzuschalten und sich eine Serie von „Die Deutschen“ ansehen, die das ZDF am Sonntag begonnen hat. Rund 500 Spielszenen des Zehnteilers stammen aus Darmstadt aus dem „Atelier für digitale Produktionen“, das Maria und Jörg Courtial 1998 gegründet haben.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Auch Otto, der „Urvater“ Deutschlands, der am Sonntag zu seiner Krönung in der Aachener Pfalz geritten kam, hat seinen medialen Auftritt den beiden Industriedesignern und ihren Mitarbeitern zu verdanken. Denn das kleine Städtchen mit seinen Pfahlbauten, das im Fernsehen zu sehen war, ist nichts anderes als eine Illusion gewesen, ein virtueller Effekt, der per Computerprogramm erzeugt wurde. Die eigentliche Filmszene bestand nur aus einigen kostümierten Schauspielern und Pferden auf einer grünen Wiese – die Stadtkulisse im Hintergrund war digitale Manipulation. Anders als in Babelsberg, wo die Kulissen noch aus Sperrholz, Farbe und Pappmaché sind, braucht es im Atelier Faber Courtial nur leistungsstarke Rechner und Computer sowie kreative 3-D-Artisten.

          Computergenerierter Rauch aus Kanonen

          Die Serie über die deutsche Geschichte ist das bisher imposanteste Projekt, an dem Maria und Jörg Courtial mitarbeiten. Zwar haben sie mit historischen Dokumentationen schon Erfahrungen sammeln können, zum Beispiel bei der ARD-Produktion „Die Germanen“ oder dem Fünfteiler „Die Juden – Geschichte eines Volkes“. Aber jene visuellen Effekte, 3-D-Animationen, Massenszenen, Kulissenerweiterungen oder Spezialkarten, die bei der ZDF-Geschichtsdokumentation zum Einsatz kommen, stellen für Jörg Courtial eine neue Dimension dar: „Es ist wohl mit das Aufwendigste, was das ZDF auf diesem Gebiet bislang gemacht hat. Wenn der Zuschauer wie im Zeitraffer über das Berlin der Jahre 1688, 1786, 1841 und 1900 hinwegfliegt, dann ist das etwas, was ein Mensch so noch nie gesehen hat. Es ist nicht nur ein Bild, das da gezeigt wird, sondern eine lebendige Stadt.“ Für alle diese Spezialeffekte ist das Atelier zuständig.

          Nun ist es durchaus üblich, Filmszenen auf derartige Weise zu ergänzen. Auch die Massenaufgebote in „Herr der Ringe“ sind weitgehend im Computer entstanden. Bei der großen Schlacht nahe Königgrätz, die das ZDF bald ausstrahlen wird, ist es nicht anders: 1815 standen sich dort rund 10.000 Franzosen und Preußen gegenüber. Welcher Sender wäre heute in der Lage, derart viele Statisten und Militäruniformen zu zahlen, um eine solche Kampfordnung nachzustellen? Deshalb haben die Kölner Filmproduktionsgesellschaft „Gruppe 5“ und das Darmstädter Atelier Hand in Hand gearbeitet: Die Kölner, vom ZDF mit Drehbuch und Regie beauftragt, ließen eine Gruppe von 30 bis 50 kostümierten Schauspielern antreten, filmten die kleine Gruppe in verschiedenen Stellungen und lieferten das Material dann bei den Darmstädtern ab. Dort wurden die Soldaten am Computer „freigestellt“, in mehreren Ebenen zusammengefügt und dupliziert. Hinzu kam etwas computergenerierter Rauch aus Kanonen und ein wenig frühmorgendlicher Nebel – fertig war die Massenschlacht.

          Revolutionsszene von 1848

          Aber „Herr der Ringe“ ist ein Phantasieprodukt – „Die Deutschen“ hingegen eine Geschichts-Dokumentation. Deshalb, sagt Jörg Courtial, „ist es wichtig, dass zum Beispiel die Stadtkulissen historisch korrekt sind“. Im Atelier ist dafür der Architekt und Stadtplaner mit Schwerpunkt Rekonstruktionen, Göran Vöpel, zuständig. Vöpel war in den vergangenen zwei Jahren immer wieder in Berlin, hat in Museen alte Stadtansichten studiert, Antiquariate nach Merian-Stichen durchstöbert und sich als „Literaturdetektiv“ betätigt. Auf Basis des so recherchierten Materials wurde zum Beispiel eine Revolutionsszene von 1848 rekonstruiert: Es ist Nacht, langsam senkt sich die Kamera an den Dächern und Fassaden hinab bis zu einer Menschenmasse, die mit Fackeln in der Hand auf eine Barrikade am Gendarmenmarkt zuläuft – an einem Buchladen vorbei. Gab es im 19. Jahrhundert in Berlin aber schon Buchläden mit offener Auslage? „Das sind so Fragen, auf die wir manchmal bei der Produktion stoßen und denen wir dann noch einmal nachgehen müssen“, sagt Maria Courtial.

          Nachdem „Die Deutschen“ abgeschlossen ist, bereitet sich das Team an der Elisabethenstraße auf die nächsten Aufträge vor. So soll es mit dem ZDF einen Film über die einstige römische Reichsgrenze, den Limes, geben, und außerdem steht das nächste Jahr ganz im Zeichen der Varusschlacht im Teutoburger Wald, die im Jahr neun nach Christi stattfand.

          Historische Dokumentationen sind allerdings nicht das einzige Standbein von Fabercourtial. Das Team aus sechs bis zehn Mitarbeitern arbeitet auch erfolgreich für Unternehmen in der Produkt- und Markenvisualisierung, wo der Computer ebenfalls gefragt ist, wenn es um die Beflügelung der Vorstellungskraft geht – sei es beim neuen Berliner Hauptbahnhof oder der Frankfurter Flughafen-Erweiterung.

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