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Buchverleih : Schwund nur bei Kochbüchern

Lesen im Grünen: Die Bücherstube befindet sich im barocken Prinz-Georg-Garten Bild:

Weder Gebühren noch Aufsichtspersonal. Der „offene Bücherschrank“ in Darmstadt vertraut darauf, dass jeder geliehene Bücher wieder zurückbringt. Das Projekt funktioniert erstaunlich gut und findet Nachahmer.

          Karl Weber hat die Idee aus Hamburg mitgebracht, Michael Ibsen aus Mainz. Der Leiter der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessens ließ 2004 das Pretlacksche Gartenhaus im Prinz-Georg-Garten in eine offene Bücherstube verwandeln, der Darmstädter Ibsen bastelte schon 1996 den ersten offenen Bücherschrank zusammen und stellte ihn im Johannesviertel auf den Bürgersteig. Lesesaal und Bücherstube funktionieren seitdem nach einem für Deutschland eigentlich atypischen System: Es gibt keinen Verein als Träger, keine Gebühren und keine Ausleihordnung, ja nicht einmal Aufsichtspersonal. Die einzige Regel: Wer ein Buch ausleiht, sollte es bitte wiederbringen oder durch ein gleichwertiges Exemplar ersetzen.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Kann so etwas funktionieren? Werden die Bücher nicht ständig geklaut? Oder gar die Regale zerstört? „Nein“, sagt Sigrid Müller, die ehrenamtlich den Buchbestand im Pretlackschen Haus betreut, „die einzige Verunreinigung waren bislang ein paar Zigarettenstummel. Ansonsten haben wir nur einen ständigen Schwund bei den Kochbüchern. Die gehen weg wie warme Semmel. Dafür aber bringen die meisten Leute dann andere Bücher mit und stellen sie ein.“

          Konstanter Buchbestand

          Das Gartenhaus in dem barocken Prinz-Georg-Garten ist ein überaus reizvoller Ort. Zwei niedrige Gebäudeflügel verbinden den Mittelbau, in dem die Bücherstube eingerichtet wurde, mit zwei Pavillons. Vermutlich wurde das Gebäude um 1710 nach Plänen von Louis Remy de la Fosse errichtet. Die Fassade ist reich mit floralen Motiven bemalt, zum Lesesaal führt eine von Balustraden begrenzte Freitreppe. Wer von dort oben auf den Garten blickt, schaut zurück in die Vergangenheit, denn die jetzige Gestalt entspricht in etwa der von 1780: Ein Lustgarten mit 32.000 Zierpflanzen, zwischen denen wie zur Zeit des Landgrafen Salat, Zucchini und Kohlrabi wachsen, frei nach dem Motto gräflicher Küchengärten „Verbinde das Schöne mit dem Nützlichen“. Wer hier ein Buch entleiht, findet schnell ein lauschiges Plätzchen auf einer der vielen Bänke und kann sich dort in die Lektüre vertiefen oder den Wasserspielen der Brunnen zusehen.

          Lesestoff am ungewöhnlichen Ort: der „offene Bücherschrank”

          Der Buchbestand im Gartenhaus ist konstant, weil Müller regelmäßig ein- und aussortiert. Dabei hat sie keine „Materialsorgen“, denn Bücher werden noch immer reichlich gespendet – sie reichen sogar für die Bestückung des Schranks an der Viktoriastraße aus. Andreas Witzel, Gärtner im Prinz-Georg-Garten, erinnert sich noch gut an den Beginn: „Da wurden die Bücher kistenweise zu uns gebracht, mehr als 6000 kamen in kurzer Zeit zusammen, das war Wahnsinn.“ Heute sind in den Regalen die vielen Exemplare sauber sortiert.

          Es gibt sowohl Reiseliteratur wie auch Sach-, Musik-, Koch- oder Kinderbücher und natürlich viele Romane, die am stärksten nachgefragt sind. Konsalik-Ausgaben stehen neben Titeln von Böll, Lenz oder Simmel. Geöffnet hat der Lesesaal, der über einige Stühle verfügt und zwei Tische, im Sommer an sieben Tagen die Woche von 7 bis 19 Uhr. Das Angebot ist, wie Müller aus Erfahrung weiß, anziehend: „Es kommen sogar Leute aus Griesheim und Weiterstadt, um sich etwas auszuleihen.“ Immer wieder dient der Pavillon auch als Veranstaltungsstätte. So hatte zuletzt die Schlösser- und Gartenverwaltung zu einem literarischen Abend zum Thema Reisen eingeladen.

          „Die Idee boomt“

          Weber und Ibsen haben ihre Ideen vor Jahren importiert und damit, wie sich herausstellt, für andere ebenfalls ein Beispiel gegeben. Denn am Schrank an der Victoriastraße bediente sich auch Nikolas Müller, als er noch an der Technischen Universität studierte. Irgendwann erzählte der angehende Architekt von dem ungewöhnlichen Darmstädter Service seiner Mutter Monika, die als SPD-Mitglied im Rat der Stadt Hannover saß. Monika Müller griff die Idee auf: 2004 brachten SPD und Grünen tatsächlich den Antrag ein, das Projekt offene Bücherschränke, „welches in Bonn, Mainz, Darmstadt und anderen Städten erfolgreich umgesetzt wird“, auch in Hannover einzuführen. Das gebührenfreie Leihen von Büchern sei als Kunst und als Bildung im öffentlichen Raum zu verstehen und fördere „nachbarschaftliche Prozesse“. Angenommen wurde der Antrag von allen Fraktionen.

          Mittlerweile stehen in der Landeshauptstadt Hannover sechs Bücherschränke, und voraussichtlich vier weitere sollen im Laufe des Jahres folgen. Über jede „Neueröffnung“ berichten die örtlichen Zeitungen ausführlich in Wort und Bild, und Monika Müller wird als „Mutter“ des offenen Bücherschranks von Stadtteilkoordinatorin Sigrid Ortmann zu jedem Termin eingeladen. „Die Idee“, so Ortmann, boomt in Hannover weiter.“ Seit Ende Juni locke an der Marktkirche ein Literaturangebot nach Darmstädter Vorbild, nach den Sommerferien würden weitere offene Bücherschränke auf dem Davenstedter Markt und in Ahlem folgen.

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