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Abriss an der A3 : Eine Brücke verschwindet über Nacht

Kraftvoll zubeißen: Die Bagger fressen sich durch den Stahlbeton der alten Brücke. Bild: Cornelia Sick

Fast 200.000 Autos rollen pro Tag über die Brücke, die bei Hofheim die Autobahnen 3 und 66 verbindet. Ihr Abriss ist eine technische und logistische Herausforderung.

          Stahlstangen ragen aus dem Beton, aber wieder und wieder bohren sich die Meißel tief in das Geflecht, zerren die Zangen an den letzten Überresten des ersten Brückenteils über die Autobahn3 in Fahrtrichtung Würzburg. Das Bauwerk musste viel aushalten. Es verbindet bei Hofheim die Autobahn 3 mit der Autobahn 66, fast 200.000 Fahrzeuge täglich nutzen die Strecke . Nach fast 68 Jahren ist die Hälfte der Brücke über Nacht fast verschwunden. Dafür sorgten zehn 40 Tonnen schwere Hydraulikbagger, je ein Dumper und Radlader sowie 50 Arbeiter, die im Schichtbetrieb auf der staubigen Baustelle rund um die Uhr im Einsatz sind.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          „Wir sind hier keine Schlafbaustelle“, sagt Projektleiter Matthias Achauer. Eile ist geboten. Pünktlich heute Morgen um fünf Uhr soll die Vollsperrung der Autobahn 66 an dieser Stelle – eine der am stärksten frequentierten Autobahnen Deutschlands – wiederaufgehoben sein.

          Zeitsparende Transportlogistik

          In den fünfziger Jahren, zu Zeiten des ersten Brückenbaus, wäre eine solche logistische Leistung nach Einschätzung von Achauer, Fachbereichsleiter des Dezernats Bau Bundesautobahnen Süd bei Hessen Mobil, undenkbar gewesen. Nicht nur die Leistung der Geräte, die im Einsatz seien, habe sich in der Zwischenzeit schätzungsweise verfünffacht. Gänzlich unvergleichbar sei die unterdessen entwickelte, zeitsparende Transportlogistik.

          Das unterstreicht ein Blick auf die Abfallverladung: Der Zangenbagger, der auf der Fahrbahnplatte der A66 unter der früheren Brücke auf einem eigens mit Erde ausgelegten, 30 bis 40 Zentimeter den Straßenbelag schonenden Bett steht, schüttelt gerade die hunderte Kilogramm schweren Betonbrocken ab. Gleich können die Stahlteile vorsortiert auf Lastwagen geladen und zum Recyceln gebracht werden. Im Straßenbau oder bei Gebäudefundamenten finde auch der Beton eine Wiederverwertung. Allein die krebserregende Fugenmasse wurde von den Maschinen aussortiert und zur gesonderten Entsorgung abtransportiert.

          Zehn Millionen Euro Kosten - allein für die Vorbereitung

          Die Logistik hat ihren Preis. Auf zehn Millionen Euro bezifferte Achauer allein die Kosten für die Vorbereitung der Baustelle, die seit Herbst 2017 in Gang ist. Es mussten zwei Behelfsbrücken gebaut werden, und mächtige Anker wurden in den Beton getrieben und mit Stahlseilen festgespannt, um die Brückenpfeiler abzusichern und für den Abbruch zu stabilisieren. Das alles gelang bisher sogar ein Stück weit vor dem Zeitplan, den bisher nicht einmal die zwei Granaten, die der Sprengstoffräumdienst auf der Baustelle fand, gefährden konnten.

          Der erstellte Aufgabenkatalog für das Wochenende ist lang: Schutz der Fahrbahnoberfläche, Demontage der Schutznetze und externen Vorspannung, Abbruch des Überbaus, Abbruch der Widerlager und Pfeiler, Asphaltarbeiten zur Fahrbahnverbreiterung, Fahrbahnbefestigung und Schutzplanarbeiten, Reinigung der Fahrbahn – und fertig. Wenn alles wie am Schnürchen weiterginge, könnte das erste Teilbauwerk der Brücke bis Weihnachten dieses Jahres stehen.

          Abhängig vom Wetter

          Doch bei allen Fortschritten von Technik und Logistik hänge der Fortgang der Arbeiten noch immer wesentlich vom Wetter ab, sagte Achauer. Auf jeden Fall werde bis 2020 weitergebaut, denn die Brücke der A3 in Fahrtrichtung Köln auf der anderen Seite folge anschließend. Auf 40 Millionen Euro ist das neue Brückenbauwerk insgesamt veranschlagt, das künftig auch bis 60 Tonnen schwere Lastzüge tragen soll. Wenn die Baustelle nach Ansicht der über die Behelfsbrücken vorbeirollenden Autofahrer einmal ruhe, bestätige dies keinesfalls das in der Bevölkerung weitverbreitete Vorurteil von Faulheit im Straßenbau.

          Vielmehr gebe es immer vielfältige Gründe, die von der notwendigen Verarbeitungstemperatur für bestimmte Baustoffe bis zu Beschränkungen durch Arbeitsschutzgesetze reichten, warum eine Baustelle gerade ruhe. Statt im Stau stehend Bauarbeiter zu beschimpfen, empfiehlt Hessen Mobil deshalb den Autofahrern die erhellende Broschüre „Tatort Baustelle“. Gerade im Rhein-Main-Gebiet mit seinen vielen Autobahnprojekten in den nächsten Jahren kann der Blick leidgeprüfter Pendler in diese Lektüre für eine sachgemäße Einschätzung hilfreich sein.

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