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Ausstellung in Oberursel : Flucht mit einem Schulranzen als Gepäck

Schicksale im Gepäck: Sammlung von Koffern in der Ausstellung über Ein- und Auswanderer in Oberursel Bild: Michael Kretzer

Eine Ausstellung erzählt von Ein- und Auswanderern: Handwerker, Vertriebene und „Gastarbeiter“ kommen nach Oberursel und verlassen die Stadt wieder.

          Im 19. Jahrhundert musste man nicht weit reisen, um zum Fremden zu werden. Zur Zeit, als Deutschland aufgespalten war in Kleinstaaten, überschritten Handwerker zahlreiche Grenzen, wenn sie in der Ausbildung auf Wanderschaft gingen. Und dazu brauchten sie eine Erlaubnis. Das zeigt das Beispiel des Schneiders Peter Biersack aus Bommersheim, heute ein Stadtteil von Oberursel. Am 7. März des Jahres 1864 stellte das Herzogtum Nassau ihm einen Reisepass aus.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf dem Dokument findet sich eine genaue Personenbeschreibung, so ist in dem vorgedruckten Schriftstück handschriftlich die Farbe der Haare und Augen eingetragen. Auf dem großformatigen Papier werden alle Behörden gebeten, den Handwerker ungehindert reisen zu lassen und ihm den „obrigkeitlichen Schutz“ zu gewähren. Auch das Ziel der Reise ist auf dem Pass eingetragen: Paris. Doch den Pass brauchte der Schneider schon, um auf der Durchreise das Stadtgebiet Frankfurts zu betreten, das damals einen Stadtstaat bildete.

          Frühes 20. Jahrhundert: der Wunsch nach Neubürgern

          Das Dokument ist zu sehen in der Doppelausstellung „Zusammen-Leben“, die in Oberursel an zwei Orten gezeigt wird, im Vortaunusmuseum und im benachbarten Stadtarchiv. Die Ausstellungsmacher wollen darauf aufmerksam machen, dass Einwanderung und Zusammenleben mit Zuwanderern keine Phänome unserer Zeit sind. Die Schau verweist auf die Wanderungsbewegungen der Kelten und setzt bei der Verleihung der Stadtrechte für Oberursel im Jahr 1444 an. Denn mit diesen Rechten zog die Stadt so viele Neubürger an, dass keine vier Jahrezehnte später die Stadtmauer erweitert werden musste. Jene, die sich ansiedelten, mussten die Chance auf ein besseres Leben allerdings teuer bezahlen. Denn anders als heute war der Zuzug nicht unentgeltlich, sondern es musste ein „Einzugsgeld“ entrichtet werden.

          Im 19. Jahrhundert war Oberursel, das dem Herzogtum Nassau angehörte, umschlossen von Staatsgrenzen, denn schon Nachbarorte in Sichtweite waren Teil anderer Herrschaften: Steinbach gehörte zur Grafschaft Hanau-Münzenberg, und Oberstedten, heute ein Oberurseler Stadtteil, zählte zur Landgrafschaft Hessen-Homburg. Doch auch innerhalb der Grenzen waren nicht alle gleich, bestimmte Einwohner wurden fast wie Fremde behandelt. So wurde den Juden die Gleichberechtigung verwehrt, erhielten sie doch erst 1867 das volle Bürgerrecht. Das hinderte sie allerdings nicht daran, sich für die Gemeinschaft zu engagieren, wie das Beispiel von Wolf Grünbaum zeigt. Der 1842 geborene Oberurseler gehörte 1865 zu den Gründern der Freiwilligen Feuerwehr. Mit Uniform und Helm zeigt er sich auf dem Foto in einer Festschrift der Wehr.

          Im frühen 20. Jahrhundert wünschte man sich in Oberursel Neubürger, wie eine Broschüre aus dem Jahr 1908 zeigt: Rund um das damals bebaute Stadtgebiet, die heutige Altstadt, ist Land rot schraffiert und mit „Viertel für Villen“ beschriftet. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Stadt dann wieder eine Welle der Einwanderung, als Vertriebene aus dem Osten eine neue Heimat suchten.

          Mehr Dokumente und Texte als Schaustücke

          Nach Oberursel kamen viele Zuzügler aus der Stadt Gablonz an der Neiße im heutigen Tschechien. Das Ankommen war nicht leicht, wie die Erinnerungen von Alice Peschel nachempfinden lassen, die als Kind die Flucht erlebte. Zu sehen ist etwa der Schulranzen, in den die Wäsche des Mädchens für die lange Reise gepackt wurde. Ein Foto zeigt Alice als Kommunionkind im weißen Kleid. Das sorgsam inszenierte Bild lässt nicht erahnen, welche Entbehrungen einem solchen Fest gegenüberstanden. Das wird in den Lebenserinnerungen deutlich: Die Mutter des Mädchens arbeitete als Helferin bei einem Bauern und erhielt als Lohn belegte Brote. Davon wurde zu Hause die Butter abgekratzt, um sie zum Backen für die Gäste zu verwenden.

          Doch die Neuankömmlinge aus dem Osten wurden schließlich gebraucht als Arbeitskräfte in der Industrie, zum Beispiel in der Glasherstellung. Ausgestellt sind Produkte, die mit ihrer Hilfe gefertigt wurden, etwa Parfümflacons mit den typischen Verzierungen der fünfziger Jahre. Etliche der Zuzügler brachten auch Fertigkeiten mit, wie die Kenntnisse im Handwerk der Gürtler, die sich auf den Umgang mit gepressten Metallen, die Galvanisierung und das Anbringen von Glasteinen verstanden. Ausgestellt ist, was Gürtler in Oberursel fertigten: Broschen und Dosen, die überbordend mit in allen Farben funkelndem Strass verziert sind.

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          Diese Stücke gehören, zusammen mit jahrzehntealten Koffern, zu den wenigen Anschauungsobjekten der Doppelausstellung. Denn das Thema wird mehr mit Dokumenten und Texten vermittelt als mit Schaustücken. Dafür wird es umfassend dargestellt, bis zum Zuzug der „Gastarbeiter“, wie die Einwanderer aus Südeuropa damals genannt wurden. Speisekarten, auf denen Pizza und italienisches Eis angeboten werden, gehören heute als etwas Selbstverständliches zum Alltag. Doch in den fünfziger Jahren, als Mario de Pelegrin in der Vorstadt die erste Eisdiele Oberursels eröffnete, galten solche Genüsse noch als etwas Exotisches. Und die Ausstellung macht auch deutlich, dass es auch eine Wanderung in die andere Richtung gab. Für einen Tagelöhner namens Joh. Thomas Müller verzeichnet das Gewerbekataster aus dem Jahr 1852 knapp: „Nach Amerika ausgewandert.“

          „Zusammen-Leben“

          Die Ausstellung „Zusammen-Leben“ ist bis Sonntag, 22. Oktober, zu sehen. Das Vortaunusmuseum am Marktplatz ist mittwochs von 10 bis 17 Uhr geöffnet, samstags von 10 bis 16 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr. Das Stadtarchiv an der Schulstraße 32 kann montags von 8 bis 12 Uhr und von 14 bis 17.30 Uhr sowie mittwochs von 8 bis 12 Uhr und von 13 bis 16 Uhr besucht werden.

          Quelle: F.A.Z.

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