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Aschaffenburg : Insolvenzverfahren beim Textilunternehmen Desch

  • Aktualisiert am

Johann Desch hatte 1874 mit der serienmäßigen Herstellung von Herrenanzügen begonnen und Aschaffenburg damit zur Wiege der industriellen Kleiderproduktion gemacht. Nun ist Desch insolvent.

          Ihr Urgroßvater Johann Desch hatte 1874 erstmals in Deutschland mit der serienmäßigen Herstellung von Herrenanzügen begonnen und Aschaffenburg damit zur Wiege der industriellen Kleiderproduktion gemacht. 130 Jahre später müssen seine Urenkel der wirtschaftlich schwierigen Situation im Einzelhandel Tribut zollen. In der vergangenen Woche meldeten sie für das inzwischen in Goldbach ansässige Herrenbekleidungsunternehmen "Desch for men" die vorläufige Insolvenz an. Schuld an den Liquiditätsengpässen sind nach Angaben von Geschäftsführer Heijo Desch die Konsumzurückhaltung, der enorme Preisdruck und die schleppende Zahlungsmoral vieler Kunden, die mit Umsatzrückgängen zu kämpfen hätten. Er wünsche sich eine Fortführung des Betriebs, der momentan 42 Mitarbeiter beschäftigt.

          Ob dies im Rahmen der bestehenden Gesellschaft möglich sein wird oder ob ein Investor einsteige, sei derzeit noch offen, sagte Desch. Insolvenzverwalter Franz-Josef Hansen teilte mit, daß gestern mit der Hausbank eine sogenannte Massenkreditvereinbarung getroffen wurde. Damit sei sichergestellt, daß die Frühjahrskollektion produziert und an die Händler ausgeliefert werden könne. Hansen zufolge genießt Desch for men, das in der vierten Generation geführt wird, in der Bekleidungsbranche einen sehr guten Ruf. Die Chancen für eine Erhaltung des Betriebs seien deshalb gut. Nach seinen Worten soll bis Frühjahr nächsten Jahres eine Nachfolgegesellschaft gegründet werden.

          Um die Kosten zu senken, hatte Desch for men die Produktion der Anzüge, Sakkos, Hosen und Blazer in den vergangenen zehn Jahren sukzessive nach Slowenien und Marokko sowie in die Türkei verlagert. Lediglich Produktentwicklung, Vertrieb, Einkauf und Logistik sowie die Verwaltung blieben noch am Standort Goldbach. Zum Verhängnis wurden dem traditionsreichen Unternehmen neben den kontinuierlichen Umsatzrückgängen, die auch auf den Trend hin zu legerer Sportbekleidung zurückzuführen sind, jetzt die ausbleibenden Zahlungen der Fachhändler. Desch zufolge gilt in der Bekleidungsbranche ein Zahlungsziel von 60 Tagen. Diese Frist sei jedoch von einem "gehörigen Anteil der Kunden" überschritten worden, sagte er. Da der Betrieb über keine hohe Eigenkapitaldecke verfügt, konnten die fehlenden Zahlungseingänge nicht aufgefangen werden.

          In der Vergangenheit war es Heijo Desch und dem zweiten Geschäftsführer Hubertus Desch gelungen, die Einbußen bei der Nachfrage im Inland durch die Ausweitung des Exportgeschäfts aufzufangen. Es liegt heute bei mehr als 50 Prozent. In Glanzzeiten hatte das Bekleidungsunternehmen bis zu 900 Angestellte beschäftigt. 1999 waren immerhin noch 165 Mitarbeiter in der modernen Fabrikationsanlage in Goldbach tätig. Als Heijo und Hubertus Desch 1989 beziehungsweise 1992 die Nachfolge ihrer Väter antraten, konnten sie in der Anfangszeit den Umsatz sogar auf 40 Millionen Mark steigern. Danach ging der Umsatz jedoch ständig zurück, zuletzt sackte er 2003 auf 13 Millionen Euro ab.

          Der Name Desch steht für den Übergang von der Maßarbeit zur industriellen Fertigung. Die Idee, Anzüge nach Standardgrößen auf Vorrat zu fertigen, war Johann Desch während seiner Arbeit als Militärschneider in preußischen Diensten gekommen. 1874 begann er in Aschaffenburg, Herrenanzüge "von der Stange" zu verkaufen, die in den nahe liegenden Spessartdörfern in Heimarbeit angefertigt worden waren. Seine Entscheidung hatte weitreichende Folgen für die Wirtschaft am bayerischen Untermain. Die Bekleidungsbranche entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Industriezweige in der Region. Seinen Höhepunkt erlebte das Bekleidungsgewerbe Anfang der siebziger Jahre mit 29000 Beschäftigten in knapp 400 Betrieben. Seitdem kränkelt die Branche, die nach Angaben der Agentur für Arbeit im März dieses Jahres nur noch 3066 Arbeitsplätze zählte. as.

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