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An hessischen Schulen : Viele Hürden für den Schulsport

  • -Aktualisiert am

Springlebendig: Die Bad Homburger Friedrich-Ebert-Schule bietet täglichen Sportunterricht an. In Hessen ist das eine Rarität. Bild: Frank Röth

Mindestens eine Stunde täglich sollten sich Kinder und Jugendliche bewegen. Doch im Alltag der hessischen Schulen fehlen dafür der Platz und oft auch die Zeit.

          Wenn es nach dem Landessportbund ginge, dann hätten die hessischen Schüler jeden Tag Sportunterricht. Der LSB möchte in den nächsten vier Jahren zehn Modellschulen finden, an denen die tägliche Sportstunde eingeführt wird. „Wir hoffen, dass diese Schulen eine Signalwirkung ausstrahlen und zeigen, dass fünf Sportstunden in der Woche möglich sind“, sagt LSB-Vizepräsident Heinz Zielinski. Das Kultusministerium schreibt vor, dass Schüler bis zur achten Klasse wöchentlich drei Schulstunden Sport haben, in der Praxis wird oft nur an einem Wochentag eine Doppelstunde gehalten. Den zusätzlichen Sport möchte der LSB in den Vormittagsunterricht integrieren. Wie Zielinski sagt, gibt es zwar viele sehr sportliche Kinder, aber auch die Zahl derer steige, die gar keinen Sport trieben. „Die Schere zwischen Fitten und Unsportlichen wird immer größer.“

          Für Josefa Maria Hybner-Kauß, Rektorin der Holzhausenschule, ist täglicher Sportunterricht eine schöne Utopie. Sie wäre schon froh, wenn ihre Schüler drei Sportstunden in der Woche hätten. Denn die Turnhalle der Grundschule im Frankfurter Westend ist wegen Schimmelbefalls gesperrt. Die Schüler müssen mit Shuttlebussen zu Hallen in der Umgebung gefahren werden. „Natürlich geht diese Zeit vom eigentlichen Sportunterricht ab“, sagt Hybner-Kauß. Auch als die Holzhausenschule noch eine eigene Turnhalle hatte, mussten sich die 500 Schüler in einer der drei Sportstunden auf dem Pausenhof statt in der Halle bewegen.

          „An unserer Schule überhaupt nicht möglich“

          Mit diesem Problem ist die Holzhausenschule nicht allein. Laut LSB bieten nur zwei Drittel der hessischen Schulen die vorgeschriebenen drei Sportstunden in der Woche an. „Die tägliche Sportstunde ist eine tolle Idee, aber an unserer Schule überhaupt nicht möglich“, sagt Hybner-Kauß. Die Rektorin kann sich vorstellen, dass ihre Schüler mehr Sport machen könnten, hätte die Holzhausenschule eine Halle, in der mehrere Klassen gleichzeitig unterrichtet werden können. Wegen des bevorstehenden Umbaus sei das zurzeit aber keine Option.

          Die Friedrich-Ebert-Schule in Bad Homburg hat eine sogenannte Mehrfeldhalle. Zwei bis drei Klassen werden dort gleichzeitig unterrichtet. Auf diese Weise gelingt es der Grundschule seit 25 Jahren, dass jeder Schüler täglich Sport hat. „Unsere Sportlehrer müssen sich sehr gut absprechen“, sagt Schulleiterin Charlotte Göttler-Fuld. Die Herausforderung sei, dass sich die Schüler auch auf knappem Raum die ganze Stunde bewegten und nicht nur ein paar Minuten, sagt Göttler-Fuld. Daher würden die Sportlehrer den gesamten Schultag mit demselben Hallenaufbau arbeiten. Die Schüler würden auf mehrere Stationen aufgeteilt und rückten eine Station weiter, wenn ihnen der Lehrer ein Signal gebe.

          Wissenschaftlich begleitetes Modellprojekt

          Eingeführt wurde die tägliche Sportstunde an der Ebert-Schule 1992 als wissenschaftlich begleitetes Modellprojekt. Die Sportwissenschaftler der Goethe-Universität beobachteten gleichzeitig zwei weitere Schulen, an denen drei Stunden Sport unterrichtet wurden. Die Schüler wurden in Fitness, Motorik und Sozialverhalten getestet. Innerhalb von vier Jahren sank an der Ebert-Schule die Zahl der Unfälle der Schüler um dreißig Prozent.

          Außerdem gab es auf dem Pausenhof etwa halb so viele Auseinandersetzungen wie an den Vergleichsschulen. Vom täglichen Sport am Vormittag profitierten vor allem die unsportlichen Kinder, die sich am Nachmittag nicht freiwillig in einer Sport-AG oder einem Verein betätigen würden, sagt Schulleiterin Göttler-Fuld. „Immer mehr Schüler sind vor der Einschulung grobmotorisch auffällig. Sie können zum Beispiel nicht rückwärts laufen.“ Innerhalb eines Schuljahres verbessere sich die Motorik schon stark.

          Effektive Nutzung einer Sportstunde

          Frank Obst, der im LSB für Schule und Bildung zuständig ist, hat die Studie vor 25 Jahren begleitet. Die Ebert-Schule zeige, wie effektiv eine Sportstunde genutzt werden könne, sagt er. Denn dadurch, dass Schüler an mehreren Stationen parallel trainierten, müssten sie nicht warten und bewegten sich mehr. Ein schöner Nebeneffekt: Die Schüler beobachteten sich auch nicht gegenseitig bei den Übungen. „Unsportliche Kinder haben dann weniger Angst, ausgelacht zu werden“, sagt Obst.

          Viele Schulen gestalteten die Sportstunde nicht effektiv genug. „Ein Schüler bewegt sich durchschnittlich nicht mal zehn Minuten pro Sportstunde“, sagt Obst. Er betont aber, dass es nicht nur in der Verantwortung der Schule liege, ob sich ein Kind genug bewege. „Schon im Kindergarten planen viele Eltern den Tagesablauf ihrer Kinder durch.“ Dadurch fehle die Zeit zum Spielen und Toben an der frischen Luft.

          Eine Stunde am Tag sollen Kinder und Jugendliche körperlich aktiv sein, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation. Doch nur rund ein Viertel erreicht dieses Ziel, wie eine Langzeitstudie des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ergab. Der Studie zufolge sind jedoch immerhin 60 Prozent der Drei- bis Siebzehnjährigen in einem Sportverein aktiv.

          Viele Sportvereine bieten in Ganztagsschulen nachmittags AGs an. In Frankfurt organisiert etwa der TSV 1875 Bonames seit Jahren an der benachbarten August-Jaspert-Schule Turn-AGs. Für Doris Kuch vom Vereinsvorstand ist die Zusammenarbeit mit der Grundschule eine Notwendigkeit. „Weil viele Kinder erst ab 17 Uhr ins Training können, haben wir seit Jahren weniger junge Mitglieder.“ Gerade vor den Zeugnissen kämen weniger Schüler, sagt Kuch. Die Eltern seien der Meinung, die Schule müsse Vorrang haben. Dabei profitiere auch die Leistung in Deutsch oder Mathe vom Sport: „Bewegung fördert das Lernen.“

          Quelle: F.A.Z.

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