Lange schien es, als tue sich wenig in der Kleinkindbetreuung. Beim „Krippengipfel“ 2007 hatten Bund, Länder und Kommunen einen massiven Ausbau verabredet, doch in Frankfurt nahm die Zahl der Betreuungsplätze für Kinder zwischen einem und drei Jahren (U3) nur langsam zu. Das lag vor allem daran, dass zunächst Standorte für neue Tagesstätten gefunden werden müssen. Es galt, Gebäude zu planen und zu errichten. In einer dicht bebauten Stadt keine leichte Aufgabe, zumal für Kita-Bauten hohe Auflagen zum Beispiel im Brandschutz zu beachten sind.
Diese Vorarbeiten sind inzwischen erledigt, der Ausbau hat geradezu rasante Fahrt aufgenommen und zeigt Resultate: Fast wöchentlich werden Kitas eröffnet, oder in bestehenden Einrichtungen entstehen neue Krippengruppen. Im zu Ende gehenden Jahr kletterte die Zahl der U3-Plätze um 1100 auf 7500. Im nächsten Jahr sollen nach Angaben des Bildungsdezernats noch einmal 2000 hinzukommen. Damit wäre eine Abdeckung von 35 Prozent erreicht, was dem für Westdeutschland vereinbarten Richtwert entspricht. Dieser basiert auf der Annahme, dass für etwa jedes dritte Kind im Krippenalter eine Betreuung benötigt wird.
Ein theoretischer Wert
Allerdings ist der Wert theoretischer Natur, denn der Bedarf an Betreuungsplätzen ist regional unterschiedlich, unter anderem hängt er von den Anteilen der Erwerbstätigen und der Alleinerziehenden ab. In Frankfurt sind diese Quoten hoch, und es kommt hinzu, dass die Kinderzahl in der größten hessischen Stadt insgesamt steigt. Deshalb soll der Ausbau 2013 auch nicht enden. Bis 2015 will die Stadt 10700 Plätze für Krippenkinder anbieten, das entspräche einer Quote von fast 50 Prozent. Bildungsdezernentin Sarah Sorge (Die Grünen) spricht sogar von einem Bedarf von 60 Prozent.
Für die Kommunen bedeutet der Ausbau der Kinderbetreuung nicht nur hohe Investitionen, sondern auch steigende Personal- und Betriebskosten. Wie der Erste Stadtrat von Hofheim, Wolfgang Exner (CDU), sagt, haben sich die Ausgaben der Stadt für die Kinderbetreuung von 2005 bis 2012 von knapp vier auf mehr als acht Millionen Euro verdoppelt. Ähnlich ist es in Bad Soden: Dort seien die Ausgaben für die Kinderbetreuung im selben Zeitraum von 1,5 Millionen Euro auf nunmehr 4,2 Millionen Euro gestiegen, sagt Bürgermeister Norbert Altenkamp (CDU). Der wesentliche Teil des städtischen Defizits resultiere daraus. Seien 2005 noch 27 Plätze für Kinder unter drei Jahren ausreichend gewesen, so steige dieser Anteil im nächsten Jahr auf 165 Kinder und danach vermutlich noch weiter.
Nicht alle Kommunen werden den Anspruch erfüllen können
In Bad Vilbel betrug das Gesamtdefizit in der Kinderbetreuung nach Angaben der Stadt in diesem Jahr 5,9 Millionen Euro. Im nächsten Jahr und den folgenden werde sich der Fehlbetrag durch die Schaffung von 40 neuen U3-Plätzen und die Tarifsteigerungen auf mehr als sechs Millionen Euro erhöhen. Der Wetteraukreis hat schon beschlossen, die Zuschüsse für U3-Plätze von jährlich 1000 Euro pro Platz im nächsten Jahr auf 213 Euro zu kürzen.
Voraussichtlich werden nicht alle Kommunen der Rhein-Main-Region den Rechtsanspruch zum Stichtag 1. August 2013 erfüllen können. So leben in Langen derzeit 974 Kinder unter drei Jahren; das sind 70 mehr als vor einem Jahr. Dem stehen gerade 172 Betreuungsplätze bei der Stadt, freien und kirchlichen Trägern gegenüber. Die Kitas können somit nur 17,6 Prozent dieser Altersgruppe aufnehmen. Die Plätze bei Elterninitiativen und in der Tagespflege hinzugerechnet, sind derzeit 26 Prozent der U3-Kinder versorgt. Der Langener Bürgermeister Frieder Gebhardt (SPD) rechnet zudem damit, dass nicht einmal eine Quote von 35 Prozent den Bedarf decken würde.
Trotz Quotenerfüllung wohl nicht genügend Plätze
Auch der Mühlheimer Bürgermeister Daniel Tybussek (SPD) sieht es „kritisch“, ob die Stadt im nächsten Jahr die für Westdeutschland angestrebte Abdeckung erreicht. 686 Kinder bis drei Jahre lebten Mitte 2012 in der Stadt; 218 Plätze gibt es in den Kitas unterschiedlicher Träger und bei Tagesmüttern. Somit stehen für 32 Prozent der Kleinkinder Plätze zur Verfügung. Zwar werde „an allen Ecken und Enden gebaut“, und die Stadt befinde sich auf einem „guten Weg“. Doch Mühlheim wachse auch, sagt der Bürgermeister. Das Ziel habe man „noch lange nicht erreicht“. Tybussek erwartet, dass auch in Mühlheim der tatsächliche Bedarf bei mehr als 35 Prozent liegen wird.
Andere Kommunen im Kreis Offenbach werden die 35-Prozent-Marke bis zum nächsten Jahr zwar überschreiten, doch auch sie zweifeln daran, dass sie damit den Bedarf abdecken können. In Rödermark stehen derzeit 155 U3-Plätze in Kitas und 36 in der Tagespflege zur Verfügung - insgesamt also 191 Plätze. Das sind 49 mehr als 2011. Weitere 38 kommen demnächst hinzu. Somit gibt es im nächsten Jahr insgesamt 229 Plätze für rund 640 Kinder, was einem Versorgungsgrad von etwa 38 Prozent entspricht. Trotzdem wird es noch dauern, bis die Wartelisten für Krippen-Plätze kürzer werden.
Aschaffenburg sieht dem Rechtsanspruch gelassen entgegen
In Mainhausen erfüllen Kitas und Tagesmütter die angestrebte Versorgungsquote derzeit zwar nicht, nach Angaben von Bürgermeisterin Ruth Disser (SPD) entstehen aber noch zusätzliche Plätze; „dann haben wir es“. Sollte der Bedarf die erwarteten 35 Prozent übersteigen, will Disser versuchen, „niemanden im Regen stehen zu lassen“. In einer kleineren Gemeinde wie Mainhausen „findet man für den einen oder anderen Notfall gegebenenfalls doch noch mal eine Lösung auf dem kurzen Dienstweg“.
Die Stadt Aschaffenburg sieht dem Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige gelassen entgegen. Zwar liegt der Versorgungsgrad aktuell erst bei 29 Prozent. Doch bis zum August nächsten Jahres sollen 102 weitere Plätze in Krippen, regulären Kindergärten und privaten Einrichtungen entstehen. Aschaffenburg würde damit eine Betreuungsquote von 36 Prozent erreichen. Jugendamtsleiter Michael Sommer nimmt an, dass sich damit der Bedarf decken lässt. Allerdings kann es in einzelnen Stadtteilen zu Engpässen kommen, während in anderen die Plätze nicht vollständig in Anspruch genommen werden. Dies kann dazu führen, dass Eltern ihre Kinder dorthin bringen müssen, wo noch Plätze frei sind. In Aschaffenburg leben 1718 Kinder unter drei Jahren. 456 werden in Krippen oder Kindergartengruppen und weitere 40 von Tagesmüttern betreut.
Große Nachfrage in Rheinland-Pfalz
In Rheinland-Pfalz und damit auch in der Landeshauptstadt Mainz gilt schon seit August 2010 ein Rechtsanspruch, der den Zwei- bis Sechsjährigen einen Kindergartenplatz garantiert - noch dazu für alle beitragsfrei. Dementsprechend groß ist die Nachfrage: Während der Bund von rund 35 Prozent ausgeht, rechnen die Mainzer aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen damit, dass vom 1. August nächsten Jahres an wohl eher 40 Prozent der Einjährigen und 60 Prozent der Zweijährigen morgens vor den Türen der Betreuungseinrichtungen stehen werden. Aktuell gibt es in der Stadt rund 6400 Plätze, gut 1000 weitere dürften noch gebraucht werden. Und das, obwohl seit 2009 schon rund 25 Millionen Euro in den Neu- und Ausbau von Kitas gesteckt wurde. Investitionen in Höhe von fast 30 Millionen Euro sind für die nächsten beiden Jahre angekündigt. Fehlt nur mehr das Personal, das angesichts des bundesweit ausgerufenen Ausbauprogramms allerdings nicht leicht zu finden ist. 113 Vollzeitstellen wurden in Mainz seit 2009 geschaffen und besetzt; mehr als doppelt so viele neue Mitarbeiter werden nach Angaben der Stadtverwaltung bis 2016 aber noch gesucht.
Auch in Darmstadt sind die Anstrengungen für den Krippenausbau immens. Die grün-schwarze Koalition will trotz angespannter Haushaltslage das „Sofortprogramm Kinderbetreuung“ konsequent fortsetzen. Sozialdezernentin Barbara Akdeniz (Die Grünen) strebt in den nächsten zwei Jahren einen Versorgungsgrad von 45 Prozent bei den U3-Plätzen an. Im Haushaltsentwurf für 2013 sind deshalb 3,3 Millionen Euro für die Kitaversorgung festgeschrieben. Aktuell geschaffen werden der Kämmerei zufolge 312 neue Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren.
Wiesbaden und der Rheingau-Taunus-Kreis „auf Kurs“
Der Rheingau-Taunus-Kreis sieht sich mit einer aktuellen Versorgungsquote von 31,2 Prozent auf gutem Weg, den Rechtsanspruch zu erfüllen. Nach Angaben von Jugendhilfedezernentin Monika Merkert (SPD) gibt es in den 17 Städten und Gemeinden zusammen 1265 Plätze. 2008, als der Kreis begann, für Krippenplätze jährlich 750000 Euro an die Kommunen auszuschüttten, waren es noch 736 Plätze. Zur Erreichung des Quotenzieles fehlen kreisweit noch 153 Plätze. Das sei innerhalb der nächsten neun Monate zu schaffen, weil in den bislang weniger gut versorgten Kommunen mit Hochdruck an einer Verbesserung gearbeitet werde, berichtet Merkert.
Wiesbaden befindet nach den Worten von Sozialdezernent Axel Imholz (SPD) ebenfalls „auf Kurs“. Die Stadt habe die Zeichen der Zeit früh erkannt und zusätzlichen Krippenplätzen höchste Priorität eingeräumt. Im nächsten Jahr werde die Quote von 35 Prozent erreicht, kündigt Imholz an. Der ermittelte tatsächliche Bedarf liege aber bei zirka 48 Prozent. „Darum haben wir unsere Anstrengungen verstärkt.“ Weitere Erweiterungen und Neubauprojekte seien auf den Weg gebracht worden. Durch die Umnutzung von Horten würden zusätzliche Plätze entstehen.
Bad Homburg will 60 Prozent der Kleinkinder versorgen
Die finanzielle Herausforderung für die Stadt sei immens. Im Haushalt 2012/13 stünden für den Ausbau des Krippenangebotes insgesamt sechs Millionen Euro bereit. Eine stärkere finanzielle Unterstützung des Bundes und des Landes wäre nicht nur für Wiesbaden nötig. Schließlich habe der Bund mit dem von August an geltenden Rechtsanspruch die Kommunen unter Handlungsdruck gesetzt.
Im Hochtaunuskreis steht nach den von der Kreisverwaltung erhobenen Zahlen derzeit für etwa jedes Dritte Kind unter drei Jahren ein Platz in einer Krippe oder bei einer Tagesmutter zur Verfügung. Die Quote lag Anfang November bei knapp 37 Prozent, wobei etwa zwei Drittel des Angebots auf Krippenplätze entfiel. Bei der Auswertung unberücksichtigt geblieben ist die Sonderstatusstadt Bad Homburg, wo es nach eigenen Angaben für 40 Prozent der 1300 Kinder im entsprechenden Alter ein Betreuungsangebot gibt. Im Rathaus schließt man aber nicht aus, dass weitaus mehr Eltern im nächsten Jahr den Rechtsanspruch geltend machen könnten. Der Bad Homburger Sozialdezernent Dieter Kraft (Die Grünen) strebt an, bei Bedarf für bis zu 60 Prozent der Kleinkinder einen Platz bereitzustellen.
Dieburg in glücklicher Lage
Auch Krafts Oberurseler Kollege Christof Fink (Die Grünen) glaubt nicht, dass der für Westdeutschland genannte Durchschnittswert in der zweitgrößten Stadt des Kreises ausreicht. Weil im Frühjahr die Kindertagesstätte Zauberwald mit erweiterter Kapazität bereitstehe, stünden im Sommer 550 Plätze bereit, womit knapp die Hälfte der Kinder versorgt wäre. Nach der Liste des Kreises lässt sich übrigens nicht sagen, dass das Angebot vor dem Taunuskamm besser sei als im Usinger Land. So zählen demnach außer Kronberg auch Neu-Anspach, Usingen und Wehrheim mit Versorgungsquoten zwischen 47 und 54 Prozent zu den Spitzenreitern. Dagegen liegt sie zur Zeit unter anderem in Grävenwiesbach, Schmitten und Steinbach zum Teil deutlich unter 30 Prozent.
Die kompakte Stadt Dieburg und die Bergstraßengemeinde Seeheim-Jugenheim mit ihren sechs Ortsteilen sehen sich hingegen in der glücklichen Lage, dass sie schon jetzt die 35-Prozent-Vorgabe mehr als erfüllen. Dieburg mit seinen gut 16000 Einwohnern weist 85 Plätze für Kinder zwischen einem und drei Jahren auf. Vor zwei Jahren unterstützte die Stadt einen privaten Verein, der die Betreuung der Kinder zum Ziele hat. Wegen der großen Nachfrage sollen bald in einem neuen Kindergarten weitere 20 Plätze hinzukommen, die Evangelische Kirche will, wie Bürgermeister Werner Thomas (parteilos) erläutert, weitere zehn Plätze bereitstellen.
In Seeheim-Jugenheim liegt die Quote derzeit bei 40 Prozent. Nach Angaben von Bürgermeister Olaf Kühn (parteilos) sollen wegen der großen Nachfrage zu den bestehenden 110 Plätzen, darunter fünf Gruppen von privaten Trägern und bei sieben Tagesmüttern, weitere hinzukommen. Von den Ortsteilen, umgangssprachlich Bergdörfer genannt, hat nur Ober-Beerbach eine U3-Gruppe.

