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Psychotherapien : Schnelle Hilfe in Krisensituationen

Rolle des Lotsen: Nach einer Sprechstunde sollen Psychotherapeuten von nun an entscheiden, wie dem Patienten geholfen werden kann. Bild: dpa

Länger als vier Wochen soll kein Patient mehr auf den Termin bei einem Psychotherapeuten warten müssen. Die neue Richtlinie soll einem veränderten Bedarf gerecht werden.

          Menschen in seelischen Krisen sollen künftig schneller professionelle Unterstützung erhalten. Ohne Überweisung vom Arzt und Genehmigung der Krankenkasse dürfen sie direkt zum Psychotherapeuten gehen. Das sieht die neue Psychotherapie-Richtlinie vor, die am Samstag in Kraft tritt. Es handelt sich um die erste umfassende Neuregelung der Psychotherapie seit Beginn des Jahrhunderts.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Um den Kontakt herstellen zu können, müssen die Praxen künftig zu festen Zeiten telefonisch erreichbar sein und zudem Sprechstunden an mindestens zwei Terminen je Woche anbieten. Patienten, die keinen Termin erhalten oder keinen Psychotherapeuten finden, können sich an die Kassenärztliche Vereinigung wenden. Dort wird ihnen ein Termin innerhalb der nächsten vier Wochen bei einem Therapeuten in „zumutbarer Entfernung“ vermittelt. In Hessen ist die Terminservicestelle werktags von 9 bis 16 Uhr, freitags nur bis 14 Uhr unter der Rufnummer 0 69/40 05 00 00 zu erreichen.

          Weitere Termine falls notwendig

          Schon im Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung, das Mitte 2015 in Kraft trat, war vorgesehen, den gesetzlich Versicherten den Zugang zu Psychotherapien zu erleichtern. Nun haben sich die zuständigen Gremien auf die Einzelheiten geeinigt. Zentraler Bestandteil ist die neu eingeführte Sprechstunde. Patienten können sich mit allen Anliegen direkt an die Therapeuten wenden: mit Suizidgedanken ebenso wie mit der Frage, ob es sich bei dem momentanen Stimmungstief schon um eine behandlungsbedürftige Depression handelt oder ob die Schwierigkeiten der Kinder in der Schule auf eine psychische Störung hindeuten.

          Nachdem der Hilfesuchende seine Nöte geschildert hat, wird gemeinsam entschieden, wie ihm am besten geholfen werden kann. Die Psychotherapeuten sollen dabei die Rolle eines Lotsen im Hilfesystem übernehmen. Nicht immer muss eine ambulante Psychotherapie folgen: Der Patient kann auch an eine Beratungsstelle, eine Selbsthilfegruppe oder eine Klinik verwiesen werden. Falls notwendig, können aber weitere Termine für eine Akutbehandlung vereinbart werden, ohne dass die Krankenkasse dies bewilligen muss.

          Mehr Formulare für kurze Therapien

          Von der Neuregelung erwartet die Leiterin der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse, Barbara Voß, dass mehr Patienten „ambulant aufgefangen“ würden, statt sie in eine Klinik einzuweisen. Es stärke die Patienten, wenn sie in ihrem gewohnten Umfeld bleiben könnten. Nach Angaben der Krankenkasse wird die Richtlinie darüber hinaus dem veränderten Bedarf gerecht: Mehr Menschen als früher nähmen Therapien in Anspruch, die aber häufig nicht mehr so lange dauerten.

          Der Landesverband der Vertragspsychotherapeuten zeigt sich dagegen enttäuscht. Um Patienten schneller helfen zu können, seien mehr Therapeuten nötig, sagt Sprecherin Ariadne Sartorius, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin im Frankfurter Gallus. Dafür müsse die Bedarfsplanung angepasst und sollten mehr Kollegen zugelassen werden.

          Denn anders als bei Ärzten gebe es im Grunde keinen Nachwuchsmangel. Viele Forderungen der Therapeuten sind laut Sartorius bei der Neuregelung nicht berücksichtigt worden. So sei das Gutachterverfahren für Langzeittherapien nicht einfacher geworden, für kurze Therapien müssten sogar mehr Formulare ausgefüllt werden. Für die sogenannte Rezidivprophylaxe, mit der Rückfälle der Patienten zum Beispiel in eine Depression verhindert werden sollten, seien keine zusätzlichen Termine vorgesehen.

          Sprechstunde vor Therapie verpflichtend

          Stattdessen müssten Stunden aus dem Kontingent dafür reserviert werden, wodurch die eigentliche Behandlung kürzer werde. Gleiches gelte für die Akutbehandlung von Kindern und Jugendlichen, bei der – anders als bei einer Langzeittherapie – keine Extra-Sitzungen mit Bezugspersonen wie Eltern oder Lehrern vorgesehen seien.

          Besonders enttäuscht sind die Psychotherapeuten von der Vergütung für die neuen Leistungen, über die erst am Mittwoch in Berlin entschieden wurde. So erhielten die Therapeuten für die Sprechstunde und die Akutbehandlung weniger Geld als für eine Therapiesitzung, berichtet Sartorius. Dabei sei der Aufwand höher: Die Therapeuten müssten lange zuhören und viel dokumentieren, um die Lage eines neuen Patienten einschätzen zu können.

          Um gute Lotsen zu sein, müssten sie sich zudem in ihrer Freizeit vernetzen und das Hilfesystem erkunden. Mit dieser Vergütung sei das wirtschaftlich nicht machbar. Dadurch würden die neuen Möglichkeiten vermutlich nicht ausgeschöpft, fürchtet Sartorius. Allerdings solle vom nächsten Jahr an die Sprechstunde verpflichtend sein. Jeder Patient müsse vor einer Psychotherapie derart beraten werden.

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