Home
http://www.faz.net/-gzg-76ev5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Rebekka Bakken Aus seinen wilden Jahren

Letztes Wochenende vor dem Untergang Amerikas: Rebekka Bakken und die hr-Bigband widmen sich Tom Waits.

© HR / Anna Meuer Vergrößern Zeigt uns den schönen alten Dixie Moon: Rebekka Bakken. Rechts im Bild Jörg Achim Keller.

So etwas kann auch schiefgehen. Jedenfalls braucht man starke Nerven, intaktes Selbstvertrauen, verlässliche Instinkte, feines Gespür für Atmosphäre, ein ästhetisches Konzept und gute Musiker, wenn man Tom Waits interpretieren will. Denn dieser dürre kalifornische Poet, der mit seiner ruinierten Stimme nahe am Pulsschlag der Zeit oder doch wenigstens am Nerv der Szene ist, gehört zu den wenigen wirklichen Genies der Rockmusik, falls man diese Begriffe überhaupt auf ihn anwenden kann.

In seinen Liedern trifft man John Dos Passos wieder, der am Manhattan Transfer gerade auf irgendeinen Zug nach Westen aufspringt. Man erkennt die Vogelscheuchen aus John Steinbecks Cannery Row, die aus ihrem verkorksten Hinterhofdasein etwas machen wollen und doch immer wieder bei der gleichen Flasche Fusel landen. Und man begegnet den träge-sinnlichen Gestalten aus William Faulkners Louisiana-Albtraumwelt. Das Szenario von Tom Waits: das letzte Wochenende vor dem Untergang Amerikas. Aber was für ein Adrenalin-Ausstoß und was für eine handwerkliche Präzision gehören dazu, diese windschiefe Poesie mit diesen verschlissenen Klängen in Drei-Minuten-Kunstwerke zu verwandeln.

Eine Art Hyper-Tom-Waits

Starke Nerven, intaktes Selbstvertrauen und all die Voraussetzungen zur Aneignung dieser Songs aus dem Delirium tremens einer schlechten Gesellschaft darf man allen Beteiligten an dem Projekt „Americana“ unterstellen, das jetzt an zwei Abenden im Sendesaal des Hessischen Rundfunks vorgestellt wurde: der norwegischen Sängerin Rebekka Bakken, der famosen hr-Bigband und dem Leiter und Arrangeur Jörg Achim Keller. Man muss sagen, dass keiner an dem Wagnis gescheitert ist, gerade weil etwas anderes als das Original oder eine Kopie davon herausgekommen ist. Denn nichts wäre aussichtsloser, als den Tonfall von Tom Waits treffen oder gar übertreffen, eine Art Hyper-Tom-Waits kreieren zu wollen.

Ein orchestraler Kurt-Weill-Tonfall findet sich in manchen der vielgestaltigen Arrangements von Jörg-Achim Keller, auch im Gesangsduktus von Rebekka Bakken, die bisweilen, etwa im brüchigen Sprechduktus, an den Songstil von Gisela May oder gar Lotte Lenya erinnert. Dann wiederum betonen einige Neuarrangements den latenten Gestus des originalen Songs, indem sie einen Bigband-Sound für eine schmachtende Schnulzensängerin, eine sparsam nur mit Klavier und solistischer Klarinette begleitete Ballade (mit viel Stilgefühl: Peter Reiter und Oliver Leicht) oder einen schwülen Tango hervorzaubern.

Orientierung am Vorbild

Keller hat sich wohl ausgiebig mit der Struktur dieser Stücke auseinandergesetzt, um ihre Essenz zu erfassen, muss sie erforscht, seziert, dekonstruiert und dann wieder neu zusammengesetzt haben. Im Übrigen konnte er sich natürlich auch an den Arrangements von Tom Waits selbst orientieren, an seinen Klangverfremdungen durch Geräuschballungen, perkussive Attacken und harmonische Reibungen, aber auch an der Verwendung großer Jazz-Ensembles, etwa der Preservation Hall Jazz Band auf seiner Einspielung „Bad As Me“. Die besten Arrangements, wen wundert es, sind dabei jene geworden, bei denen Keller den kompakten Klang seiner Bigband und die packenden Soli seiner souveränen Instrumentalisten wie Martin Auer, Axel Schlosser, Steffen Weber oder Tony Lakatos einsetzen konnte.

Und die besten Songs von Rebekka Bakken waren jene, bei denen sie nicht in die Haut von Tom Waits schlüpfen musste, bei denen sie als jazzerfahrene, aber über den Jazz hinausweisende Pop-Künstlerin ihre ganze Singer-Songwriter-Kompetenz ausreizen konnte: in atmosphärisch dichten Balladen wie „Broken Bicycles“ aus Francis Ford Coppolas Film „One from the Heart“ oder dem unbeschreiblich schön gesungenen „I Wish I Was in New Orleans“, bei dem man förmlich den alten Dixie Moon aufgehen und Tom Waits mit roter Nase und einer Flasche in der Hand die Burgundy Street auf und ab schlendern sehen konnte.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Album der Woche Lieder der Elefanten

Peter Thiessen ist einer der poetischsten Songtexter im deutschsprachigen Pop. Dass seine Band Kante auch mit Material aus fremden Federn etwas anzufangen weiß, von Dante oder Voltaire etwa, zeigt ihr neues Album. Mehr Von Thorsten Gräbe

16.02.2015, 15:37 Uhr | Feuilleton
Ban Ki-moon lobt Sängerin Conchita Wurst bei der UNO

Ehrung für Conchita Wurst: UNO Generalsekretär Ban Ki-moon hat die Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2014 in Wien empfangen. Ban lobte ihren Kampf gegen Intoleranz und Diskriminierung. Mehr

04.11.2014, 10:30 Uhr | Gesellschaft
Unser Song für Österreich Rampensau der Reeperbahn

Dieser Vorentscheid zum Vorentscheid hatte etwas von einem Schulkonzert. Am Ende gewann die professionellste Sängerin. Ann Sophie darf hoffen, Deutschland beim Eurovision Song Contest in Wien vertreten zu dürfen. Mehr Von Peter-Philipp Schmitt, Hamburg

20.02.2015, 03:42 Uhr | Gesellschaft
Bundesliga Schalke trennt sich von Keller

Seit seinem Amtsantritt als Cheftrainer stand Jens Keller immer wieder in der Kritik. Letztlich kostete die aus Clubsicht fehlende Konstanz Keller den Job. Neuer Trainer wird Ex-Chelsea-Coach di Matteo. Mehr

07.10.2014, 14:48 Uhr | Sport
Zum Tod von Lesley Gore Sie wollte kein Spielzeug sein

Mit scheinbar harmlosen Teenager-Hymnen hatte Lesley Gore in den sechziger Jahren ihre größten Erfolge, aber Songs wie You Don’t Own Me entfalteten auch emanzipatorische Kraft. Nun ist die Sängerin im Alter von 68 Jahren gestorben. Mehr Von Jan Wiele

17.02.2015, 14:23 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 08.02.2013, 17:52 Uhr

Blockupy und die Gewalt

Von Helmut Schwan

Es gibt Grüppchen im Netz, die planen vollmundig die Stilllegung der EZB-Eröffnung. Für die Polizei entwickelt sich dieses Gewaltpotential zu einer doppelten Herausforderung. Aber auch die Blockupy-Bewegung ist hier gefragt. Mehr 5