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Rebekka Bakken Aus seinen wilden Jahren

 ·  Letztes Wochenende vor dem Untergang Amerikas: Rebekka Bakken und die hr-Bigband widmen sich Tom Waits.

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So etwas kann auch schiefgehen. Jedenfalls braucht man starke Nerven, intaktes Selbstvertrauen, verlässliche Instinkte, feines Gespür für Atmosphäre, ein ästhetisches Konzept und gute Musiker, wenn man Tom Waits interpretieren will. Denn dieser dürre kalifornische Poet, der mit seiner ruinierten Stimme nahe am Pulsschlag der Zeit oder doch wenigstens am Nerv der Szene ist, gehört zu den wenigen wirklichen Genies der Rockmusik, falls man diese Begriffe überhaupt auf ihn anwenden kann.

In seinen Liedern trifft man John Dos Passos wieder, der am Manhattan Transfer gerade auf irgendeinen Zug nach Westen aufspringt. Man erkennt die Vogelscheuchen aus John Steinbecks Cannery Row, die aus ihrem verkorksten Hinterhofdasein etwas machen wollen und doch immer wieder bei der gleichen Flasche Fusel landen. Und man begegnet den träge-sinnlichen Gestalten aus William Faulkners Louisiana-Albtraumwelt. Das Szenario von Tom Waits: das letzte Wochenende vor dem Untergang Amerikas. Aber was für ein Adrenalin-Ausstoß und was für eine handwerkliche Präzision gehören dazu, diese windschiefe Poesie mit diesen verschlissenen Klängen in Drei-Minuten-Kunstwerke zu verwandeln.

Eine Art Hyper-Tom-Waits

Starke Nerven, intaktes Selbstvertrauen und all die Voraussetzungen zur Aneignung dieser Songs aus dem Delirium tremens einer schlechten Gesellschaft darf man allen Beteiligten an dem Projekt „Americana“ unterstellen, das jetzt an zwei Abenden im Sendesaal des Hessischen Rundfunks vorgestellt wurde: der norwegischen Sängerin Rebekka Bakken, der famosen hr-Bigband und dem Leiter und Arrangeur Jörg Achim Keller. Man muss sagen, dass keiner an dem Wagnis gescheitert ist, gerade weil etwas anderes als das Original oder eine Kopie davon herausgekommen ist. Denn nichts wäre aussichtsloser, als den Tonfall von Tom Waits treffen oder gar übertreffen, eine Art Hyper-Tom-Waits kreieren zu wollen.

Ein orchestraler Kurt-Weill-Tonfall findet sich in manchen der vielgestaltigen Arrangements von Jörg-Achim Keller, auch im Gesangsduktus von Rebekka Bakken, die bisweilen, etwa im brüchigen Sprechduktus, an den Songstil von Gisela May oder gar Lotte Lenya erinnert. Dann wiederum betonen einige Neuarrangements den latenten Gestus des originalen Songs, indem sie einen Bigband-Sound für eine schmachtende Schnulzensängerin, eine sparsam nur mit Klavier und solistischer Klarinette begleitete Ballade (mit viel Stilgefühl: Peter Reiter und Oliver Leicht) oder einen schwülen Tango hervorzaubern.

Orientierung am Vorbild

Keller hat sich wohl ausgiebig mit der Struktur dieser Stücke auseinandergesetzt, um ihre Essenz zu erfassen, muss sie erforscht, seziert, dekonstruiert und dann wieder neu zusammengesetzt haben. Im Übrigen konnte er sich natürlich auch an den Arrangements von Tom Waits selbst orientieren, an seinen Klangverfremdungen durch Geräuschballungen, perkussive Attacken und harmonische Reibungen, aber auch an der Verwendung großer Jazz-Ensembles, etwa der Preservation Hall Jazz Band auf seiner Einspielung „Bad As Me“. Die besten Arrangements, wen wundert es, sind dabei jene geworden, bei denen Keller den kompakten Klang seiner Bigband und die packenden Soli seiner souveränen Instrumentalisten wie Martin Auer, Axel Schlosser, Steffen Weber oder Tony Lakatos einsetzen konnte.

Und die besten Songs von Rebekka Bakken waren jene, bei denen sie nicht in die Haut von Tom Waits schlüpfen musste, bei denen sie als jazzerfahrene, aber über den Jazz hinausweisende Pop-Künstlerin ihre ganze Singer-Songwriter-Kompetenz ausreizen konnte: in atmosphärisch dichten Balladen wie „Broken Bicycles“ aus Francis Ford Coppolas Film „One from the Heart“ oder dem unbeschreiblich schön gesungenen „I Wish I Was in New Orleans“, bei dem man förmlich den alten Dixie Moon aufgehen und Tom Waits mit roter Nase und einer Flasche in der Hand die Burgundy Street auf und ab schlendern sehen konnte.

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