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„Hedwig and the Angry Inch“ : Raus aus der Wohlfühlzone

Bringen in Frankfurt „Hedwig and the Angry Inch“ auf die Bühne: Musical-Produzenten Stephan Huber (links) und Marina Pundt Bild: Maria Klenner

Jenseits des Kitschs: Mit „Hedwig and the Angry Inch“ präsentiert Off-Musical Frankfurt seine erste Produktion.

          Der kleine Unterschied misst gerade einmal 2,54 Zentimeter oder, um ein anderes Längenmaß zu verwenden, einen Inch. Doch diese Kleinigkeit beweist, dass Hedwig eigentlich weder Männlein noch Weiblein, sondern vor allem das Opfer einer verpfuschten Geschlechtsumwandlung ist. Der hatte sich Hänsel Schmidt, wie Hedwig ursprünglich hieß, aus Liebe und aus Freiheitsdrang unterzogen. Aufgewachsen in den achtziger Jahren in Ost-Berlin und damit noch hinter dem Eisernen Vorhang, hatte sich Hänsel in den amerikanischen Soldaten Luther verliebt, der sich tatsächlich erbot, den mit seiner geschlechtlichen Identität ringenden Hänsel zu heiraten und ihn mit in die Vereinigten Staaten zu nehmen. Allerdings musste Hänsel dafür „etwas zurücklassen“ und sich einer Operation unterziehen, um zu Hedwig zu werden. Dabei blieb aber jener verdammte Inch zurück, der dem schrillen Bühnenstück „Hedwig and the Angry Inch“ seinen Namen gibt.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das im Februar 1997 in New York uraufgeführte Stück erzählt im Stile eines Rockkonzerts von Hedwigs Leben und ihrer Suche nach ihrer anderen Hälfte, was ganz bewusst auf die Doppelkreatur aus Platos „Symposion“ verweist. Die wurde von den Göttern in zwei Hälften gespalten und steht symbolisch für die Gegensätze in der Welt, die doch überwunden sein wollen, um gerettet zu sein. Der Schauspieler John Cameron Mitchell und der Rockmusiker Stephen Trask hatten die Figur der Hedwig seinerzeit für einen Transvestiten-Club in New York geschaffen, wo Drag Queens Klassiker der Rockmusik nachsangen. Das könnte erklären, warum sich um „Hedwig“ ein ähnlicher Kult entwickelte wie um die „Rocky Horror Show“. Hier wie dort zelebrieren Fans in kunstvollen Kostümen die Aufführungen. Daran hat sich bis heute nichts geändert, selbst wenn „Hedwig and the Angry Inch“ im eigentlichen Sinne kein Bühnenklassiker ist und nun ständig inszeniert würde.

          Sich an einer Neuinszenierung versuchen

          Doch das Stück hat seine Fans, wie auch in Frankfurt vor bald neun Jahren zu beobachten war, als „Hedwig“ in den Räumen des alten English Theatre an der Kaiserstraße aufgeführt wurde. Sich an einer Neuinszenierung zu versuchen, mag daher kein außerordentliches Wagnis sein, gleich ein Unternehmen damit zu starten, hingegen schon. Die 27 Jahre alte Marina Pundt und der 26 Jahre alte Stephan Huber gehen genau dieses Wagnis ein. Die beiden Musical-Fans haben in diesem Jahr die Produktionsfirma Off-Musical Frankfurt gegründet, mit der sie fortan zeitgenössische Musicals aus New York und London auf Bühnen in Frankfurt bringen wollen. Am Broadway und im West End haben sich die beiden, die sich während des Studiums in Bremen kennengelernt hatten, immer wieder umgesehen und auf ihrem Online-Portal kulturpoebel.de über neue Stücke und Inszenierungen im Musical-Bereich berichtet.

          Die Bühnenwerke, die ihnen besonders gefallen, die mittels Rock, R&B, Hip Hop oder Electro auch von den Beschwernissen des Lebens erzählen, würden sie in Deutschland allerdings wohl niemals sehen, wussten die beiden von Anfang an, weshalb sie irgendwann auf die Idee kamen, warum sie sich nicht einfach selbst um Aufführungen kümmern sollten. „In Deutschland gibt es ein großes Publikum für Musicals, doch werden hier vor allem die Wohlfühl-Geschichten gezeigt“, sagt Stephan Huber. Harter Rock oder Punk erklingen da vermutlich nicht, weshalb Pundt und Huber mit ihren Produktionen in Lokalitäten wollen, in denen sonst Konzerte veranstaltet werden. Zwei bekannte Frankfurter Institutionen haben sie schon überzeugen können, es mit Musical-Aufführungen zu versuchen. „Hedwig and the Angry Inch“ wird von heute an 16 Mal in der Brotfabrik in Hausen aufgeführt. Und auch die Batschkapp soll nächstes Jahr bespielt werden. Dort wird im Januar, im Februar und Mai 2018 insgesamt acht Mal die deutschsprachige Erstaufführung von „American Idiot“ zu sehen sein, ein Musical nach dem gleichnamigen Erfolgsalbum der amerikanischen Pop-Punk-Band Green Day.

          Sich die Aufführungsrechte für dieses Stück gesichert zu haben, können Pundt und Huber als einen ersten Coup ansehen, der sie auch etwas beruhigter schlafen lassen dürfte. Die Nachfrage nach Tickets sei groß, freuen sich die beiden, die ihre Unternehmung mit Unterstützung einer Bank gestartet haben. Obwohl beide nicht aus der Rhein-Main-Region stammen, haben sie sich bewusst für Frankfurt als Standort entschieden: „Hier kommt man von überall schnell hin, die Stadt ist sehr international ausgerichtet und es gibt auch keine große Musical-Theater-Konkurrenz wie in Hamburg“, schildern sie die Beweggründe für den Umzug von Bremen an den Main.

          Ein festes Ensemble wollen sie allerdings nicht gründen, sondern für jede Produktion neu casten. Erfahrung haben sie sich in Person ihres musikalischen Leiters Dean Wilmington gesichert, der 17 Jahre lang Dozent an der Bayerischen Theaterakademie August Everding war und schon verschiedene Musicals leitete. Thomas Heep, der bereits an zahlreichen deutschen Theatern arbeitete, wird bei beiden Produktionen Regie führen. Für die Hauptrolle in „Hedwig“ ist gleichfalls ein erfahrener Darsteller gefunden worden. Der gebürtige Frankfurter Michael Kargus hat viele Jahre in der Berliner Inszenierung von „Cabaret“ den Conferencier gegeben. Mit Exzentrikern kennt er sich also aus.

          „Hedwig and the Angry Inch“ ist heute von 20 Uhr an und morgen von 19 Uhr an in der Brotfabrik Frankfurt zu sehen. Weitere Aufführungen im Oktober, November, Dezember und Januar.

          Quelle: F.A.Z.

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