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Raumnot bei Kita-Ausbau : Vom Kino zur Krippe

  • -Aktualisiert am

Sechs Meter Raumhöhe: Wo früher Filme gezeigt wurden, wird Mandica Vincetic von Herbst an eine Kita leiten. Bild: Eilmes, Wolfgang

Bald kommt der gesetzliche Anspruch auf einen Kita-Platz. Doch es fehlen nicht nur Erzieher, sondern auch Räume. Selbst aus Schlecker-Märkten werden deswegen nun Kindertagesstätten.

          Zum ersten Mal sieht Mandica Vincetic die Räume, in denen sie einmal eine Kindertagesstätte leiten wird. Noch wird gebaut. Im Herbst soll die Kita der Arbeiterwohlfahrt in Niederrad eröffnet werden. Durch einen Seiteneingang blickt sie in den dunklen Raum, die Baustellenlampe blendet. Staub liegt in der Luft. Der Geruch von Schutt mischt sich mit dem von frischen Sägespänen. Die Vorstellung, die Vincetic von den Zimmern hatte, nachdem sie vergangene Woche die Grundrisspläne sah, passen mit dem Ort wie er jetzt aussieht nicht zusammen: ein riesiger dunkler Raum, in dem noch nichts zu sehen ist von Gruppenräumen, Bädern und Büros, im Boden sind Löcher und ein langer Graben, nur zur Straße hin gibt es Fenster.

          Die 24 Jahre alte Vincetic, Jeans, schwarze Lederjacke, leichte rosa Stoffschuhe, blickt nach oben. Ihre Krippe war früher ein Kino gewesen und die Decke, fast sechs Meter über ihr, stammt noch aus dieser Zeit. Sie soll erhalten bleiben.

          Unbekannte Geschichte des Gebäudes

          In neuen Krippen erinnern oft Details daran, wie die Räume einst genutzt wurden. Wegen der geplanten Betreuungsgarantie, die von August an für unter Dreijährige gelten soll, suchen die Stadt und die freien Träger Grundstücke, um Krippen zu bauen. Da Frankfurt eng besiedelt ist und passende Flächen rar sind, werden auch Gebäude angemietet. So entstehen Kindertagesstätten an Orten, die nie dafür gedacht waren.

          Vincetic freut sich über die besondere Decke in ihrer Krippe, holt ihr iPhone aus der Tasche und macht ein Foto. Es ist eine sogenannte Kassettendecke, die aussieht als könnte man von unten in viele Kästen schauen, eng aneinandergereiht. Ob sie bemalt waren, ist nicht zu erkennen. Der nackte Beton verrät nichts. Überhaupt ist wenig darüber bekannt, wie das Kino an der Bruchfeldstraße in Niederrad ausgesehen hat. Der Vermieter kaufte das Gebäude als es von einer Drogeriekette als Laden genutzt wurde. Vieles war schon umgebaut. Und so rätselt Vincetic über sechs große Steine, die in dem Mauerwerk über dem Fenster eine Reihe bilden. Sie passen nicht in das monotone Muster der Ziegelsteine. Vielleicht eine zugemauerte Luke, durch die der Film in den Saal projiziert wurde? Ob es so ist, kann ihr keiner sagen. Nach dem Umbau werden die Steine hinter dem Putz verschwinden.

          Früher war es eine Autowerkstatt

          Spuren von dem, was vorher in den Räumen war, werden selten erhalten. Die Gebäude werden so umgebaut, dass sie dem Konzept des Trägers entsprechen und den hohen Sicherheitsstandards. Das Diakonische Werk zum Beispiel betreibt Krippen in einer ehemaligen Eisdiele, in Wohnungen, Büros oder Lagerhallen - von der vorherigen Nutzung ist dort nichts mehr zu spüren. Bei der ehemaligen Post in Zeilsheim erinnert noch der Name an das, was früher einmal war: Alte Post heißt die Kindertagesstätte. Die Krippe Tatütata der Johanniter in Enkheim wurde wegen der Rettungswache, die vorher die Räume nutzte, so benannt. Drei große quadratische Fensterfronten erinnern an die Zeit, als hier Rettungswagen durch drei Tore fuhren.

          Bei der Kindertagesstätte Sandfee im östlichen Nordend sind ebenfalls die Fenster aufschlussreich: Groß wie Garagentore verraten sie, dass hier eine Autowerkstatt gewesen ist. Dort, wo die Abgasuntersuchung gemacht wurde, ist jetzt der Schlafraum, in den anderen Gruppenräumen waren eine Karosseriehalle und drei Hebebühnen.

          Früher Warenanlieferungen, heute Zufahrt zur Krippe

          Gleich neben der Krippe führt ein breites, grünes Tor zum Hof. „Ein- & Ausfahrt Tag u. Nacht freihalten“, steht auf einem Schild. Es hängt schon lange dort, wie die rostigen Nägel ahnen lassen. Das Schild hat seinen Sinn verloren. Früher parkten auf dem Hof Gebrauchtwagen zum Verkauf, heute spielen dort Kinder zwischen Sandkästen und Bäumen. Rein und raus fährt jetzt nur der Bollerwagen. Aber auch der braucht Platz, um vom Hof zu kommen. Somit sind die Erzieherinnen dankbar, dass das Schild noch hängt.

          Ehemalige Supermärkte und Drogerien nutzen fast alle großen Träger. Die Krippe Hügelhüpfer des BVZ Beratungs- und Verwaltungszentrums in Eschersheim zum Beispiel war eine Schlecker-Filiale. Durch die Einfahrt, über die früher Waren angeliefert wurden, bringen heute Eltern ihre Kinder in die Krippe. Gleich links war ein Lastenaufzug, der in den Keller fuhr. Jetzt ist der Schacht zugemauert und auf dem neuen Fliesenboden stehen knallorange Bänkchen, auf denen Jungen und Mädchen sitzen, um sich ihre Schuhe auszuziehen.

          Vieles musste neu gemacht werden

          Wie es während des Umbaus aussah, daran kann sich die Leiterin Evelyn Hartmann noch gut erinnern. „Was heute mein Büro ist, war die Personaltoilette“, sagt sie und schaut in das sechs Quadratmeter große Zimmer. „Es gab kleine, blickdichte Fenster und der Boden war weiß gefliest.“ Inzwischen ist der Fußboden wie in allen Gruppenräumen der Krippe mit grauem Linoleum ausgelegt, die Fenster, die wie in vielen Waschräumen soweit oben sind, dass man nur den Himmel sehen kann, sind ausgewechselt. Klares Glas, die Größe aber ist geblieben. „Die Fenster sind so klein, dass ich bei schlechtem Wetter nicht ohne Licht arbeiten kann“, sagt Hartmann.

          Von dem Schlecker-Verkaufsraum ist drinnen nichts mehr zu erkennen. Zwischenwände trennen Gruppenräume von den Bädern, Schlafräumen und den Büros. Die Decken sind neu gemacht. Von der Eschersheimer Landstraße hingegen, wo früher der Ladeneingang war, verrät nur der Blick durch ausgeschnittene Kreise einer Sichtschutzfolie: Hier spielen Kinder. Kein buntes Schild, das auf die Krippe Hügelhüpfer hinweist, nur ein schmales Vordach, das nicht mehr dafür da ist, Kästen mit Waschmittel und Duschbad zu schützen. Nur noch kleine Löcher erinnern daran, wo einst das blaue Schlecker-Schild hing.

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