05.05.2004 · Wer dieser Tage einen Spaziergang durch Felder und Flur macht, kann sein gelbes Wunder erleben. Der Raps blüht, und das mehr denn je. Seit Jahren wächst die Anbaufläche für den Kreuzblütler stetig. Bundesweit wird sie in diesem Jahr auf rund 1,2 Millionen Hektar geschätzt.
Wer dieser Tage einen Spaziergang durch Felder und Flur macht, kann sein gelbes Wunder erleben. Der Raps blüht, und das mehr denn je. Seit Jahren wächst die Anbaufläche für den Kreuzblütler stetig. Bundesweit wird sie in diesem Jahr auf rund 1,2 Millionen Hektar geschätzt. In Hessen sind es fast 58000 Hektar, etwa 2000 Hektar mehr als im Vorjahr.
Das freut nicht nur die Fotografen, sondern auch die Bienen, die für blühenden Raps fast alles andere links oder rechts liegen lassen. Über den Duft läßt sich freilich streiten: Was die Insekten so sehr lockt, empfindet mancher Städter als faulig-süßen Frontalangriff. Aber auch für viele Landwirte wie Herwig Marloff aus der Wetterau ist es eher ein Wohlgeruch. Marloff ist zufrieden mit der Entwicklung seiner Rapskultur. Der warme und nicht zu trockene Frühling hat sich positiv auf die Pflanzen ausgewirkt und wird, so hofft der Landwirt, zu einem guten Ertrag führen. Worum es beim Rapsanbau geht, zeigt sich erst im August: Dann haben sich in länglichen Schoten kleine schwarzbraune, kugelige Samen entwickelt. Mit ihren 40 Prozent Fettanteil liefern sie das "gelbe Gold": Rapsöl.
Noch bis vor wenigen Jahren war dieses Öl kaum nutzbar. Die in der Saat enthaltene bittere Erucasäure machte es für den menschlichen Verzehr nahezu unbrauchbar, und giftige Glucosinolate verhinderten einen Einsatz als Futtermittel. Der Durchbruch für den Raps kam mit der Züchtung der sogenannten Doppelnull-Sorten Mitte der siebziger Jahre, die beide Störfaktoren eliminierte. Die Lebensmittelindustrie entdeckte das Rapsöl als Speiseöl, das mit seinem Reichtum an einfach ungesättigten Fettsäuren und Vitaminen Olivenöl in fast nichts nachsteht. Hinzu kam ein weitere Nutzungsmöglichkeit: die Verarbeitung zu Rapsmethylester, dem sogenannten Biodiesel.
Aufschwung nahm die Herstellung von Rapsdiesel schließlich von 1992 an durch die Flächenstillegungsprogramme der Europäischen Union: Raps aus stillgelegten Flächen darf nicht als Nahrungsmittel vermarktet werden - als Rohstoff für erneuerbare Energien schon. Und so ergriffen Hessens Bauern die Chance und gründeten die Erzeugergemeinschaft für die Produktion von Ölsaaten zur industriellen Verwertung. 1050 Betriebe gehören dem Verein inzwischen an, unter ihnen auch der Hof von Herwig Marloff, der derzeit auch Vorsitzender der Vereinigung ist. 15 Millionen Liter Biodiesel hat die Erzeugergemeinschaft 2003 produziert; in diesem Jahr sollen es 20 Millionen Liter werden. Abnehmer für den Treibstoff sind neben den öffentlichen Verkehrsbetrieben und Speditionen auch private Kunden. An 95 hessischen Tankstellen gibt es derzeit Rapsdiesel. Da er nicht mit Mineralölsteuer und Ökosteuer belastet wird, kostet ein Liter lediglich rund 80 Cent. Eine stetig wachsende Bedeutung hat die Beimischung des Biodiesels zum mineralischen Diesel. Mit einem Marktanteil von 2,8 Prozent bleibt der Biodiesel aber dennoch ein Nischenprodukt, auch wenn der Verband Deutscher Biodiesel-Hersteller in diesem Jahr mit einer Absatzsteigerung von 25 Prozent rechnet.
Unumstritten ist Rapsdiesel allerdings nicht. Während die hessische Landesregierung den Rapsanbau seit Jahren fördert, hat das Umweltbundesamt die Produktion zur Spritherstellung im Jahr 2000 als Subventionsprojekt für Bauern und ökologischen Unsinn eingestuft. Umweltschutzorganisationen bezweifeln, ob die Produktion von Biodiesel tatsächlich mehr Energie liefert, als sie verbraucht, und stehen dem schwefelfreien, nicht wassergefährdenden Treibstoff mit der neutralen Kohlendioxid-Bilanz deshalb nur vorsichtig positiv gegenüber.
Für Herwig Marloff ist vor allem eines wichtig: Mit seinem Raps verdient er Geld. Der Preis auf dem Markt ist stabil, er liegt bei 240 Euro je Tonne. Daß die Europäische Union die Stillegungsfläche im Dezember - also bereits nach der Aussaat für dieses Jahr - von zehn auf fünf Prozent beschränkt hat, kann der Dreiundfünfzigjährige gut verkraften. Raps, der nicht in die Biodiesel-Produktion geht, kann er an die Nahrungsmittelindustrie verkaufen. Zudem gibt es eine neue Energiepflanzenförderung. Für dieses Jahr jedenfalls blickt der Landwirt zufrieden auf seine Felder. Und der Geruch? "Man muß die Natur mit allen Sinnen erleben", meint Marloff. URSULA SCHEER