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Rainer Werner Fassbinder : Vom Gedächtnis direkt auf das Blatt

Alles im Blick: Rainer Werner Fassbinder war nicht nur Filmkünstler, sondern auch fähiger Unternehmer und Zahlenmensch. Bild: Fassbinder Foundation

Wo er ging und stand, hat Rainer Werner Fassbinder sich Notizen gemacht. Das dokumentiert demnächst eine Ausstellung im Filmmuseum.

          Er ist ein unermüdlicher Arbeiter gewesen. Ständig notierte er seine Gedanken und beschrieb alles, was zur Hand war: Collegeblöcke, Schulhefte, sogar die Rückseiten von Telegrammen oder Briefen. Dabei wusste Rainer Werner Fassbinder durchaus, dass seine Notizen einmal kostbare Relikte für die Ewigkeit sein würden. Einmal, so erzählt Daniel Kletke, der Kurator der Rainer Werner Fassbinder Foundation in Berlin, habe der Filmkünstler bei einem Gespräch im Café eine Serviette vollgeschrieben. Aus Versehen sei das Verlegenheitsdokument liegengeblieben, was Fassbinder in äußerste Rage gebracht habe. Äußerungen seines Genies, so glaubte er, müssten unbedingt für die Nachwelt aufbewahrt werden.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mag besagte Serviette auch verschwunden sein - es hat sich vom Meister genug Geschriebenes erhalten. Fassbinders Mutter Liselotte Eder hat Texte und Notizen ihres Sohnes in silbernen Aluminiumkisten gesammelt, die sie in ihrer Wohnung an der Münchner Possartstraße aufbewahrte. Den mittlerweile der Obhut der Fassbinder-Foundation anvertrauten Inhalt hat Kurator Kletke aufgearbeitet und geordnet. Jedes der etwa 2000 schriftlichen Dokumente besitzt jetzt eine Inventarnummer. In diesem Schatz haben Kletke und der Archivleiter des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt, Hans-Peter Reichmann, gewühlt und etwa 100 Pretiosen ausgewählt. Neben vielen anderen Objekten aus Fassbinders und anderer Künstler Filmschaffen sollen sie in der am 30.Oktober im Filmmuseum beginnenden Ausstellung „Fassbinder jetzt. Film und Videokunst“ gezeigt werden.

          In einem Zug geschrieben

          Fassbinder hat während des Schreibens dauernd geraucht, gegessen, getrunken. Das zeigen die Brandlöcher in den Dokumenten, die Fettflecken oder die Restspuren von Kaffee. Aber er war während seiner Schöpfungsakte nicht chaotisch. Im Gegenteil: Seine geistigen Hervorbringungen waren wohlgeordnet. Die Drehbücher etwa, alle handgeschrieben, erscheinen dem heutigen Betrachter wie aus einem Guss. Zum Beispiel das Skript von „Götter der Pest“ aus dem Jahr 1969.

          Fassbinder hat es scheinbar in einem einzigen Schreibakt druckreif verfasst. Von der ersten bis zur letzten Einstellung ist jede Szene durchnumeriert. Der Autor schrieb jeweils den Dialog auf und skizzierte die Handlung. An diese und andere Drehbücher, von denen einige handschriftliche Originale bei der Schau zu sehen sein werden, hat sich Fassbinder bei den Dreharbeiten weitgehend gehalten. Die handschriftlichen Fassungen tippten dann oft seine Mutter oder Irm Hermann ab. Auch seine Theaterstücke schrieb Fassbinder wohl häufig in einem Zug herunter. Er besaß offenbar die Fähigkeit, Stoffe in seinem Kopf so zu ordnen und zu formulieren, dass sie ihm sozusagen aus dem Gedächtnis aufs Blatt flossen.

          Gelangweilt hat sich Fassbinder nicht

          Der Künstler Fassbinder war durchaus auch ein fähiger Unternehmer. Vor Drehbeginn hatte er in der Regel eine detaillierte Kalkulation erstellt, unter anderem mit genauen Honorarangaben. Den höchsten Anteil beanspruchte er selbstbewusst für sich, Hanna Schygulla, einer seiner Stars, lag in der Regel in der Spitzengruppe. Wenn Fassbinder dann wieder einmal staatliche Förderung gewährt worden war, bedankte er sich postwendend persönlich beim jeweiligen Bundesinnenminister und teilte mit, dass er das Geld gerade bei diesem oder jenem neuen Film verdrehe. Auch auf dem Feld der Mittelbeschaffung war Fassbinder also alles andere als ein Chaot. Nur wegen dieser hochdisziplinierten Arbeitsmoral und seiner nie pausierenden Kreativität war es ihm denn auch möglich, innerhalb von 16 Jahren knapp 50 Filme zu drehen.

          Fassbinder hat seine Werke mehrmals handschriftlich aufgelistet und ihnen Wertungspunkte gegeben. Auf einer dieser Listen ist „Despair - eine Reise ins Licht“ von 1978 Spitzenreiter mit 125 Punkten. Einmal hat Fassbinder zusammengerechnet, dass er von 1966 bis 1980 Filme von einer Gesamtlänge von 75 Stunden und 50 Minuten hervorgebracht hat. Er war, dies kann man diesem und anderen Dokumenten entnehmen, ein Zahlenmensch.

          Und was machte Fassbinder, wenn er einmal nicht an einem Drehbuch schrieb, keinen Brief an einen Innenminister verfasste und nicht in Dreharbeiten vertieft war? Gelangweilt hat er sich auch dann nicht. Hatte er nichts zu tun, entwarf er Aufstellungen für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Im Tor: Schumacher. In der Verteidigung Stielike, Kaltz und Rüssmann. Im Mittelfeld Matthäus. Im Sturm Rummenigge und Littbarski. Fassbinder wäre wahrscheinlich auch als Trainer ein Genie gewesen.

          Quelle: F.A.Z.

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