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Psyche von Gewalttätern : „Man sieht Leuten nicht an, dass sie Verbrecher sind“

  • -Aktualisiert am

Lässiger Künstlertyp: der mutmaßliche Serienmörder Manfred S. auf einem undatierten Foto. Ein enger Freund beschrieb den verstorbenen Verdächtigen als sensibel, umgänglich und gesellig. Bild: dpa

Was geht in einem Gewaltverbrecher wie dem mutmaßlichen Serienmörder Manfred S. vor? Katrin Streich hat die Psyche von sadistischen Mördern erforscht und weiß, was sie antreibt.

          In Hessen hat jahrzehntelang ein Mann auf grausame Weise gemordet. Was treibt einen solchen Täter an?

          Was den Mörder in Schwalbach angetrieben hat, kann ich natürlich nicht sagen. Was allerdings bei besonders grausamen Tatabläufen oftmals ein Antreiber ist, ist eine sadistische Motivation. Über das Ausleben besonders brutaler Handlungen wird sexuelle Befriedigung erlebt. Für eine spezielle Art von Tätern stellen die Erniedrigung und das Zufügen von Schmerzen oder auch die Entmenschlichung des Opfers die besondere sexuelle Komponente dar. Und es hat auch immer etwas mit Machterleben und Kontrolle zu tun.

          Wie muss ein Mensch beschaffen sein, um überhaupt solche Taten begehen zu können?

          Ein solcher Mensch hat starke sadistische Anteile. Über das Erleben von Schmerzen anderer wird Befriedigung gezogen. Daneben hat ein solcher Mensch auch psychopathische Elemente, besonders das herabgesetzte Empathieempfinden spielt hier eine zentrale Rolle. Eigene Bedürfnisse stehen ganz oben.

          Lässt sich erklären, was in den Momenten des Tötens und auch danach in einem solchen Täter vor sich geht?

          Das sind vor allem sexuelle Befriedigung und grenzenloses Machterleben. Auch im Nachgang der Tat kann der Täter durch das wiederholte Durchdenken der Handlungen erneute sexuelle Befriedigung erlangen. Falls der Täter Fotos gemacht hat während der Tat, wird er sie heranziehen, um das nochmalige Durchleben noch realistischer zu machen.

          Gibt es denn eine Art Chronologie, nach der sadistische Mörder vorgehen?

          Einen Teil der Handlungen wird der Täter durchführen, um Kontrolle über sein Opfer zu erlangen. War dies in der Vergangenheit erfolgreich, wird der Täter wahrscheinlich dabei bleiben. Natürlich hängt dies aber immer auch vom Opfer ab, von der Gegenwehr und von der speziellen Situation. Man unterscheidet den Modus Operandi, also das pragmatische Vorgehen von der Signatur, der psychologischen, charakteristischen Komponente. Hat ein Täter eine genaue Vorstellung über den detaillierten Ablauf der Tat, wird er versuchen, sich auch daran zu halten.

          Steigern sich Serienmörder von Tat zu Tat?

          Es gibt sicherlich Täter, die sich ausprobieren. Die möglicherweise ein Bild über den Ablauf der Tat im Kopf haben, die also in ihrer Phantasie eine solche Tat schon oft durchgeführt haben. Dann reicht die Phantasie aber irgendwann nicht mehr aus und sie nähern sich im wahren Leben der Tat. Es gibt auch Täter, die im Vorfeld der eigentlichen Tat Tiere gequält oder auf ähnliche Weise getötet haben.

          Welche Bedeutung könnte die Entnahme von Körperteilen haben?

          Dazu kann ich nicht viel sagen. Es kann sich um die Entmenschlichung handeln, also das Schlachten und Ausnehmen der Opfer.

          Katrin Streich ist Kriminalpsychologin am Institut  für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Sie war elf Jahre lang Polizeipsychologin im Landeskriminalamt Sachsen.

          Aus dem Umfeld des Verdächtigen heißt es, er sei freundlich und hilfsbereit gewesen, er fiel nie auf. Das spricht für den klassischen Soziopathen. Wie passt das mit dem zusammen, was sie an Gewalt ausleben?

          Zu dem speziellen Fall kann ich nichts sagen. Generell ist es aber so, dass Mörder, Serienmörder und Gewaltverbrecher nicht die gleich zu identifizierbaren Monster sind, sondern sie leben oft unauffällig in unserer Gesellschaft. Das kann der Nachbar von nebenan sein, der jeden Morgen freundlich grüßt. Ein Mörder kann durchaus unerkannt am gesellschaftlichen und sozialen Leben teilnehmen. Dies hat es auch in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Man sieht den Leuten nicht an, dass sie Verbrecher sind. Das gibt es nur im Märchen. Daneben sind zum Beispiel Psychopathen ganz wunderbar in der Lage, andere Menschen zu manipulieren, ohne dass sie es merken. Dazu würde dann auch gehören, dass sie sich je nach Bedarf und gesellschaftlichem Kontext anpassen und nicht auffallen. Auch Menschen aus dem nahen sozialen Umfeld müssen nicht unbedingt etwas im Verhalten bemerken.

          Eine Spur führt zu Tristan Brübach. Wäre es denkbar, dass der Täter sich zunächst auf Frauen konzentrierte und dann plötzlich ein Kind auf dieselbe Weise tötet?

          Zum aktuellen Fall kann ich natürlich keine Aussagen machen. Aber die Wahl eines Kindes hat entweder pädophile Elemente. Dies würde bedeuten, dass der Täter vorher bei erwachsenen Frauen ausprobiert hat und dann später den Wechsel zum Kind vollzogen hat. Ein weiterer Grund kann in der Opferauswahl selbst liegen. Ein Kind ist ein vermeintlich leichtes Opfer, also schneller und einfacher zu überwältigen als ein erwachsener Mensch. Möglicherweise rechnet der Täter mit weniger Gegenwehr und geht davon aus, dass er sein Opfer schneller unter Kontrolle bringen kann.

          Die Fragen stellte Katharina Iskandar.

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