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Prozess um Polizeigewalt : „Fest steht: Vorher war er unverletzt“

Es ist das zweite Mal, dass im „Fall Wevelsiep“ verhandelt wird: Derege Wevelsiep auf der Terrasse eines Cafés in Frankfurt Bild: Rainer Wohlfahrt

Derege Wevelsiep sagt, ein Polizist habe ihn geschlagen und beleidigt. Die Version des Polizisten lautet ganz anders. Der Fall beschäftigt abermals die Gerichte. Ein Gutachten soll nun klären.

          Ist ein Deutsch-Äthiopier von einem Polizisten rassistisch beleidigt und geschlagen worden? Um diese Frage geht es seit zum zweiten Mal vor einem Frankfurter Gericht, und Richterin Beate Menhofer-Woitaschek ist gar nicht einverstanden damit, wie Stefan G. sie beantwortet. G. ist einer von vier Polizisten, die am Abend des 17. Oktobers 2012 zu einer Fahrkartenkontrolle gerufen worden sind, über deren Eskalation später im ganzen Land berichtet wurde. Und G. hat ganz offensichtlich Schwierigkeiten mit kritischen Fragen.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Derege Wevelsiep sagt, Polizeioberkommissar Matthew S. habe ihn an der U-Bahn-Station Bornheim Mitte geschlagen und getreten. G., ein Kollege von S., war dabei, als das geschehen sein soll, sagt aber: So war das nicht, so war das auf keinen Fall. Wie dann die Verletzung an Wevelsieps Schläfe entstanden sein soll, warum genau die Polizisten den 44 Jahre alten Mann in ihren Streifenwagen abtransportieren wollten, wer Wevelsiep Handschellen anlegte und warum eigentlich – an all das hat G. „keine klaren Erinnerungen“. Er sagt diese Mantra so lange auf, bis Richterin Menhofer-Woitaschek ihn scharf daran erinnert, dass er als Zeuge vor Gericht die Wahrheit zu sagen habe. Eine ungewöhnliche Mahnung, erst recht, wenn sie an einen Polizisten gerichtet ist, und selbst dann, wenn gegen diesen schon wegen möglicherweise falscher Aussagen ermittelt wird.

          Zwei sehr divergierende Versionen eines Abends

          Das Landgericht Frankfurt ist schon das zweite, das den „Fall Wevelsiep“ zu lösen versucht. Im November 2014 war der Polizist S. vom Amtsgericht wegen Körperverletzung im Amt und Beleidigung zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen, insgesamt 8400 Euro, verurteilt worden. Ein erstaunliches Urteil, glaubte der Richter damals doch Wevelsiep den von ihm behaupteten Faustschlag gegen den Kopf, nicht aber weitere Schläge und Tritte. Zwar stimmt es, dass bei den beiden so sehr divergierenden Versionen des Abends die Wahrheit vielleicht in der Mitte liegt. Aber zu den Blessuren Wevelsieps stellte sogar Polizist G. in einem seiner wenigen Sätze ohne Ausweichmanöver fest: „Vorher war er unverletzt.“

          Das einzig einigermaßen Objektive, Wevelsieps Verletzungen, soll nun den Fall lösen helfen. Für die zweite Verhandlung, die es nach der Berufung des angeklagten Polizisten gibt, ist ein neues rechtsmedizinisches Gutachten eingeholt worden. Es soll klären, ob Wevelsiep sich die Verletzungen selbst beigebracht oder die Symptome übertrieben geschildert haben könnte. Laut einem Krankenhaus-Bericht hatte der Elektroingenieur neben dem Cut an der Schläfe eine Nieren- und Thoraxprellung und eine Gehirnerschütterung.

          Viele Fragen weiterhin offen

          Der Rechtsmediziner soll sein Gutachten im Laufe des Prozesses vorstellen, gestern trugen zunächst der angeklagte Polizist und Wevelsiep ihre Erinnerungen an die Nacht vor. Unstrittig ist, dass Wevelsiep mit einer Fahrkartenkontrolleurin über ein möglicherweise ungültiges Ticket seiner Verlobten aneinandergeriet. Die Kontrolleurin sagte so etwas wie: „Wir sind hier nicht in Afrika“, und Wevelsiep entgegnete: „Wir haben nicht mehr das Jahr 1942.“ Die herbeigerufenen Polizisten nahmen eine Anzeige der Kontrolleurin gegen Wevelsiep auf. Der hatte seinen Ausweis nicht dabei. Die Beamten beschlossen, Wevelsiep vorläufig festzunehmen und zu ihm nach Hause zu fahren, zu seinem Ausweis. Am Polizeiwagen, sagt Wevelsiep, sei er von Matthew S. beleidigt und mehrfach geschlagen worden. Der Beamte sagt, Wevelsiep habe „wild diskutiert und gestikuliert“ und sei mit dem Kopf gegen das Autodach gekracht.

          Sicher ist: An dem Abend ist etwas schiefgegangen. Auch die in sich widersprüchlichen Aussagen der Polizisten werden, wenn man sie zum zweiten Mal hören nicht logischer: Warum reichte es den Beamten nicht aus, dass sie Wevelsieps Personalien telefonisch mit der Wache abklären konnten? Warum wurde einer, der sich nur verbal wehrte, mit Handschellen gefesselt? Wie konnte es keiner außer Matthew S. sehen, als Wevelsiep sich angeblich den Kopf am Auto anschlug? Warum sahen die drei anderen Polizisten auch sonst nichts, was zu seiner Verletzung passen könnte? Richterin Menhofer-Woitaschek ist skeptisch in jede Richtung und sichtlich bemüht, all das aufzuklären. Sie plant noch drei weitere Verhandlungstage.

          Quelle: F.A.Z.

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