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Mordversuch unter Rockern : Angeklagter schweigt vor Gericht

  • Aktualisiert am

Sicherheitssaal im Frankfurter Landgericht: Ein Justizwachtmeister nimmt dem angeklagten Hells Angel die Handschellen ab. Bild: dpa

Der angeklagte Rocker der Hells Angel wirkt zu Prozessbeginn in Frankfurt entspannt. Es geht um versuchten Mord. Ein Polizist schildert Panik und Terrorangst kurz nach nach der Bluttat.

          Als die ersten Polizisten nach den Schüssen auf dem belebten Platz mitten in Frankfurt eintreffen, herrscht aufgeregtes Durcheinander. „Chaos und absolute Panik in einer Größenordnung, die ich in keiner Situation zuvor erlebt habe“, beschreibt ein Oberkommissar am Freitag vor Gericht die Lage am Himmelfahrtstag 2016.

          Zwei Menschen sind von den Schüssen getroffen und schwer verletzt. Anfangs befürchten manche sogar einen Terroranschlag, die Anschläge von Paris liegen noch nicht weit zurück. Schnell stellt sich die Bluttat mit zwei Schwerverletzten aber als Auseinandersetzung im Rockermilieu heraus.

          Hintergrund wohl Streitigkeiten

          Der 27 Jahre alte Beamte ist damals einer der ersten Streifenpolizisten am Tatort. Leute seien ihm schreiend entgegengelaufen. Es ist der erste sommerliche Tag des Jahres: „Die Stadt war voll, der Stoltze-Platz belebt, die Cafés im Außenbereich voll belegt, es gab keinen leeren Tisch.“

          Nun zählt der Polizist zu den vier Zeugen, die das Frankfurter Landgericht am ersten von 16 Verhandlungstagen geladen hat. Mehr als 70 Zeugen und fünf Sachverständige will die Schwurgerichtskammer hören. Denn der angeklagte Hells Angel (56) schweigt zu den Vorwürfen - es geht unter anderem um versuchten Mord. Der zweite Schütze (38) ist noch auf der Flucht.

          Die beiden Männer sollen an jenem Nachmittag bei strahlend blauem Himmel und sommerlichen Temperaturen auf einen weißen Geländewagen geschossen haben. Dessen 41 Jahre alte Fahrer wurde lebensgefährlich, sein 20 Jahre alter Beifahrer auf dem Rücksitz schwer verletzt. Eine Frau auf dem Beifahrersitz blieb unverletzt. Hintergrund der Tat waren nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft Streitigkeiten zwischen den Rockern. Sie geht von niedrigen Beweggründen aus.

          Aus den Augen verloren

          Der Angeklagte mit dem langen, dunklen, leicht angegrauten Haaren wirkt locker, zwischenzeitlich sogar fröhlich. Die Verhandlung verfolgt er konzentriert. In den Pausen lacht er ein paar Kumpel im Publikum zu und macht Zeichen. Zwischendurch flüstert er mit seinen beiden Anwälten, öffentlich aber kein Wort: Weder zu den Vorwürfen noch zu seinem Leben. Nur seinen Namen und seine Geburt 1960 im griechischen Piräus bestätigt er über seinen Anwalt.

          Was ist der Angeklagte für ein Mensch? Dazu sollen die ersten beiden Zeugen etwas beitragen: ein 49 Jahre alter Frankfurter und seine 50 Jahre alte Frau. Der Angeklagte ist der Taufpate der Tochter (25). Man habe sich aber vor 15, 20 Jahren aus den Augen verloren, sagt das Paar. Damals sei der inzwischen längst geschiedene Angeklagte noch verheiratet gewesen, und die Paare hätten viel gemeinsam unternommen.

          „Schmerzen und Panik“

          Warum der Kontakt abriss? „Dann ist jeder seiner Wege gegangen: Arbeit, Familie“, sagt der Mann, der den Angeklagten vor gut 30 Jahren beim Jiu-Jitsu kennenlernte. Als „nett, lustig, ganz locker“, beschreibt er ihn. Die Haare habe er schon immer so lang getragen und beruflich mit der Reparatur von Lastwagen zu tun gehabt. Ob er Kinder habe, fragt die Vorsitzende Richterin. „Glaube nicht“, sagt der Zeuge. Der Angeklagte lacht.

          Zurück zum 5. Mai 2016: Als er mit seinem Kollegen zum Tatort kam, habe der 41 Jahre alte Schwerverletzte vor einem Straßencafé gelegen, berichtet der Polizist im Zeugenstand. Tische und Stühle waren umgestoßen, dazwischen kaputte Tassen und Gläser. Der Motor des weißen Geländewagens mit Frankfurter Kennzeichen und teils getönten Scheiben lief noch. Eine Schusswaffe lag neben dem linken Seitenspiegel, dazwischen Hülsen und „tropfenartige Blutspuren“. Die Windschutzscheibe war von mehreren Kugeln durchlöchert, die Karosserie hatte auch zwei Löcher.

          Der 20-Jährige habe sich in ein Lokal geflüchtet, erinnert sich der Zeuge. Seine Schusswunde am Knie war ver- oder abgebunden. „Er hatte Angst um sein Leben“, sagt der Polizeibeamte aus. In einer „Mischung aus Schmerzen und Panik“ habe er erzählt, dass er gerade in einem Dönerladen war, als er angerufen worden sei, um mit in die Stadt zu fahren. Abgeholt habe ihn der 41-Jährige im Geländewagen, sein Cousin, mit seiner Freundin.

          Verletzter wollte nicht reden

          Als sie am Stoltze-Platz entlang fuhren, seien plötzlich Männer an einem der Tische eines Straßencafés aufgestanden und hätten geschossen. Er sei kein Rocker, habe der 20 Jahre alte Mann betont. Sein Cousin sei früher einmal bei den Hells Angels Turkey gewesen.

          Nach seiner Behandlung im Krankenhaus habe der Verletzte nicht mehr mit der Polizei reden wollen und auch keine Fotos von seiner Wunde zugelassen, sagt der Beamte. Im Krankenzimmer habe er dann doch wieder gesprochen und gebeten, seine Eltern zu verständigen, ihnen aber von den Schüssen nichts zu sagen.

          Quelle: dpa

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