13.02.2012 · Studenten bewerten ihre Professoren - das gehört an den Universitäten längst zum Alltag. Trotzdem sind nicht alle von den Evaluationen per Fragebogen begeistert.
Von Sascha ZoskeAuf solche "Auszeichnungen" kann ein Lehrender gut verzichten. Kürzlich wollten Frankfurter Medizinstudenten einem ihrer Dozenten eine Zitrone überreichen - um ihm für die miserable Qualität seiner Veranstaltungen symbolisch Saures zu geben. Negativpreise dieser Art werden sonst eher auf Abiturfeiern verliehen, wenn sich der Frust über missliebige Pädagogen endlich ungestraft Luft machen darf. An Hochschulen können Studenten ihren Professoren auch auf weniger boshafte Art klarmachen, was sie von ihren didaktischen Künsten halten: Das Mittel der Wahl, um Mängel in der Lehre anzuprangern, heißt Evaluation.
Dass die Güte von Vorlesungen, Seminaren und Praktika ebenso überprüft werden soll wie die Forschungsleistung einer Uni, steht unter anderem im Hessischen Hochschulgesetz. Dort ist auch festgelegt, dass die Studenten an den Erhebungen beteiligt werden müssen. Viele Hochschulen haben sich darüber hinaus Regeln gegeben, wie das Lehrangebot durchleuchtet werden soll. Die Technische Universität Darmstadt etwa hat nach eigenen Angaben für alle Fachbereiche einheitliche Evaluationsrichtlinien. Sie sehen vor, dass die Fakultäten mindestens alle drei Semester sämtliche Veranstaltungen bewerten lassen. Ähnlich hält es die Universität Mainz, und auch in der Universität Frankfurt sind solche Befragungen längst Routine.
Üblicherweise bekommen die Studenten am Ende eines Kurses einen Bogen überreicht, auf dem sie Noten für Form und Inhalt der Lehre verteilen dürfen. Die Chirurgiepraktikanten der Frankfurter Universitätsmedizin zum Beispiel sollen beurteilen, ob der Stoff gut strukturiert war, ob sie chirurgische Diagnostik und Therapie angemessen üben konnten und ob die Stationsärzte hilfsbereit waren. Oft können solche Fragen auch mit Ziffern beantwortet werden. Eins Sechs ist dann das höchste Kompliment - sie steht für die Wertung "Trifft vollständig zu".
Wie eine Veranstaltung abgeschnitten hat, teilen die Frankfurter Mediziner am Schwarzen Brett und in den Klinikumsnachrichten mit. Fällt ein Lehrstuhlinhaber unangenehm auf, kann sich das auf sein Budget auswirken - um bis zu eine Million Euro sinkt dann die Zuweisung. Gemessen am Gesamtetat eines Klinikchefs, ist das freilich ein bescheidener Betrag. Aber auch auf anderem Weg kann ein Professor es zu spüren bekommen, wenn er im Hörsaal versagt. Die W-Besoldung sieht eine leistungsbezogene Vergütung vor, und die richte sich auch nach der Lehrqualität, sagt Manfred Schubert-Zsilavecz, Vizepräsident der Goethe-Universität. "Ausgewählte Kollegen" hätten auf dieser Grundlage schon einen Bonus bekommen.
Kaum ein Hochschullehrer wagt es, sich öffentlich gegen studentische Evaluationen auszusprechen. "Hinter vorgehaltener Hand" werde aber manchmal schon Kritik laut, gibt Schubert-Zsilavecz zu. Es ist auch kein Geheimnis, dass vielen Wissenschaftlern eine imposante Publikationsliste wichtiger ist als Lob für gelungene Vorlesungen. Am Fachbereich Medizin der Frankfurter Universität etwa seien "die meisten Professoren eher forschungsorientiert", sagt ein Insider. In anderen Fakultäten sieht es ähnlich aus - und so kann es kommen, dass ein Kandidat, dem an seiner Herkunfts-Uni von Studenten totales Lehrversagen vorgeworfen wird, trotzdem auf Platz eins der Berufungsliste landet.
Angesichts dieser Geringschätzung einer universitären Kernaufgabe müssten die Studenten eigentlich für jede Chance dankbar sein, den Druck auf Verweigerer und Didaktikmuffel zu erhöhen. Aber dem ist offenbar nicht immer so. Zwar verzeichnet die Stabsstelle Lehre und Qualitätssicherung der Goethe-Universität bei den Fragebogenaktionen nach eigenen Angaben eine Rücklaufquote von "80 bis 100 Prozent". Aber nicht nur Vizepräsident Schubert-Zsilavecz stellt inzwischen eine gewisse "Evaluationsmüdigkeit" fest, sondern auch Uwe Schmidt, Leiter des Zentrums für Qualitätssicherung und -entwicklung der Universität Mainz. Michael Grundmann, Referent im AStA der Universität Frankfurt, drückt es noch deutlicher aus: "Mich nervt es tierisch, wenn ich genötigt werde, diese Fragebögen auszufüllen."
Grundmann hat nach eigenem Bekunden nichts dagegen, dass Studenten über die Leistung von Professoren urteilen. Die standardisierten Erhebungsbögen seien dazu aber ungeeignet, meint er: "Man kann eine Chemievorlesung nicht mit einem Geschichtsseminar vergleichen." Problematisch findet der Studentenvertreter auch, dass die Ergebnisse solcher Befragungen Einfluss auf das Gehalt der Dozenten haben können. Das fördere einen schädlichen Konkurrenzkampf. Was bei den Evaluationen hingegen nur am Rande eine Rolle spiele, seien die Studienbedingungen, für welche die Professoren oft nichts könnten: Wenn ein Student auf dem Fragebogen angebe, dass die Teilnehmerzahl eines Kurses zu hoch gewesen sei, bleibe das meist folgenlos.
Uni-Vizepräsident Schubert-Zsilavecz ist dagegen überzeugt, dass die Evaluationen zu einer besseren Lehre beitragen. Er will die Regeln für solche Erhebungen deshalb noch weiter konkretisiert sehen. Das sei auch deshalb nötig, weil die Universität Frankfurt die sogenannte Systemakkreditierung anstrebe - sie dürfte dann, wie es die Uni Mainz jetzt schon kann, ihre Studiengänge selbst begutachten und müsste nicht mehr externe Dienstleister damit beauftragen. Schubert-Zsilavecz würde es auch gerne sehen, wenn Studenten und Absolventen mit einem gewissen zeitlichen Abstand nach ihrer Meinung über das Lehrangebot gefragt würden. Zudem fände er es gut, wenn sich Professoren auch in der Lehre dem Urteil von Kollegen stellen müssten - wie es in der Forschung selbstverständlich sei.
So viel Aufwand wäre nach Ansicht von Florian Muhs gar nicht nötig. "Für mich ist es schon eine gute Evaluation, wenn ein Dozent drei, vier Wochen nach Kursbeginn eine halbe Sitzung darauf verwendet, mit den Teilnehmern über Probleme zu sprechen", meint der für Studienbedingungen zuständige Referent des Frankfurter Uni-AStA. Ob jener Medizindozent, der mit einer Zitrone "geehrt" werden sollte, auch den Dialog mit seinen Studenten gesucht hat, ist nicht überliefert. Wie es heißt, wollten ihn aber seine Vorgesetzten zum Gespräch bitten.