21.02.2012 · Priester in den neuen Großpfarreien stehen vor vielen organisatorischen Aufgaben. Sie arbeiten bis zu 16 Stunden am Tag. Seelsorge betreiben sie fast nicht mehr. Ein Beispiel.
Von Lucia Schmidt
© Eilmes, Wolfgang
Auf dem Sprung: Martin Sauer bei einem Zwischenstopp vor dem Pfarrbüro in Zeilsheim. Fast täglich muss er zwischen den fünf Gemeinden, für die er zuständig ist, hin und her fahren. Die vielen Termine sind nur mit einem Auto und ständiger Erreichbarkeit über das Handy zu bewältigen.
Es ist neun Uhr morgens. Martin Sauer ist auf dem Weg zu seinem Büro in Sindlingen. „Sieben Sekretärinnen, fünf Büros und vierzig ungelesene E-Mails habe ich zurzeit“, sagt er lachend. Was auf den ersten Blick nach dem Arbeitsalltag eines Wirtschaftsbosses aussieht, ist die tägliche Organisationsaufgabe, vor der katholische Pfarrer heute stehen. Martin Sauer ist einer von ihnen, als „priesterlicher Leiter“ zuständig für fünf Gemeinden mit 16200 Katholiken im Westen der Stadt, im „Pastoralen Raum Frankfurt-Höchst“.
Jene Pfarrverbünde fusionieren derzeit im ganzen Bistum Limburg nach und nach zu Großpfarreien. Gründe dafür sind der große Priestermangel und die zurückgehende Zahl von Gläubigen, die vor allem durch den demographischen Wandel bedingt ist. Nur noch sechs solcher „Pfarreien neuen Typs“ soll Frankfurt nach 2016 haben. Zehn Pastorale Räume, die organisatorischen Vorstufen mit insgesamt noch 42 Pfarreien, gibt es zurzeit. Der Pastorale Raum Höchst setzt sich zusammen aus den Gemeinden der Stadtteile Zeilsheim, Sindlingen, Unterliederbach, Sossenheim und eben Höchst. Damit ist er der viertgrößte in Frankfurt.
„Für praktisch alle Fragestellungen, ob sie die Verwaltung oder die Gemeindearbeit betreffen, gilt im Moment die Regel: Aus fünf mach eins“, sagt Sauer. Dass es dabei zu Reibereien zwischen den Gemeinden kommt, ist programmiert. Überall sind Gemeindemitglieder in „Habachtstellung“, dass ihren Pfarreien nicht noch mehr Eigenständigkeit genommen wird. Ein besonders brisantes Thema ist dabei die Gottesdienstordnung. „Am liebsten würde jede Gemeinde an ihrem Kirchenort zwei Wochenendgottesdienste haben - so wie früher“, sagt Sauer. Doch das ist bei eineinhalb festen Priesterstellen nicht mehr möglich. Um wenigstens in jeder der Gemeinden einen Wochenendgottesdienst und eine Messe an Hochfesten anbieten zu können, springen regelmäßig Priester aus dem Ruhestand ein.
In Sindlingen erwarten Sauer Berge von Briefen, die er noch unterschreiben muss, Terminabsprachen und die Frage, welches Geschenk ein achtzigjähriges Gemeindemitglied zum Geburtstag bekommen soll. Gerade bei solchen Kleinigkeiten hat jede Gemeinde ihre eigenen Traditionen, für die nun „eine Einheitsregelung gefunden werden muss“. Von Sauer wird dabei verlangt, niemanden zu benachteiligen, alle Interessen zu bedenken und eine einfühlsame Entscheidung zu treffen. „Und trotzdem wird eine Gruppierung unzufrieden sein.“ Nachdem Sauer einige Punkte auf seinem Notizzettel abgehakt und deutlich mehr hinzugefügt hat, geht es weiter nach Unterliederbach. Auch hier: Briefe, Termine und ein Gespräch mit der engagierten Caritas-Beauftragten.
Wohlfahrtsarbeit bildet einen Schwerpunkt in Unterliederbach. „Beim Zusammenwachsen muss jede Gemeinde schauen, worauf sie ihren Fokus legt. Auf lange Sicht werden nicht mehr überall jede Veranstaltung und jedes Gremium bestehen können“, sagt Sauer und macht sich auf den Weg zurück nach Sindlingen mit einem kurzen Zwischenstopp bei der Sparkasse. Denn als Mann mit allen Vollmachten gehören auch Bankgeschäfte zu seinen Aufgaben.
In Sindlingen steht - zum ersten Mal an diesem Tag - eine seelsorgerische Aufgabe an: Sauer bringt einer 98 Jahre alten Frau die Krankenkommunion. Um mit der blinden Frau zu beten, ihre Hand zu halten und ihr zuzuhören, nimmt Sauer sich eine halbe Stunde Zeit. Das russische Ehepaar, das die Frau pflegt, bittet „Herrn Pfarrer“, sich doch zu setzen, etwas zu essen oder zu trinken. Doch für mehr als einen heißen Kaffee und ein paar freundliche Worte bleibt keine Zeit.
Nur noch etwa 15 Prozent seiner Arbeit liegt im rein seelsorgerischen Bereich, schätzt Sauer. Der Rest ist Leitung, Koordination und Administration. Er macht keine Firm- oder Erstkommunionvorbreitung mehr, Beerdigungen hält er nur noch vertretungsweise. Glaubenskurse oder Bibelstunden sind die absolute Ausnahme. All diese seelsorgerischen Aufgaben hat er an seine sechs hauptamtlichen Pastoralreferenten delegiert, die den Gemeinden fest zugeordnet sind. Nur Verwaltungsaufgaben kann er schlecht abgeben, weil er dafür „am Ende die Verantwortung trägt“, sagt Sauer. Die Seelsorgetätigkeiten, die er neben den Gottesdiensten noch hat, will er trotz der vielen Verwaltungsarbeit aber nicht auch noch abgeben. In der Ausbildung zum Pfarrer habe er verinnerlicht, immer für die Gemeinde da zu sein, ein offenes Ohr zu haben und sich auf Veranstaltungen sehen zu lassen. Doch mit dem neuen Aufgabenumfang sei das nicht mehr möglich. Selbst den Aufgaben, die die Synodalordnung, die Verfassung des Bistums, dem Pfarrer zuschreibt, werde man eigentlich nicht mehr gerecht. Das alles führe dazu, „dass man permanent mit seinem schlechten Gewissen kämpfen muss“. Letztendlich sei er ja nicht Pfarrer geworden, um sich am Ende um die Heizung in der Kirche oder nachgemachte Schlüssel zu kümmern. Aufgrund des rigiden Sparplans des Bistums würden immer mehr Hausmeisterstellen wegfallen, und am Ende „muss es trotzdem geregelt werden“. Mittlerweile ist es früher Nachmittag. Sauer ist in Zeilsheim. Dort stehen Gespräche mit Kindergärtnerinnen, dem Gebäudeverwalter und einem Verwaltungsratsmitglied an. Theologisches Wissen reicht nicht, um den heutigen Aufgaben eines Pfarrers gerecht zu werden. Sauer muss Ahnung von Mietrecht, vom Bau- und vor allem vom Personalwesen haben. Das gilt gerade für seine Arbeit als Zuständiger von sieben Kindertagesstätten. Dort ist er nicht nur verantwortlich für die Angestellten, sondern auch offizieller Ansprechpartner für rund 450 Eltern. „Die Verwaltung der Kindergärten nimmt extrem viel Zeit in Anspruch. In manchen Pastoralen Räumen ist für diese Arbeit mittlerweile eine bezahlte Stelle geschaffen worden“, sagt Sauer. „Mich unterstützen bei der Arbeit ehrenamtliche Gemeindemitglieder, doch die sind auch an den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.“
Bevor Martin Sauer sich zu seinem letzten Büro für diesem Tag und dem Abendgottesdienst nach Höchst aufmacht, wirft er einen Blick in seinen Computer. Die Zahl der ungelesenen E-Mails ist auf 88 angewachsen. „Die bearbeite ich, wenn ich gegen 22 Uhr zurück von der Sitzung in Unterliederbach bin.“
Bis dahin wird Sauer insgesamt 35 Kilometer hin und her gefahren sein und vier von den fünf Gemeinden, für die er zuständig ist, besucht haben. „Ich versuche, zumindest einmal in der Woche in jedem meiner Büros gewesen zu sein“, sagt er.
Das Zusammenwachsen funktioniert in den Gemeinden unterschiedlich schnell. Manche Eitelkeiten werden verletzt, und es wird um viel gerungen. In Sindlingen und Zeilsheim gibt es schon einige gemeinsame Gremien und gemeinsame Feste. Bei den anderen funktioniert die gemeinsame Schulseelsorge schon sehr gut. Am Ende wird es keine Wahl geben. „Die Großpfarrei ist beschlossene Sache“, sagt Sauer. Für ein erfolgreiches Gelingen dieser Aufgabe sei am Wichtigsten, dass die Gemeinden sich kennenlernten. Das baue Vorurteile ab. Sich als ein Team und nicht als Gegner zu sehen sei auch unter dem Hauptamtlichen noch ein Lernprozess.
Am Ende des Abendgottesdienstes in der Höchster St.-Josefs-Kirche kommt ein Paar zu Pfarrer Sauer, mit der Bitte, gesegnet zu werden. „Zwei Minuten habe noch“, sagt er mit Blick auf die Uhr. Während sie Richtung Altar laufen, bemerkt die Frau: „Sie haben aber ganz schön Stress.“ Sauer lächelt und sagt: „Nicht jeder Tag ist so, aber die meisten.“