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Neue Regel im Lehramtsstudium : Erste Erfahrungen vor der Schulklasse

Nachwuchskraft: Sophie Martinez war in einer Frankfurter Schule Bild: Cornelia Sick

Lehramtsstudenten in Frankfurt und Kassel gehören zu den Pionieren: Als erste in Hessen haben sie ein Praxissemester absolviert. Der frühe Zeitpunkt im Studium ist umstritten.

          Was tun, wenn ein Teenager ungeniert in einem Comic blättert, während es eigentlich um französische Grammatik geht? Oder wenn ein Unterrichtsgespräch in Deutsch überall und nirgends endet, weil der rote Faden verlorengegangen ist? In solchen Situationen fanden sich Carla Spellerberg und Sophie Martinez in den vergangenen vier Monaten wieder. Und sie mussten damit zurechtkommen. Die beiden Zwanzigjährigen gehören zu den Pionieren unter den hessischen Lehramtsstudenten. Sie haben an der Praxissemester-Probephase teilgenommen, die im Herbst an den Universitäten Frankfurt und Kassel begonnen hat. Das dritte Semester ihres Studiums verbrachten sie nicht im Hörsaal, sondern im Klassenzimmer.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das persönliche Fazit der beiden Studentinnen fällt gut aus. Spellerberg war an der Eichendorffschule, einer Kooperativen Gesamtschule mit Oberstufe in Kelkheim, und Martinez an der Musterschule, einem Frankfurter Gymnasium. Spellerberg sagt, sie und die anderen Praktikanten seien ins Kollegium integriert gewesen. „Wir haben dazugehört.“ Die Kollegen seien bereit gewesen, die Neulinge mit in die Klassen und Kurse zu nehmen und auch selbst unterrichten zu lassen. „In der Oberstufe habe ich den ,Faust‘ besprochen und mit meiner Mentorin eine eigene Unterrichtsreihe gemacht.“ Auch Martinez sagt, sie habe weit mehr als die vorgeschriebenen 16 sogenannten Unterrichtsversuche unternommen.

          Praxisphase oft zu spät für Umorientierung

          Allerdings halten beide Studentinnen ihre Erfahrung für nicht repräsentativ. Sie berichten von Kommilitonen an anderen Schulen, die auf sich allein gestellt gewesen seien. Martinez sagt, sie könne sogar verstehen, dass die ohnehin belasteten Lehrer sich nicht auch noch um die Arbeit als Mentoren rissen, zumal diese nicht auf das Unterrichtsdeputat angerechnet werde. Spellerberg kritisiert, dass manche Praktikanten über Gebühr in der Nachmittagsbetreuung eingesetzt worden seien, um dort Kräfte zu sparen. Zwar teile sie die Meinung, dass auch die Betreuung zur Schulpraxis gehöre. „Wenn man aber die Hälfte des Praxissemesters damit zubringt, dann hat das nichts mehr mit Erfahrung, sondern mit Ausnutzen zu tun.“

          Dass Lehramtsstudenten Einblicke in den Schulalltag gewinnen, ist auch in Hessen nicht neu. Bisher gibt es zwei mehrwöchige sogenannte schulpraktische Studien, in denen der Anteil realistischer Unterrichtspraxis allerdings oft bescheiden ist. Die Erfahrung, vor einer Klasse zu stehen und eine Stunde gestalten zu müssen, machen manche angehende Lehrer erst nach dem Ersten Staatsexamen im Referendariat. Wenn dann Zweifel wachsen, ob dieser Beruf der richtige ist, fällt die Umorientierung schwer. Nicht selten bleibt sie aus, weil schon zu viel Zeit in das Studium investiert worden ist, weil eine sichere und relativ gutbezahlte Stelle lockt und manche sogar glauben, es handele sich um einen Halbtagsjob mit viel Ferien.

          Carla Spellerberg war in einer Kelkheimer Schule
          Carla Spellerberg war in einer Kelkheimer Schule : Bild: Cornelia Sick

          Udo Rauin, der frühere Direktor der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung an der Goethe-Universität, hat vor einigen Jahren in einer vielbeachteten Längsschnittstudie gezeigt, welche Folgen das hat: Lehrer, die falsch im Beruf und teils unmotiviert sind, leiden, sie fühlen sich überfordert und später oft „ausgebrannt“. Diese Befunde waren ein Grund dafür, dass der Landtag 2013 beschloss, ein Praxissemester zu erproben. Die Pilotphase findet in Frankfurt zusammen mit Gymnasien, in Kassel mit Grund-, Haupt- und Realschulen sowie vom nächsten Semester an in Gießen mit Förderschulen statt. Beteiligt sind Studenten, die im dritten oder vierten Semester des jeweiligen Lehramts sind. Das Ganze wird von den Universitäten unter Federführung der Frankfurter Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung wissenschaftlich begleitet und evaluiert.

          „Unschädliche Ausstiegsoption“ für Studenten

          Verantwortlich dafür ist Holger Horz, als geschäftsführender Direktor der Akademie für Lehrerbildung der Nachfolger Rauins. Er sieht in der Erprobung des Praxissemesters eine große Chance für die Lehrerbildung und damit auch für die Schule. Unter anderem die Hattie-Studie habe gezeigt, dass die einzelne Lehrkraft weit mehr zum Bildungserfolg der Schüler beitrage als etwa die Schulform. Deshalb sei es wichtig, dass Lehramtsstudenten rechtzeitig und unter realistischen Bedingungen einen Eindruck von den eigenen Stärken und Schwächen bekämen. Außerdem könne die Praxiserfahrung für das weitere Studium motivieren. „Die Studierenden erfahren, dass das, was sie lernen, eine gesellschaftlich geschätzte und benötigte Ressource ist.“

          Umstritten ist allerdings, wann im sieben- bis neunsemestrigen Studium der richtige Zeitpunkt dafür ist. Nach Spellerbergs und Martinez’ Meinung müssten die Praktikanten auf der Universität fachlich und didaktisch besser vorbereitet werden. Grundsätzlich sei das zwar wünschenswert, sagt Horz. Allerdings sei das dritte oder vierte Semester auch deshalb gewählt worden, um den Studenten eine „unschädliche Ausstiegsoption“ zu eröffnen. Dank einer Sonderregelung werde das Lehramtsstudium nicht als Erststudium angerechnet, wenn es nach dem Praxissemester beendet werde. Studenten, die meinen, doch nicht für den Lehrerberuf geeignet zu sein, hätten dann die Chance, etwas Neues zu beginnen - ohne auf Bafög verzichten zu müssen.

          Quelle: F.A.Z.

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