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Portrait eines Übersetzers : Wie man dazu kommt, Brasilien zu verdeutschen

  • -Aktualisiert am

Unser Mann für den Ehrengast der Buchmesse: Michael Kegler (2.v.l.) Bild: von Siebenthal, Jakob

Michael Kegler ist einer von wenigen Übersetzern aus dem Portugiesischen. Heute hat er rund um das Gastland der Buchmesse viel zu tun.

          Angefangen hat alles mit einem Ultimatum. Als Michael Kegler 1985 in Gießen sein Abitur machte, wusste er zunächst nicht, wohin die Reise gehen sollte. „Ich wollte irgendetwas Interessantes machen, Hauptsache bunt.“ Er begann ein agrarwissenschaftliches Studium. Das war eher nicht bunt. Als er durch alle Prüfungen rasselte, verstand er, dass Student und Studienfach in diesem Fall einfach nicht zusammenpassten. Dann entdeckte er in einer Ramschkiste zufällig das Buch „Kein Land wie dieses“ von Ignácio de Loyola Brandão in der Übersetzung von Ray-Güde Mertin und besann sich auf seine sprachlichen Vorlieben. An der Frankfurter Goethe-Universität schrieb er sich für ein Romanistikstudium ein und zog nach Offenbach.

          Aufgewachsen ist Kegler auf einer Eisenerzmine in Minas Gerais, auf der sein Vater als Biologe arbeitete. Die Jahre im Südosten Brasiliens kamen ihm nun zugute. „Das Kaugummi-Portugiesisch konnte ich fließend“, sagt Kegler. Sein brasilianisches Alltagsportugiesisch verfeinerte er während des Studiums. Nebenbei arbeitete er in einem portugiesischen Buchladen in der Nähe der Konstablerwache, dem „Centro do Livro“, das mittlerweile in Bockenheim zu finden ist. „Da bin ich in die Bücherwelt eingetaucht.“

          25 Übersetzer für portugiesische Literatur

          In dieser Zeit beschloss er, bis zu seinem dreißigsten Geburtstag entweder etwas mit Literatur zu tun zu haben oder Krankenpfleger zu werden. Kegler, den man sich mit seinem schlaksigen Körper, den langen Locken und der markanten Nase auch als jungen Albus Dumbledore vorstellen kann, besuchte Übersetzerseminare bei Ray-Güde Mertin, dem großen, 2007 gestorbenen Vorbild aller deutschen Übersetzer aus dem Portugiesischen. Seine erste eigene Übertragung brachte er im Eigenverlag der Buchhandlung heraus: Manuel Tiagos Novelle „Fünf Tage, fünf Nächte“, die in einer Auflage von knapp 200 Exemplaren erschien. Sie spielt im Portugal der vierziger Jahre und handelt von zwei jungen Männern, die der Militärdiktatur ins benachbarte Spanien entfliehen. Das war 1997, das Jahr, in dem Kegler dreißig wurde. Das Timing stimmte. Andererseits: „Das hat viel Spaß gemacht, leben konnte ich davon aber nicht.“

          Das schnelle Tempo, in dem er seine Geschichte erzählt, lässt die Frage, ob in ihm jemals Zweifel aufgekommen seien könnten, trotzdem gar nicht erst zu. Kegler arbeitete einfach weiter in der Buchhandlung und auf der Buchmesse, auf der Brasilien 1994 schon einmal Gastland war. „Ich habe dort Bücher geschleppt und solche Sachen“, erzählt er. Es sei wichtig gewesen, Teil des Betriebs zu werden. Denn die deutsche Literaturszene sei klein, kleiner sei nur noch die Übersetzerszene. Führe man sich vor Augen, dass es im gesamten deutschsprachigen Raum nur etwa 25 Übersetzer für Literatur aus den portugiesischsprachigen Ländern gebe, werde klar, wie wichtig es sei, die richtigen Leute zu kennen.

          Kaum Nachfrage brasilianischer Literatur

          „Seit mittlerweile sechs Jahren behaupte ich ganz frech, Literaturübersetzer zu sein“, sagt Kegler. Auf dem Weg dorthin hat ihm neben seiner Freude, Texte in Form zu bringen, die Arbeit im Buchladen geholfen. „Das war unheimlich wichtig, in dieser Zeit habe ich mehr gelesen als jemals an der Uni.“ Er sei den „klassischen Weg“ gegangen: „Rausgehen, den Verlagen Autoren anbieten, immer wieder. Bis irgendwann ein Verlag anruft und sagt, dass er etwas von mir gelesen hat.“ So bekam er „Das Lachen des Geckos“ von dem angolanischen Autor José Eduardo Agualusa auf den Tisch. „Man wird ja ganz schnell zum Spezialisten: Übersetzt man einmal einen Afrikaner, heißt es, er übersetzt aus dem afrikanischen Portugiesisch.“ Das kam Kegler zugute, und „das Elend nahm seinen Lauf“, um es mit seinen Worten zu sagen.

          Nach brasilianischer Literatur gab es dabei auf dem deutschen Buchmarkt lange Zeit kaum eine Nachfrage. „Noch vor zwei Jahren war es so, dass es 60 Übersetzungen gab, und 39 von ihnen waren Werke von Paulo Coelho“, sagt Kegler, der mit Frau und drei Kindern in Hofheim wohnt.

          „Übersetzt wie verrückt“

          Der Hype nach der Bücherschau von 1994 war verpufft. „Die ganze junge Riege der Autoren, die heute um die dreißig Jahre alt sind, kannte hier niemand“, erzählt Kegler. Auch die Bekanntgabe des diesjährigen Gastlandes änderte daran zunächst nichts. „Noch vor drei Jahren hieß es bei den Verlagen, dass man nicht über jedes Stöckchen springen müsse.“ 2011 allerdings legten das brasilianische Kulturministerium und die Nationalbibliothek ein Förderungsprogramm für Übersetzungen auf. Bis zum Jahr 2020 stehen mehrere Millionen Euro zu Verfügung. „Diese Ausmaße haben mich dann doch überrascht“, gibt Kegler zu. Seither kann er sich nicht beklagen: „In den letzten zwei Jahren habe ich übersetzt wie verrückt.“ Ein bis zwei Romane schaffe er pro Jahr. Wie viel Zeit er brauche, schwanke stark, zwischen ein paar Monaten und mehr als einem Jahr.

          In diesem Jahr sind schon fünf Romane in seiner Übersetzung erschienen. Vor allem „Mama, es geht mit gut“ von Luiz Ruffato, der gestern zur Eröffnung der Messe sprach, und „Tagebuch eines Sturzes“ von Michel Laub stoßen hierzulande auf großes Interesse. „Auf Ruffato bin ich besonders stolz, auch weil er ein sehr netter Mensch ist“, erzählt Kegler.

          Ob der Hype diesmal nachhaltig sein wird? „Ich hoffe es“, sagt Kegler. Sechzig belletristische Neuübersetzungen seien bis zur diesjährigen Buchmesse geplant gewesen, hinzu kämen zahlreiche Anthologien. „Trotzdem könnte ich auf Anhieb mehrere Dutzend Autoren nennen, die noch gemacht werden müssen“, sagt Kegler. Genug Arbeit gibt es also. Ob auch die Aufmerksamkeit anhalten wird, muss sich zeigen.

          Quelle: F.A.Z.

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