http://www.faz.net/-gzg-7il07

Porträt Leo Fischer : Arztbengel, kichernd

  • -Aktualisiert am

Niedlich und skrupellos: Leo Fischer an seinem letzten Tag als Chefredakteur in der „Titanic“-Redaktion. Bild: Kaufhold, Marcus

Leo Fischer hat fünf Jahre lang in Frankfurt das Magazin „Titanic“ geleitet und dabei gezeigt, dass man mit pubertärem Humor die beste Satire macht. Jetzt hört er auf.

          Bei manchen Menschen weiß man nicht, ob man Angst vor ihnen haben oder sie in den Arm nehmen soll. Bei Leo Fischer auch nicht. „Porträt, daneben Foto des Geschlechtsteils aus Leberwurst oder anderen Metzgereiabfällen“, tippt er in das Feld für die Anweisungen an den Bildredakteur. „Oder ist das zu eklig? Oh Gott, das wird wieder so ein Dreck“, ruft Fischer durch die Redaktion. Er überlegt. Im Wikipedia-Portal „Sexualität“ findet er das Wort „Ablaichbürste“ und muss sofort kichern. Korkenzieherpenis gefällt ihm auch sehr gut, er wird ganz hibbelig vor Lachen. Dienstag vergangener Woche, Fischer schreibt gerade an einem Text für sein letztes Heft. Nur noch ein paar Tage ist er der Chefredakteur von „Titanic”, dem wichtigsten und in Wahrheit einzigen deutschen Satiremagazin.

          Fünf Jahre lang hat Fischer daran gearbeitet, Tabus zu brechen und Schmerzgrenzen zu verletzen. Er hat im Wahlkampf gegen Erika Steinbach „Erika Steinbach vertreiben“ plakatiert. Als der Schauspieler Til Schweiger mit Stammtischparolen über Kinderschänder hausieren ging, hat er in seinem Heft Fotos von Schweigers Kindern abdrucken lassen und einen Text daneben, in dem ihre körperlichen Vorzüge erläutert werden. Er hat mit einem Mohammed-Cover provoziert, als Islamisten in aller Welt wegen eines amerikanischen Films in Aufruhr waren. Jetzt sitzt er vor einem und macht beim Denken „Pfftpfft“ wie ein Blasebalg und fällt vor Kichern fast vom Stuhl, weil er ein schmutziges Wort gelesen hat.

          In der Textschmiede der „Titanic“

          Neben Fischer sitzt sein Nachfolger, Tim Wolff, sie schreiben den Text zusammen. Aber eigentlich macht nur Fischer die Witze. Ein konservativer Politiker hat noch einmal klar gestellt, dass sich bitte auch intersexuelle Menschen für ein Geschlecht entscheiden sollen. Ein guter Anlass für Satire, Fischer und Wolff spinnen die Idee weiter. Ein Service-Text in „Titanic” erklärt, welche Prominente noch unsicher mit ihrem Geschlecht sind, und gibt ihnen Tipps, wie sie sich entscheiden sollten. „Denn entscheiden müssen sie sich!“ textet Fischer weiter.

          Die Geschlechtsbeschreibungen haben die beiden jetzt schon mal, jetzt brauchen sie noch die Opfer. Fischer klickt sich durch Nachrichten-Webseiten und die Bestseller-Listen. „Wen gibt‘s denn gerade so?“ Bei einem Artikel über die Buchpreis-Gewinnerin Terézia Mora ruft Fischer: „Wie kann so jemand ernst genommen werden? Ich versteh es einfach nicht!“ Wolff wiegelt neben ihm ab, lieber nicht die Buchpreisträgerin. „Ich versteh schon, du möchtest noch was werden“, sagt Fischer. Als in einem anderen Text Katrin Göring-Eckardt vorkommt, verkrampft sich Fischers Hand zur Faust und er sagt ein Wort, das er in der „Titanic” aus juristischen Gründen nicht schreiben dürfte. „Didi Hallervorden, hm, nee, gegen den darf man nichts machen.“

          Der jüngste Chef der „Titanic“

          Dann, zwischen den Sex-Witzen und dem Leute-Beleidigen, halten die beiden kurz an, und reflektieren noch einmal ihren satirischen Standpunkt: „Unsere Position soll doch die Verstärkung des Konservativen sein.“ Fischer überlegt wieder. Wenn er sich einen Witz ausgedacht hat, googelt er ihn und freut sich dann wie ein Kind, wenn noch niemand vor ihm drauf gekommen ist. Man versteht Kristin Eilert, Frau des „Titanic”-Urgesteins Bernd Eilert und seit vielen Jahren Korrektur-Assistentin bei „Titanic”. Auf die Frage, was sie am meisten an Fischer vermissen wird, hat sie sofort geantwortet: „Dieses juvenile Kichern aus seinem Büro.“

          Weitere Themen

          Leder aus Fischhaut Video-Seite öffnen

          Keine Tierquälerei : Leder aus Fischhaut

          In der drittgrößten Stadt Kenias gehört Fisch zur lokalen Küche dazu - dementsprechend viele Fischabfälle gibt es. Newton Owino hat sich mit seiner Gerberei darauf spezialisiert, die Fischhäute weiterzuverarbeiten.

          Last Night a DJ stole my life Video-Seite öffnen

          Robin Schulz in Barcelona : Last Night a DJ stole my life

          Sie sind die neuen Popstars. Aber ihr Job macht DJs einsam, der Tod von Avicii hat es gezeigt. Geht die Party trotzdem immer weiter? Eine Nacht mit Robin Schulz in Barcelona.

          Topmeldungen

          Währungskrise : Ist die Türkei noch zu retten?

          Bedrohlich spitzt sich die Krise zu. Nur mit einer geldpolitischen Kehrtwende wäre sie zu lösen, sagen Ökonomen. Doch Erdogan denkt nicht daran.
          Erst das Vergnügen, dann die Entscheidung: Zwei Abiturienten beim Feiern nach der letzten schriftlichen Prüfung im vergangenem Jahr.

          FAZ Plus Artikel: Beratung für die Zukunft : Abi. Was nun?

          Wenn die letzte Klausur geschrieben und das Bier mit dem Kumpel ausgetrunken ist, stehen teure Berater bereit. Sie erklären Abiturienten, was die mit ihrer Zukunft anstellen können. Katrin Hummel hat einen von ihnen begleitet.

          Immobilien : Regierung will Kauf-Nebenkosten senken

          Rund ein Siebtel zahlen Hauskäufer in Deutschland nur dafür, das Haus kaufen zu dürfen. Die Bundesregierung will das jetzt ändern. Die Grunderwerbsteuer steht aber nicht zur Debatte.
          Der Konzern VF Corp will seine Jeansmarken abspalten.

          Modeindustrie : Goodbye, Blue Jeans

          Das Bekleidungskonglomerat VF Corp. spaltet die Marken „Wrangler“ und „Lee“ ab. Ihnen wird kaum noch Wachstum zugetraut. Aber ein anderer Jeanshersteller schlägt sich glänzend.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.