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Veröffentlicht: 18.10.2013, 18:28 Uhr

Porträt Leo Fischer Arztbengel, kichernd

Leo Fischer hat fünf Jahre lang in Frankfurt das Magazin „Titanic“ geleitet und dabei gezeigt, dass man mit pubertärem Humor die beste Satire macht. Jetzt hört er auf.

von Lars Weisbrod
© Kaufhold, Marcus Niedlich und skrupellos: Leo Fischer an seinem letzten Tag als Chefredakteur in der „Titanic“-Redaktion.

Bei manchen Menschen weiß man nicht, ob man Angst vor ihnen haben oder sie in den Arm nehmen soll. Bei Leo Fischer auch nicht. „Porträt, daneben Foto des Geschlechtsteils aus Leberwurst oder anderen Metzgereiabfällen“, tippt er in das Feld für die Anweisungen an den Bildredakteur. „Oder ist das zu eklig? Oh Gott, das wird wieder so ein Dreck“, ruft Fischer durch die Redaktion. Er überlegt. Im Wikipedia-Portal „Sexualität“ findet er das Wort „Ablaichbürste“ und muss sofort kichern. Korkenzieherpenis gefällt ihm auch sehr gut, er wird ganz hibbelig vor Lachen. Dienstag vergangener Woche, Fischer schreibt gerade an einem Text für sein letztes Heft. Nur noch ein paar Tage ist er der Chefredakteur von „Titanic”, dem wichtigsten und in Wahrheit einzigen deutschen Satiremagazin.

Fünf Jahre lang hat Fischer daran gearbeitet, Tabus zu brechen und Schmerzgrenzen zu verletzen. Er hat im Wahlkampf gegen Erika Steinbach „Erika Steinbach vertreiben“ plakatiert. Als der Schauspieler Til Schweiger mit Stammtischparolen über Kinderschänder hausieren ging, hat er in seinem Heft Fotos von Schweigers Kindern abdrucken lassen und einen Text daneben, in dem ihre körperlichen Vorzüge erläutert werden. Er hat mit einem Mohammed-Cover provoziert, als Islamisten in aller Welt wegen eines amerikanischen Films in Aufruhr waren. Jetzt sitzt er vor einem und macht beim Denken „Pfftpfft“ wie ein Blasebalg und fällt vor Kichern fast vom Stuhl, weil er ein schmutziges Wort gelesen hat.

In der Textschmiede der „Titanic“

Neben Fischer sitzt sein Nachfolger, Tim Wolff, sie schreiben den Text zusammen. Aber eigentlich macht nur Fischer die Witze. Ein konservativer Politiker hat noch einmal klar gestellt, dass sich bitte auch intersexuelle Menschen für ein Geschlecht entscheiden sollen. Ein guter Anlass für Satire, Fischer und Wolff spinnen die Idee weiter. Ein Service-Text in „Titanic” erklärt, welche Prominente noch unsicher mit ihrem Geschlecht sind, und gibt ihnen Tipps, wie sie sich entscheiden sollten. „Denn entscheiden müssen sie sich!“ textet Fischer weiter.

Die Geschlechtsbeschreibungen haben die beiden jetzt schon mal, jetzt brauchen sie noch die Opfer. Fischer klickt sich durch Nachrichten-Webseiten und die Bestseller-Listen. „Wen gibt‘s denn gerade so?“ Bei einem Artikel über die Buchpreis-Gewinnerin Terézia Mora ruft Fischer: „Wie kann so jemand ernst genommen werden? Ich versteh es einfach nicht!“ Wolff wiegelt neben ihm ab, lieber nicht die Buchpreisträgerin. „Ich versteh schon, du möchtest noch was werden“, sagt Fischer. Als in einem anderen Text Katrin Göring-Eckardt vorkommt, verkrampft sich Fischers Hand zur Faust und er sagt ein Wort, das er in der „Titanic” aus juristischen Gründen nicht schreiben dürfte. „Didi Hallervorden, hm, nee, gegen den darf man nichts machen.“

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Dann, zwischen den Sex-Witzen und dem Leute-Beleidigen, halten die beiden kurz an, und reflektieren noch einmal ihren satirischen Standpunkt: „Unsere Position soll doch die Verstärkung des Konservativen sein.“ Fischer überlegt wieder. Wenn er sich einen Witz ausgedacht hat, googelt er ihn und freut sich dann wie ein Kind, wenn noch niemand vor ihm drauf gekommen ist. Man versteht Kristin Eilert, Frau des „Titanic”-Urgesteins Bernd Eilert und seit vielen Jahren Korrektur-Assistentin bei „Titanic”. Auf die Frage, was sie am meisten an Fischer vermissen wird, hat sie sofort geantwortet: „Dieses juvenile Kichern aus seinem Büro.“

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