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Porträt Emma Roßmann : Die Hüterin des Bembelschatzes

  • -Aktualisiert am

Da ist der Kuckuck los: Inhaberin Emma Roßmann mit ihrem Sohn Gerhard im Dippe-Paradies. Bild: Gilli, Franziska

Emma Roßmann hat die Hälfte ihres Lebens zwischen Krügen, Apfelweingläsern und Gartenzwergen verbracht. Die Geschichte des „Frankfurter Dippemarkts“ ist ihre eigene.

          Adalberta, Fatima, Hillary, Sieglinde und Polly stehen im Regal. Auguste, Diethilde und Jeffrey liegen auf Lager. Mehr als 1600 verschiedene Namen stehen auf den grünen Tassen mit einem schwarzen Huhn darauf. Sie sind in einem einfachen Holzregal im „Frankfurter Dippemarkt“ aufgereiht und die heimlichen Lieblinge von Emma Roßmann. Auch wenn sie sagt, sie liebe alle ihre Sachen.

          Die zierliche, kleine Frau ist 85 Jahre alt und führt den Souvenirladen in der Frankfurter Innenstadt seit 42 Jahren. Auf 160 Quadratmetern stehen so viele Bembel, Gartenzwerge, Kuckucksuhren, Bierhumpen und Apfelweingläser, dass es unmöglich ist, ihre Zahl zu schätzen. Seit 70 Jahren steht Roßmann hinter der Theke. In ihrer Jugend half sie in der Metzgerei und Gaststätte ihrer Eltern im Sudetenland aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie vertrieben. Emma Roßmann kam mit den Eltern und den zwei Schwestern nach Frankfurt. Wo sie landen würden, hätten sie vorher nicht gewusst, sagt Roßmann. Mit den Jahren sei ihr Frankfurt zur Heimat geworden.

          Ein „cool store“ für Amerikaner

          „Mal sehen, wie lange der liebe Gott mir noch Kraft gibt“, sagt die alte Frau. Sie hat kurze weiße Haare und blaue Augen, mit denen sie die Kunden über die Theke hinweg mustert. Über den Preis verhandelt wird bei ihr nicht, anständige Ware hat ihren Preis. In ihrem Laden gebe es keinen Kitsch, sagt sie. Im Schaufenster stehen rosafarbene Tonschweinchen und Gartenzwerge.

          Urgestein: Die grau-blauen „Dippscher“ gibt es in allen Varianten.
          Urgestein: Die grau-blauen „Dippscher“ gibt es in allen Varianten. : Bild: Gilli, Franziska

          Die amerikanischen Kunden nennen den Dippemarkt einen „cool store“, sagt Gerhard Roßmann. Er ist 59 Jahre alt, Schreiner, und Emma Roßmanns Sohn. Er hilft ihr im Laden aus. Als er 17 Jahre alt war, kauften seine Eltern das Geschäft mit der großen Fensterfront, Fahrgasse, Ecke Battonnstraße. Adolf Roßmann war Metzgermeister, Emma Roßmann hatte eine kaufmännische Ausbildung. Ihr Mann habe immer gesagt, mit ihr könne man jedes Geschäft erfolgreich führen, sagt Emma Roßmann. Darauf ist sie stolz, sie erzählt es zwei Mal.

          Ihr Wohnzimmer ist das Hinterzimmer

          Seit dem Tod ihres Mannes vor 32 Jahren steht sie jeden Tag im Laden und freut sich noch immer darüber, nach dem Wochenende die Tür aufzuschließen. Weit ist der Weg nicht für sie. Emma Roßmann wohnt im Hochhaus gegenüber vom Dippemarkt, sie hat das Geschäft immer im Blick.

          Ihr eigentliches Wohnzimmer ist das Hinterzimmer des Ladens. Ein verschlissener dunkelgrüner Blümchenvorhang trennt es vom Geschäft. Über der Sitzecke hängt ein Foto ihres verstorbenen Mannes. 18 Jahre lang führte das Ehepaar eine Metzgerei ein paar Häuser weiter, bevor es den Dippemarkt eröffnete. Adolf Roßmann hatte sich zuvor beim Ausbluten eines Tieres die Hauptschlagader am Oberschenkel aufgeschnitten und musste den Beruf als Metzgermeister aufgeben.

          Eine Viertelstunde für das Mittagessen

          „Deshalb fühle ich mich verpflichtet, das hier weiterzumachen“, sagt Emma Roßmann und nickt dabei, wie um sich selbst zu bestätigen. Kennengelernt hätten sie sich in der Gaststätte seiner Eltern. Sie sei so klein gewesen, habe aber alles auf der Bühne im Tanzsaal sehen wollen. Also habe sie sich auf einen Stuhl gestellt, von dem er sie „runtergejagt“ habe. „Da war ich natürlich beleidigt“, sagt die alte Dame und schweigt, als schmollte sie immer noch. Fast vergisst sie darüber, zu erwähnen, dass sie ihm später verziehen hat.

          In der Küchenzeile mit gelben Kacheln kocht eine Bekannte Rösti und Spätzle für Gerhard und Emma Roßmann. Eine Viertelstunde Zeit nimmt sich die 85 Jahre alte Frau zum Mittagessen, dann steht sie wieder hinter der Theke. Jetzt macht ihr Sohn Mittagspause. „Wir essen zu Hause nur auf den Tellern, die es hier gibt“, sagt sie. Viel überflüssige Dekoration habe sie aber nicht in der Wohnung. Ihre Kinder hätten gesagt, das müsse ja alles weggeschafft werden, erzählt Roßmann. Nach ihrem Tod, fügt sie nicht hinzu. „In diesen Laden gehört eine Frau rein“, sagt sie und klingt nicht so, als hätte sie vor, das Geschäft bald abzugeben. Nach einer halben Stunde hinter der Theke greift sie einen schwarze Gehstock. Er ist der einzige Beweis ihres Alters.

          Eine „Schatzkammer“ für Bierkrüge

          Im fensterlosen Flur zwischen Laden und Hinterzimmer stapeln sich Bembel, Biergläser und Nippes in den Regalen bis unter die Decke. Auch wenn es nicht so scheint, weiß Emma Roßmann genau, wo sie alles findet. Die oberen Regalbretter sind schwer zu erreichen, da bittet sie die Kunden, selbst auf die Leiter zu steigen. „Ich kann nicht alles machen, sonst brauchte ich gar nicht ins Bett zu gehen“, sagt sie. Im Keller unter dem Geschäft stehen noch einmal genau so viele Figuren, Krüge und Gläser in den Regalen, wie im Verkaufsraum. Gerhard Roßmann nennt den Raum mit Hunderten von Bierkrügen seine „Schatzkammer“. „Eigentlich könnte ich das Geschäft die nächsten drei Jahre führen, ohne einzukaufen, und niemand würde es bemerken.“

          Die Stücke im Laden stellen die Roßmanns nicht selbst her, bedrucken sie im Brennofen ihrer Werkstatt aber mit Namen, Wappen und Zahlen. 60 Euro kostet ein Bembel, in den drei Liter passen, einen weiteren Euro jeder Buchstabe. Hochzeitsschwüre, Jubiläen und Liebeserklärungen - Gerhard Roßmann druckt alles auf die grauen Steinkrüge, was gewünscht wird.

          Eine Zukunft mit neuem Inhaber

          Die Bembel aus Steingut kommen aus dem Kannenbäckerland im Westerwald. Im Ofen werden sie bei etwa 1200 Grad gebrannt und mit einer grauen Salzglasur überzogen. Danach werden sie mit den typischen blauen Mustern bemalt. Gerhard Roßmann fährt jede Woche in den Westerwald, um Einkäufe zu planen und Sonderanfertigungen abzuholen.

          Wenn seine Mutter den Laden nicht mehr führen könne, werde er einen neuen Inhaber suchen. „Ich mach das Ding nicht weiter“, sagt der Sohn. Irgendwann sei es auch mal gut. Er lehnt an der Theke, der Blick geht in Richtung Bembelregal. Dann sagt er: „Also kann schon sein, dass ich noch eine Zeitlang im neuen Laden aushelfe.“

          Quelle: F.A.Z.

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