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Polnische Pflegekräfte : Wickeln, kochen, aufpassen

  • -Aktualisiert am

Helfende Hand: Viele gebrechliche Menschen in Deutschland werden von polnischen Pflegerinnen umsorgt. Deren Nöte kennen wenige. Bild: dpa

Ihr Mann hat sie verlassen, die Familie in Polen braucht finanzielle Unterstützung. Das Geld verdient Pflegerin Monika in Deutschland. Hier erzählt sie, wie es ihr dabei geht.

          Monika ist Mitte fünfzig – wie viele Polinnen, die in Deutschland mit den Alten leben. Sie sind nicht mehr die Jüngsten und haben daheim so gut wie keine Chance mehr auf einen Job, schon gar nicht auf einen gut bezahlten. Das gilt auch für Monika. Sie wirkt erschöpft. Dieses Immer aufderhutsein, dass ja nichts passiert, dass die alte Dame nicht gegen den Tisch rennt, dass sie das Radio nicht runterschmeißt, dass sie wer weiß nicht was macht – dass sie vor allem nicht stürzt.

          Monika nennt sie „Babcia“, das ist das polnische Wort für Oma. „Babcia“ sieht man ihre knapp 95 Jahre erst auf den zweiten Blick an, sie ist genügsam, mit sich und der Welt zufrieden und mit Monika ohnehin, obwohl die noch nicht lange bei ihr ist. „Babcia“ vergisst nur vieles und ist wackelig auf den Beinen.

          Im Ausland verdient man mehr

          Monika heißt in Wirklichkeit anders und kommt aus Kattowitz in Schlesien, aus der Stadt der Bergwerke und Schwerindustrie, die – wie anderswo auch – immer unbedeutender werden. Zwanzig Jahre lang war sie in Kattowitz Maschinenarbeiterin, hat in einem Bergwerk Kohle sortiert. Für eine zierliche Frau bedeutet das schwere körperliche Arbeit.

          Monika ist seit elf Jahren geschieden, hat eine Tochter und zwei Söhne. Ihr dritter Sohn starb vor zwei Jahren, er wurde nur 33. Monikas Tochter bekam vor kurzem ein Kind, vom Vater des Kindes hat sie sich getrennt, wohnt nun in der Wohnung der Mutter. Die hat unglaublich Sehnsucht nach ihrem Enkel. „Ich liebe ihn.“ Monika schickt Geld nach Hause. Im Prinzip macht sie alles nur für ihre Tochter und ihren Enkel.

          Das Bergwerk, in dem sie einst Kohle sortierte, gibt es nicht mehr. Ihr geschiedener Mann hat auch in der „Grube“ gearbeitet, aber er hatte einen Arbeitsunfall, das Knie ging dabei kaputt. Danach bekam er nur noch eine kleine Rente, sie musste für das Geld sorgen, er kümmerte sich um die Kinder. Im Ausland verdient man mehr, vor allem in Deutschland. Sie ging jedoch zuerst nach Italien.

          Ehen zerbrechen häufig

          Eine Freundin hatte ihr von Italien erzählt. „Komm doch auch“, sagte sie. Monika kam nach Neapel, ohne ein Wort Italienisch zu können. Ihre erste Stelle hatte sie bei einer Familie – Vater, Mutter, Zwillinge. Sie war Haushaltshilfe und Kindermädchen in Personalunion, putzte und spielte, putzte und spielte. Mit ihren Kindern hatte sie nur per Telefon Kontakt. So weit weg – das sei schwierig gewesen, sagt sie. „Ich habe viel geweint.“

          Nach knapp zwei Jahren wechselte sie zu einem altersschwachen Ehepaar. Monika arbeitete schwarz, „ohne Papiere“ sagt sie dazu, bekam 500 Euro im Monat. Im Jahr 2004 war das für polnische Verhältnisse sehr viel Geld. Dreizehn Monate am Stück blieb sie einmal bei dem gebrechlichen Ehepaar. Mehr als ein Jahr ohne Ferien, ohne die eigene Familie zu sehen. Und irgendwie ständig im Dienst.

          Dann war da diese unendlich lange Fahrt im Bus von Neapel nach Polen; Monika weiß nicht mehr, wie viele Stunden sie dauerte. Die Algerierin, die sie vertreten hatte, hatte bei dem alten Ehepaar wieder vor der Tür gestanden, Monika musste gehen. Als sie daheim aus dem Bus ausstieg, hatte sie ihren Mann verloren. Sie waren 27 Jahre zusammen, sie hat ihn mit neunzehn geheiratet. „Über mein Leben kann man eine Komödie und eine Tragödie mit viel Horror schreiben“, sagt Monika. Dass ihr Mann eine andere hatte, war der Horror. Ihre Tochter war da grade einmal zwölf. Es soll oft vorkommen bei 24-Stunden-Pflegekräften aus Osteuropa, dass der Daheimgebliebene die Beziehung aufkündigt. Manchmal geht es auch umgekehrt, verlieben sich Pflegerin und Sohn des Hauses oder Pflegerin und Enkel des Hauses ineinander.

          Tausend Euro schwarz

          Neapel hat Monika trotzdem als schön in Erinnerung, das Meer war nur eine Viertelstunde weg, am Strand traf sie andere Polinnen. „Gute Arbeit“, sagt sie und weiß sie nicht recht zu beschreiben. Es ist lange her. Die andere vom „Ex“, wie sie ihren früheren Mann nennt, ist auch schon tot. Er hat wieder eine Neue.

          Die Trennung hat nichts daran geändert, dass sie das Geld für sich und ihre vier Kinder beischaffen musste. Ob zu Hause oder weit weg. Wieder daheim, ging sie in die Fabrik, stand von 2008 bis 2012 bei einem Autozulieferer am Fließband. Ihr Lohn? Nur noch 350 Euro. Monika sagt: „300 halb.“ Es hat auf die Dauer nicht gereicht, sie kündigte, wollte wieder nach Italien, aber alle Freundinnen von einst waren auch zurück in Polen. Dafür erzählte ihr ein Arbeitskollege von Deutschland, wo seine Mutter und ihre Schwester in einem privaten Altenheim mit zehn Plätzen arbeiteten. „Willst du nicht auch?“ Sie fing als Helferin an, zur Probe, wechselte sich mit der Mutter und der Tante des früheren Arbeitskollegen ab. Nicht noch eine dritte Polin, fand man im Heim, Monika war weg vom Fenster.

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