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Pollen-Allergie : Immunsystem hat Langeweile

Derzeit der Hauptübeltäter: Birken versprühen ihre Pollen mit großer Energie. Bild: mauritius images

Immer mehr Menschen leiden an Heuschnupfen. Zurzeit quälen Birkenpollen die Allergiker - die Plagegeister werden immer aggressiver.

          Wenn die erste Frühlingssonne frisch verliebten Paaren die Ohren wärmt, dann weint er hinter verschlossenem Fenster: der Allergiker. Mit laufender Nase und tränenden Augen hat er wenig Sinn für die leuchtende Natur und lachende Flur, die Goethe um diese Jahreszeit erhob. Seinem „O Erd, o Sonne, o Glück, o Lust!“ kann er nur ein müdes Niesen entgegensetzen. Denn ihm bereiten blühende Bäume und Sträucher vor allem Atembeschwerden. Vom „Blütendampfe und „Himmelsduft“, die Goethe Jugend und Liebe verheißen, spürt er nichts als - Pollen.

          Livia Gerster

          Redakteurin im Ressort Politik der F.A.Z.

          Birkenpollen, Eschenpollen, Erlenpollen, alle machen sie ihm, je nachdem, wie sein Immunsystem disponiert ist, zurzeit das Leben schwer. Im Mai kommen Gräser und Sauerampfer hinzu, später Nessel und Beifuß. Meistens quält den Allergiker nicht nur eine Pollenart, er reagiert vielmehr kreuz und quer, niest manchmal von März bis September. Ärzte sprechen von Kreuzallergien.

          Ist Heuschnupfen eine Luxuskrankheit?

          Wenigstens, und das ist sein einziger Trost, ist er nicht allein: Mindestens jeder fünfte Deutsche hat eine Form von „Heuschnupfen“. Und es werden immer mehr. Wolfgang Schlenter von der hessischen Abteilung des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen beobachtet schon lange, dass die Zahl der Betroffenen steigt. Woran liegt das?

          Der ehemalige HNO-Chefarzt sieht den Hauptgrund in unserem hygienischen Lebensstil. Man könnte sagen, das Immunsystem ist in unserer keimfreien Welt unterfordert. In seiner Langeweile sucht es sich Feinde, die eigentlich gar keine sind. „Die Allergie ist im Grunde eine fehlgeleitete, überschießende Immunreaktion“, sagt Eva Valesky, Oberärztin am Frankfurter Universitäts-Klinikum und Allergologin.

          Ist der Heuschnupfen also eine Luxuskrankheit verweichlichter Industrienationen? Kinder, die auf dem Bauernhof aufgewachsen seien oder deren Mütter schwanger im Stall gearbeitet haben, seien jedenfalls meist vor Allergien gefeit, sagt Schlenter.

          Ärzte verdienen wenig an Allergie-Behandlung

          Allein, diese gesunden Bauernbuben und -mädels werden immer weniger, kränkliche Städter bevölkern von Wiesbaden bis Hanau die Allergologenpraxen - sofern sie überhaupt eine finden. Denn während der Allergiker immer mehr werden, nimmt die Zahl der behandelnden Ärzte ab.

          Für sie ist das Geschäft mit der Allergie wenig lukrativ: Wolfgang Schlenter weiß von einem Arzt, der an der Behandlung von Heuschnupfenpatienten gerade einmal drei Euro im Monat verdient. Die Therapie ist für Ärzte nur möglich, wenn sie sie querfinanzieren können, wie Schlenter sagt.

          Umweltverschmutzung mache Pollen aggressiver

          Mit dem Allergologenverband kämpft er dafür, dass sich das ändert: Gesundheitsamt und Krankenkassen sollten die Wichtigkeit der Allergie endlich anerkennen. „Wenn man nichts dafür kriegt, dann ist es auch nichts“ - so würden vielen Ärzte denken, sagt er. Dabei sei der Heuschnupfen eine Volkskrankheit, die man ernst nehmen müsse. Denn mit der Zeit werde sie immer schlimmer. „Allergischen Marsch“ nennt er diese Entwicklung, die vom juckenden Auge geradewegs zum Asthma führen kann.

          Die Ernsthaftigkeit ist vielen Allergikern nicht bewusst, nur ein Drittel lässt sich behandeln. Dabei gibt es wirksame Therapien, wie die Dermatologin Valesky sagt. Während verschiedene rezeptfreie Mittel nur die Symptome bekämpfen, geht die Hyposensibilisierung an die Ursache. Im besten Fall befreit sie Allergiker langfristig von allen Beschwerden. Doch die Therapie ist langwierig: Über drei Jahre hinweg muss der Patient sich kleine Dosen der Pollen impfen lassen, gegen die er allergisch ist. Ein Birkenallergiker gewöhnt sich so an die Birkenpollen, und sein Körper lernt, dass es gar keinen Grund gibt, Alarm zu schlagen. Die Birkenpollen tun ja nichts. Eigentlich.

          Doch die Umweltverschmutzung macht die Pollen zunehmend aggressiv. Wo Bäume und Sträucher Feinstaub und Dieselpartikeln ausgesetzt sind, geben sie ihren Stress an die Menschen weiter, die allergisch reagieren. „Ruß macht die Pollen aggressiv“, sagt Schlenter.

          Birke ist beliebt bei Stadtplanern

          Die Hochzeit des Pollenflugs steht den Allergikern noch bevor. In diesen Tagen sei die Pollenbelastung in und um Frankfurt herum noch „gering bis mäßig“, sagt Christina Endler vom Deutschen Wetterdienst. Bei unbeständigem Wetter werde das auch so bleiben, denn Regen wäscht die Pollen aus. Bei klarem Himmel und viel Wind hingegen flögen besonders viele Pollen.

          Wer sich zurzeit schon heftig die Augen reibt, ist wahrscheinlich gegen Birkenpollen allergisch. Sie sind die hartnäckigsten unter den Frühblühern, außerdem ist die Birke weit verbreitet. Sie säumt nicht nur Bahnschienen, sondern ist zum Leidwesen der Allergiker auch beliebt bei Stadtplanern. Diese schätzen die Zierlichkeit des hellen Baumes, unterschätzen aber womöglich sein aggressives Blühverhalten in der Nähe von Autos.

          Langfristig hilft Allergikern eigentlich nur eine Hyposensibilisierung, darin sind sich die Allergologen einig. Allergie-Tabletten und auch ein paar Hausmittel können das lästige Jucken und Niesen zumindest mindern: Von draußen hereinkommend, sollten Allergiker die Kleidung wechseln und sich die Haare waschen oder gleich bei geschlossenen Fenstern drinnenbleiben. Wen diese Aussicht deprimiert, dem rät Allergologe Wolfang Schlenter: „Einfach ans Meer oder ins Gebirge fahren.“ In drei Wochen blühen zumindest die Birken nicht mehr. Dann können die ersten Allergiker aufatmen und sich endlich am Frühling samt Blütendampfe und Himmelsduft erfreuen.

          Quelle: F.A.S.

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