Derege Wevelsiep hat eigentlich keinen Grund, sich diese Geschichte auszudenken. Er ist Diplomingenieur bei einem großen Elektronikkonzern, verlobt und neben ihm drückt sich sein Sohn David aus einem runden Plastikdöschen Kaffeesahne ins Gesicht. Wevelsiep könnte seinen Samstagnachmittag mit etwas Schönerem verbringen als damit, schon wieder seine Geschichte zu erzählen und die Nervosität wegzulächeln, wenn er die Fotokamera sieht. Er hätte sich auch das Fernsehinterview sparen können, das ihm so schwer gefallen ist, und er müsste seinen Anwalt nicht darum bitten, von nun an die meisten der unzähligen Medienanfragen abzuwehren. Schon der Wirbel also, den seine Geschichte verursacht hat, spricht dagegen, dass sie unwahr ist. Trotzdem ist das, was er sagt, so unglaublich, dass er selbst an das Ende seiner Erzählung nur die Frage stellt: „Warum passiert so etwas?“
Am Abend des 17.Oktober gibt Derege Wevelsiep in der U-Bahn-Linie 4 seiner Verlobten seine Monatsfahrkarte und steigt am Merianplatz aus. Kurz darauf ruft sie ihn an und sagt, dass sie mit vier Kontrolleuren an der Station Bornheim-Mitte steht. Sie sagt, dass diese ihr nicht glauben wollen, dass sie berechtigt ist, mit der übertragbaren Monatskarte zu fahren. Nach den Darstellungen der Verkehrsgesellschaft Frankfurt war Wevelsieps Verlobte mit vier weiteren Personen unterwegs. Sie sollen versucht haben, auf zwei Monatskarten zu fahren, womit eine Person ohne Fahrkarte gewesen wäre. Wevelsieps Verlobte sagt, dass sei so nicht gewesen.
„Ihr seid hier nicht in Afrika“
Wevelsiep fährt zur Station Bornheim- Mitte. „Ihr seid hier nicht in Afrika“, habe eine Kontrolleurin zu ihm gesagt. Die Kontrolleurin hat Wevelsiep inzwischen wegen Beleidigung angezeigt, er soll sie als Nazi beschimpft haben. Wevelsiep bestreitet das. Weil sich Kontrolleure und Kontrollierte nicht einig werden, wird die Polizei dazu gerufen. So wie der 41 Jahre alte Ingenieur die Geschichte erzählt, fragen die vier Beamten nur die Kontrolleure nach deren Version der Vorkommnisse, nicht aber seine Verlobte. Als sie Wevelsieps Ausweis sehen wollen, er aber nur seinen Führerschein und den Ausweis seiner Firma dabei hat, soll einer der Beamten gesagt haben: „Wir nehmen ihn mit.“
Die Polizisten wollen mit ihm in seine Wohnung fahren, dort soll er seinen Ausweis zeigen. Als sie am Streifenwagen vor der Station ankommen, durchsuchen die Polizisten Wevelsiep. Ab jetzt, sagt Wevelsiep, wird er nur noch geduzt. Einer der Beamten, von dem der Ingenieur sagt, er sei von Minute zu Minute aggressiver geworden, habe ihn beleidigt. „Du dummer Schwätzer“, soll er gesagt haben. Als die Polizisten ihm für die Fahrt Handschellen anlegen wollen, weigert sich Wevelsiep. „Ich habe gefragt, was ich falsch gemacht habe“, sagt er. Der als aggressiv beschriebene Beamte habe daraufhin bis zwei gezählt und ihm dann ohne Vorwarnung ins Gesicht geschlagen. Auch gegen seine Brust, seine Hüfte und sein Knie sei er geschlagen und getreten worden, erzählt Wevelsiep.
Rhein: Rassismus hat in der hessischen Polizei keinen Platz
Erst in seiner Wohnung, im Schlafzimmer, nehmen die Beamten ihm die Handschellen ab. Sie verlassen die Wohnung, nachdem er seinen Ausweis gezeigt hat, bleiben aber nach den Angaben von Wevelsiep und seiner Freundin, die ihn bewusstlos im Schlafzimmer findet, noch mehr als eine Stunde in dem Wohnhaus in Preungesheim. Sie sollen sogar versucht haben, den aus der Wohnung herbeigerufenen Krankenwagen wieder wegzuschicken.
Gehirnerschütterung mit Bewusstlosigkeit, Prellung des Thorax rechts, Prellung des rechten Knies, Prellung der Hüfte rechts: Das ist das, was die Ärzte im Sankt-Katharinen-Krankenhaus in ihren Befund schreiben, nachdem sie Wevelsiep untersucht haben. Er zeigt die vier Polizisten wegen Körperverletzung im Amt, Hausfriedensbruch und Beleidigung an. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt. Die Polizei bestätigt, dass sie interne Untersuchungen anstelle, will sich aber zu dem Fall selbst nicht äußern. Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU) erklärt, Rassismus habe in der hessischen Polizei keinen Platz. Er warnt davor, vorschnelle Urteile zu fällen, und sagt: „Soweit mir bekannt ist, gibt es durchaus gegensätzliche Darstellungen zu dem Vorfall.“
Schulungen gegen Rassismus
Die Kanzlei von Johannes Hallenberger betreut gerade vier mutmaßliche Opfer von Polizeigewalt. „95 Prozent dieser Fälle werden nie öffentlich“, sagt der Anwalt, der Derege Wevelsiep vertritt. Er glaubt, dass bei der Polizei und im Innenministerium ein Bewusstsein dafür geschaffen werden müsse, dass es viele Beamte gebe, die mit latentem oder offenem Rassismus ihre Arbeit tun. „Darüber muss aufgeklärt werden, es muss Schulungen geben“, sagt er.
Mark Kohlbecher vom Innenministerium sagt, dass diese Forderungen längst erfüllt seien. Er verweist darauf, dass das Fach Interkulturelle Kompetenz fester Bestandteil des Lehrplans an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung ist, an der alle Polizeianwärter ausgebildet werden. Er erzählt von den 15 Integrationsbeauftragten der hessischen Polizei, die Opfer mit Migrationshintergrund betreuen und die Beamten über religiöse und kulturelle Besonderheiten aufklären. Entschieden tritt Kohlbecher dem Vorwurf entgegen, Fälle wie der von Wevelsiep seien quasi an der Tagesordnung. „Das ist mein erster Fall dieser Art“, sagt er.
Sie sind dafür da, die Bösen zu jagen
Derege Wevelsiep ist in Äthiopien geboren und von dort vor dem Krieg geflüchtet. Er wurde von deutschen Eltern adoptiert und hat einen deutschen Pass. Wenn er beruflich unterwegs ist oder sein Geburtsland besucht, dann hat er Heimweh. „Ich liebe Deutschland“, sagt er. Hier habe er die Möglichkeit bekommen zu studieren. Hier habe er sich nie unsicher gefühlt. Er erzählt aber auch davon, dass er schon immer häufiger als seine Freunde mit weißer Hautfarbe von Polizisten auf der Straße nach dem Ausweis gefragt worden sei.
Der Landesbezirk Hessen der Gewerkschaft der Polizei verwehrt sich gegen jeden pauschalen Rassismus-Vorwurf. „Es ist eine Ungeheuerlichkeit ersten Grades, wenn der gesamten Polizei Rassismus und Gesetzeslosigkeit vorgeworfen wird“, heißt es in einer Mitteilung.
Derege Wevelsiep hofft, dass es in seinem Fall einen Prozess gibt, und ist gespannt darauf, was die Beamten, die er angeklagt hat, sagen werden. Der dreijährige Sohn David, sagt Wevelsieps Verlobte, habe früher oft mit Polizeiautos gespielt. Jetzt schimpft er immer auf die Polizei. „Wir arbeiten daran, dass er das ablegt“, sagt sie. Sie erkläre ihm dann immer, dass die Polizei gut sei. Sie sei dafür da, die Bösen zu jagen.
Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU) erklärt, Rassismus habe in
der hessischen Polizei keinen
Axel Balsero (Balsero)
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