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Politikerinnen über Sexismus : „Viele Männer meinen, Karneval ist jeden Tag“

Nein zu Sexismus: Schon vor anderthalb Jahren demonstrierten einige Hundert Frauen bei einem von deutschlandweit zehn „Schlampenmärschen“ im Frankfurter Bahnhofsviertel für sexuelle Selbstbestimmung. Bild: Kretzer, Michael

FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle hat den Anlass für die Debatte geliefert. Müssen Frauen auch heute noch anzügliche Bemerkungen ertragen? Einige Politikerinnen haben genau diese Erfahrung gemacht.

          FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle hat den Anlass für die Debatte geliefert - mit seinem Hinweis auf ein Dirndl, das von einer Gesprächspartnerin „gefüllt“ werden könne. Nun redet das ganze Land darüber: Müssen Frauen auch heute noch Altherrenwitze, anzügliche Bemerkungen und zweifelhafte Komplimente ertragen? Nach Ansicht der Frankfurter Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) sind sexistische Bemerkungen jedenfalls in der Politik alltäglich: „Viele Männer meinen, Karneval ist jeden Tag.“

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Laut Birkenfeld reichen die Übergriffe von verbalen Attacken bis zu Handgreiflichkeiten. In aller Regel würden sie bewusst als Machtmittel eingesetzt, gerne gegenüber Untergebenen. Aus eigener Erfahrung kenne sie diese Mechanismen nur aus der Politik, aber die Sozialpolitikerin vermutet, dass es solche Situationen „wahrscheinlich in allen Arbeitsverhältnissen gibt“. Ob es sinnvoll ist, sich gegen sexistische Äußerungen zu wehren, entscheidet die 53Jahre alte CDU-Politikerin je nach Situation. Manche Männer müsse man auf die Grenzüberschreitung aufmerksam machen; „die merken das gar nicht.“ Bei anderen sei es besser, die Anzüglichkeiten zu ignorieren, „um sich nicht das Leben schwer zu machen.“

          Die Gesellschaft müsse darüber diskutieren

          Zweideutige Bemerkungen, gierige Blicke, Anmache und Übergriffe in jeder nur erdenklichen Form sind auch nach Ansicht der Frankfurter Frauendezernentin und früheren Vizepräsidentin des hessischen Landtags, Sarah Sorge (Die Grünen), ein „gesellschaftliches Problem, das alltäglich ist“. Man kenne es von der Straße und vom Arbeitsplatz. Sie habe es auch selbst erlebt, sowohl im Römer als auch im Landtag.

          Die 43 Jahre alte Politikerin zeigt sich erfreut über die derzeitige Debatte. Die Gesellschaft müsse darüber diskutieren, was sie für ein Menschen- und Frauenbild wolle und ob es dazu gehören solle, Frauen durch obszöne Bemerkungen zu erniedrigen. Um an der derzeitigen Situation etwas zu ändern, müssten nicht nur Frauen lernen sich zu wehren, sondern es seien „auch alle diejenigen, die drum herum stehen“, aufgerufen, gegen Belästigungen einzuschreiten. Die Erwartung jedenfalls, Altherrenwitze würden mit dem Generationenwechsel aussterben, hat sich nach Ansicht Sorges nicht erfüllt, „in puncto sexistische Anmache hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel geändert“. Dabei gehe es hier doch um „Anstand“. Frauen dürften auf jeden Fall nicht mit dem Problem allein gelassen werden.

          Hoffen auf Bewusstseinswandel

          Die FDP-Fraktionschefin im Römer, Annette Rinn, hält die Grenze des Zumutbaren für überschritten, wenn es zu „Grabschereien“ komme. „Das geht gar nicht“, sagt die 53 Jahre alte Liberale. Ebenso wenig sei es akzeptabel, wenn Männer gegenüber untergebenen Frauen anzüglich würden. Rinn gesteht auch zu, dass sich Brüderle gegenüber der „Stern“-Journalistin, deren Berichterstattung die Diskussion ausgelöst hat, „ungeschickt verhalten“ habe. Doch für sie selbst sind sexistische Kommentare, wenn sie unter Gleichgestellten ausgetauscht werden, weder ungewöhnlich noch eines Kommentars wert. „Es gibt sie auf allen Ebenen“, sagt sie, doch die Frauen „können und müssen im Stande sein, sich zu wehren“. Ähnlich sieht es die Frankfurter Stadtverordnetenvorsteherin Bernadette Weyland (CDU). Sie hat nach eigenen Angaben Sexismus noch nicht erlebt. Wenn sie belästigt würde, wüsste sie sich zu wehren, etwa mit den Worten „Was erlauben Sie sich eigentlich!“

          Die Schwalbacher SPD-Landtagsabgeordnete Nancy Faeser versucht meistens, „einen Spruch zurück zu machen“, um den verbalen Übergriffen, „mit denen man als Frau regelmäßig konfrontiert wird“, zu begegnen. Bei einer stärkeren Reaktion gelte man schnell als „zickig und nicht spaßbereit“, das will die 42Jahre alte Wirtschaftsanwältin nach eigenen Worten vermeiden.

          Dennoch lobt sie, dass erstmals in der Öffentlichkeit über sexistische Entgleisungen gesprochen werde. Das könne zu einem Bewusstseinwandel führen, hofft sie, auch wenn sie sich einen anderen Auslöser als die zweifelhafte Berichterstattung über die Brüderle-Entgleisung gewünscht hätte.

          Quelle: F.A.Z.

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