Es gab früher diese Kinderbücher, auf deren Seiten nur Landschaft zu sehen war. Auf die konnten die Kleinen statisch geladene Folienfiguren setzen, Schlümpfe zum Beispiel oder Fliegenpilze. So ähnlich sieht es im Moment aus, wenn Paulo Rodrigues Marques an seinem Mischpult arbeitet. Erst gibt es nur einen Baum im Vordergrund, dann eine Baumreihe weiter hinten, dann lässt er einen im Sonnenlicht glitzernden See erscheinen - und auf einem Weg im Hintergrund laufen der kleine Rabe Socke und sein Freund Wolle, ein Schaf.
Normalerweise versuchen die Visual-Effects-Spezialisten von Pixomondo im Frankfurter Ostend, Gesichter, Flieger oder Explosionen so realistisch wie möglich in ihren Computern zu erstellen. Doch im Moment haben die gut 15 Mitarbeiter des Oscar-prämierten Unternehmens, deren Team Rodrigues Marques leitet, eine andere Herausforderung: Es darf nicht zu realistisch wirken.
432.000 Euro vom Land Hessen
„Der kleine Rabe Socke“ von Nele Moost und Annet Rudolph ist eine der beliebtesten deutschen Kinderbuchreihen - „eine Marke für sich“, wie Dirk Beinhold von der Filmproduktion Akkord-Film sagt. Und deshalb soll auch der Film, der am 6. September in die Kinos kommt, den zweidimensionalen, sehr klassisch gezeichneten Kinderbüchern möglichst ähnlichsehen.
Vier Millionen Euro kostet das Zeichentrickabenteuer, das Land Hessen hat über die Wibank 432.000 Euro dazu beigesteuert. Die Förderung ist ein Grund, warum ein Großteil der Bilder in den Rechnern von Pixomondo in Frankfurt entsteht. Denn eine Förderbedingung ist, dass mindestens das vergebene Geld, gerne natürlich auch mehr, in Hessen ausgegeben wird. „Bei diesem Projekt war es sogar deutlich mehr“, sagt Ursula Vossen, die bei der Wibank für den Förderfonds Hessen-Invest Film zuständig ist.
Auch der Ton kommt aus Frankfurt. In einem Zeichentrickfilm muss vom Vogelgezwitscher bis zum Fußstapfen jedes Geräusch künstlich erzeugt werden, das machen beim „Kleinen Raben“ die Herold Studios mit Sitz an der Mörfelder Landstraße. Auch die Synchronstimmen - Jan Delay spricht den kleinen Raben, Katharina und Anna Thalbach geben Frau Dachs und ihrem Kind die Stimmen - wurden bei Herold aufgenommen.
Vier Millionen Euro für einen Zeichentrickfilm zusammenzubekommen ist nicht ganz einfach. Zumal der wirtschaftliche Erfolg am Anfang der Produktion schwer zu errechnen ist. Deswegen ist die Filmwirtschaft stark nach der Nähe zu öffentlichen Fördertöpfen ausgerichtet. Dass Pixomondo nicht nur in der ganzen Welt Standorte hat, sondern innerhalb Deutschlands neben dem Hauptsitz in Frankfurt auch noch Studios in Berlin, München, Hamburg und Stuttgart betreibt, liegt unter anderem daran, dass auch andere Bundesländer ihre Fördermittel nur für - sozusagen - regionale Produktionen hergeben. Filmproduzenten müssen also in den jeweiligen Ländern tätige Unternehmen beauftragen.
1100 Szenen
Neben Hessen-Invest-Film hat auch die Filmförderung Baden-Württemberg Geld zum „Kleinen Raben“ beigesteuert, Gleiches gilt für die Filmförderungsanstalt und den Deutsche Filmförderfonds der Bundesregierung, den Hessischen Rundfunk, den SWR sowie den Filmverleih Universum und die beiden Produktionsunternehmen Akkord-Film und Studio88. Eine Anschubfinanzierung kam von der Europäischen Union. Während die Förderung von EU und Bundesregierung nicht zurückgezahlt werden müssen, hofft die Wibank stets darauf, dass die geförderten Filme nicht nur inhaltlich und künstlerisch wertvoll, sondern auch wirtschaftlich erfolgreich sind. Dann nämlich müssen die Produzenten die Darlehen bis zur vollen Höhe wieder zurückzahlen. Beinhold ist diesbezüglich offenbar guter Dinge, der Produzent spricht schon von einem Folgefilm.
An der Lindleystraße bei Pixomondo ist derweil die heiße Phase eingeläutet. In wenigen Wochen müssen alle Einzelteile - die Bäume, der See, das Glitzern darauf - in allen 1100 Szenen perfekt zusammenpassen. Danach erst können in den Herold-Studios die schon vorbereiteten Geräusche, die Stimmen und die Musik über die Bilder gelegt werden. Schließlich muss es zur Premiere im September genau im richtigen Moment krachen, wenn Rabe Socke und seine Freunde mit ihrem Skateboard in einen Busch rauschen.