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Philipp Demandt im Gespräch : Berlin schaut auf die Frankfurter Museen

F.A.Z.-Herausgeber Werner D’Inka (links) und Philipp Demandt Bild: Helmut Fricke

Philipp Demandt, Leiter von Städel, Liebieghaus und Schirn, spricht in den Räumen der Rhein-Main-Zeitung über neue Wirkungsstätten und die Aufgaben, die auf ihn zukommen.

          Die Berliner schauen mit einer Mischung aus Neid und Hochachtung auf die Frankfurter Museen. Und es gibt Kunsthistoriker, die sich kaum etwas Schöneres vorstellen können, als am Main ein Museum zu leiten. Der dies freudestrahlend verkündet, leitet freilich gleich drei der angesehensten Häuser in der Stadt. Philipp Demandt ist seit Oktober vorigen Jahres Chef von Städel, Schirn und Liebieghaus. Am Donnerstag besuchte er die Redaktion der Rhein-Main-Zeitung.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Der frühere Direktor der Alten Nationalgalerie in der Bundeshauptstadt versicherte, niemand habe ihn bedauert, als er seinen Weggang nach Frankfurt bekanntgegeben habe. Im Gegenteil: „Frankfurt ist eine Top-Destination für jemanden, der Museen liebt.“ Die Dynamik hier sei außergewöhnlich. Ebenso das Maß an „Freiheit des Denkens und Handelns“, das man am Städel genieße. Dergleichen gebe es wohl an keinem anderen deutschen Museum. Das sei vor allem der Tatsache zu verdanken, dass das Städel eine private Stiftung sei und staatliche Stellen nur einen geringen Einfluss auf das Geschehen im Haus hätten: „Wir können strategisch denken.“

          Vincent van Gogh in zwei Jahren

          Dabei kann Demandt, dessen Familie aus der Nähe von Frankfurt stammt, sich noch an Zeiten erinnern, in denen man ihn vor der Stadt gewarnt habe. Wer aus „anständigen Verhältnissen“ gekommen sei, sei nicht nach Frankfurt gefahren. Das aber ist lange vorbei. Die Stadt habe sich gewandelt, sagt Demandt. Nachdem er lange in Berlin gelebt habe, wundere er sich nun, wenn die Leute immer freundlicher würden, je weiter er nach Süden komme. Er traue der Sache noch immer nicht recht. Das kenne er aus Berlin nicht, wo ein ruppiger Ton vorherrsche. Den er eigentlich möge.

          Demandt hat Häuser vorgefunden, die sein Vorgänger gut bestellt hat. „Es gibt umfangreiche Planungen bis 2019, zum Teil bis 2020“, sagt der dreifache Museumsleiter. Er kenne wenige Museen mit derart langen Planungszeiten. In Berlin sei das anders gewesen. Das habe mit den unterschiedlichen Sammlungen beider Institutionen zu tun. Während die Nationalgalerie zahlreiche Werkgruppen besitze, mit denen sich Ausstellungen aus dem eigenen Bestand mühelos bestücken ließen, gehörten dem Städel viele herausragende Einzelarbeiten, die für Sonderschauen mittels Leihgaben ergänzt werden müssten.

          Zudem habe das Städel sich in den vergangenen Jahren auf einem sehr hohen Niveau bewegt, auf Augenhöhe mit den großen Häusern in London, Paris und New York. Um herausragende Werke international renommierter Museen zu bekommen, müsse man jedoch schon drei bis fünf Jahre im voraus anfragen. Für 2019 kündigte Demandt eine Ausstellung über Vincent van Gogh und Deutschland an. Etwa 20 bis 30 exzellente Werke des Meisters der frühen Moderne seien dann in Frankfurt zu sehen.

          Größere Unternehmen zurückhaltender

          Er setze demnächst jedoch auch eigene Akzente, sagte er. Es seien durchaus „slots“ vorhanden, die er füllen werde. So wird derzeit eine Ausstellung im Liebieghaus vorbereitet, in der es um die Provenienz der Sammlungsstücke geht. Schließlich habe die Skulpturensammlung auch zwischen 1933 und 1945 Arbeiten erworben. Seine Arbeit im Städel werde im Moment aber vor allem durch das Einwerben von Drittmitteln bestimmt. „80 bis 90 Prozent der laufenden Kosten im Städel müssen wir selbst decken“, erläutert er. Auch das ist etwas spezifisch Frankfurterisches.

          Zunehmend wichtig werden nach seinen Angaben spendenwillige Privatpersonen. Manch einer, der das Städel sein Leben lang gerne besucht habe, entschließe sich mit 80 Jahren, dem Haus Geld oder Kunst zukommen zu lassen. Er habe das Gefühl, dass größere Unternehmen zurückhaltender geworden seien als in den vergangenen Jahren und klarere Kriterien dazu erarbeitet hätten, was sie fördern wollten und was nicht. Neben den Sponsoren, die eine Gegenleistung erwarten, hat das Städel auch Mäzene, die aus reiner Philanthropie große Summen spenden. „Unser wichtigster Mäzen will nicht genannt werden.“ Andere möchten aber dann doch schon, dass ein Raum ihren Namen trägt. Da geht es um höhere Summen.

          Holbein-Madonna in Hessen zu Hause

          Dass die städtischen Museen seit Anfang des Jahres keinen Eintritt von allen Besuchern unter 18 Jahren mehr nehmen, findet Demandt großartig, für die von ihm geführten Häuser aber nicht umsetzbar. Die Mindereinnahmen müssten ausgeglichen werden, wenn es zu einem solchen Schritt kommen sollte. Aber davon ist derzeit nicht die Rede. Was er in Angriff nehme, sei die bauliche Erneuerung aller drei Häuser, führt er aus. Und es gehe weiter mit der Digitalisierung. Ziel sei die elektronische Erfassung des kompletten Bestands. Auch die Erweiterung der Sammlung möchte er weiterhin betreiben, wobei Kunst im Fokus steht, „die vielleicht erst in zehn Jahren allgemein in ihrer Bedeutung erkannt wird“.

          Meist scheiterten Erwerbungen nicht am Geld, sagte Demandt. Er bedauere, dass die Holbein-Madonna nicht mehr in Hessen zu Hause sei, wo sie doch eigentlich hingehöre. Ob sie jemals wieder im Städel zu sehen sein werde, wusste er nicht zu prophezeien: „Dabei ist Holbein einer meiner Lieblingskünstler.“ Und sein Lieblingsbild im Städel ist dessen Bildnis des Simon George of Cornwall.

          Quelle: F.A.Z.

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