Iliana Debu erwartet ihre Gäste lieber vor dem Haus. Laut Klingelschild lebt sie auch gar nicht in dem Gebäude mit den Rissen in der Fassade. Ihm zufolge wohnen drei Leute namens „Max Mustermann“ in dem Haus am Stadtrand, das den Charme einer Kaserne versprüht. Der Briefkasten gibt genaueren Aufschluss. Fast 20 Schilder sind dort aufgeklebt. Fast alle Namen klingen osteuropäisch.
Seit Dezember 2010 lebt Debu in Frankfurt. In Wirklichkeit heißt sie anders. Niemand hat sie gebeten, hierher zu kommen, gebraucht wird sie trotzdem. Debu arbeitet als Pflegekraft, als ungelernte Pflegehelferin, um genau zu sein. Was sie bislang erlebt hat, sagt viel aus über eine Branche, in der es gutes Geld zu verdienen gibt, der aber trotzdem die Mitarbeiter fehlen.
Besser als putzen sei es
Ihr Bruder hatte Debu ermuntert, nach Deutschland zu kommen. Sie dachte, mit dem Geld, das sie hier verdienen würde, könnte sie ihre Tochter unterstützen, die in Rumänien Medizin studiert. Und sie dachte, in Deutschland funktionierten die Gesetze. Mittlerweile ist sie sich da nicht mehr so sicher. „Wie eine Sklavin“ habe sie sich gefühlt als Zeitarbeitnehmerin in der Pflege. Dabei fing alles ganz vielversprechend an.
Eine Bekannte vom Sprachkurs hatte der Endvierzigerin geraten, sich in einem Pflegeheim zu bewerben. Die suchten immer Leute und zahlten nicht schlecht, sagte sie. Besser, als für fünf Euro Stundenlohn putzen oder bügeln zu gehen, fand Debu die Idee allemal. Obwohl sie nur gebrochen Deutsch sprach, bekam sie schnell einen Job in einem Frankfurter Pflegeheim. Die Einarbeitungszeit war kurz. Nach wenigen Tagen, an denen sie vor allem zuschaute, war sie allein dafür zuständig, alte Menschen aus dem Bett zu bugsieren, sie zu waschen, anzuziehen und ihnen Essen zu geben. Auf Dauer wollte oder konnte sie das Pflegeheim aber nicht beschäftigen. Ihre Bekannte riet ihr dazu, sich bei einer Zeitarbeitsfirma zu bewerben. Wenig später arbeitete sie im gleichen Pflegeheim wie zuvor, allerdings als Angestellte von Medigo, einer Personalservice-Agentur für Pflegeberufe.
Sein Name ist bekannt
Es ist keine Seltenheit, dass Pflegeheime Leiharbeiter beschäftigen, um Personal-Engpässe zu überbrücken. Zum Einsatz kommen vor allem ausgebildete Pfleger, aber eben auch Helferinnen wie Debu. Zwischen 2004 und 2010 habe sich die Zahl der Zeitarbeiter in der Pflege vervierfacht, heißt es in einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Ein Ende dieses Trends ist nicht abzusehen. Wer im Internet nach entsprechenden Stellenanzeigen sucht, findet etliche kleine Unternehmen, die Pfleger für den Einsatz als Leiharbeiter suchen. Junge Männer und Frauen lächeln mögliche Bewerber von den Internetseiten aus an. Sie tragen weiße Kleidung und sehen gut aus, wie die Ärzte im Abendprogramm.
Perparim Murati braucht keine Internetseite, um Mitarbeiter zu finden, sie finden ihn. Über Bekannte und Bekannte von Bekannten melden sie sich bei ihm. Viele in der Pflegebranche kennen seinen Namen, Werbung für sein Unternehmen Medigo hat er nicht nötig. Auch Debu kam über Mundpropaganda zu ihm. Gut 20Pfleger und Pflegerinnen ließen sich zurzeit von ihm vermitteln, sagt er, viele von ihnen auf 400-Euro-Basis. Er sitzt auf dem Sofa einer Neubauwohnung im Viertel Frankfurter Berg und erzählt von seinen Geschäften, während seine Frau Getränke anbietet. Nebenan ist sein Büro, sein wichtigstes Arbeitsgerät ist sein Mobiltelefon, mit dem er seine Angestellten zu den Einsätzen lotst.
Sein erster Angestellte war er selbst
Flexibilität hat ihren Preis. Murati verkauft sie zurzeit vier Pflegeheimen, an die er seine Mitarbeiter verleiht. Gut 20Euro in der Stunde kosten seine ungelernten Pfleger, die ausgebildeten etwas mehr. Etwa die Hälfte davon behält Murati. Reichtum sei trotzdem ein Fremdwort für ihn, behauptet er. Ein Großteil des Geldes lande schließlich beim Finanzamt und beim Steuerberater.
Seit 2008 betreibt Murati sein Unternehmen. Sein erster Angestellter war er selbst. Sein Schichtplan lässt es noch immer zu, dass er neben seiner Festanstellung als Krankenpfleger gelegentlich in Pflegeheimen aushilft. Meist arbeitet er eine Woche und hat die nächste frei. Zu seinen Angestellten zählten auch Pflegedirektorinnen, die sich etwas nebenbei verdienen wollten, berichtet er. So hatte es bei ihm ja auch angefangen.
Er schwärmt von der Palliativstation
Murati ist ein Aufsteiger. Vor gut 15Jahren kam er aus Albanien nach Frankfurt. Erst arbeitete er als ungelernter Pfleger, dann wurde er zur Fachkraft und zum Unternehmer. Der Pflegeberuf habe sich verändert, sagt er. „Früher hatten wir mehr Zeit für die Patienten.“ Murati findet, dass die Alten eine bessere Pflege verdient hätten. Schließlich habe die Generation, die heute in den Heimen lebe, das Land wiederaufgebaut.
Bemerkenswert an seinem Geschäft ist, dass selbst Murati es besser fände, wenn die Arbeit in den Heimen von Festangestellten übernommen würde. Er schwärmt von der Palliativstation, auf der er normalerweise arbeitet. Ein super Team sei dort am Werk. „Wie eine zweite Familie.“ Es gebe wenig Fluktuation in der Belegschaft - und keine Leiharbeiter. Jeden Tag neue Gesichter, das sei nicht gut für die alten Leute. Deshalb versuche er, Teams zusammenzustellen, die möglichst nur in einem Heim arbeiteten. 90Prozent seiner Mitarbeiter seien so an eine, höchstens zwei Stationen gebunden.
Doppelschichten
Sollte das stimmen, gehörte Debu zu den zehn Prozent, die nicht dazugehören. Ihr Dienstplan für die Monate, die sie in Muratis Firma gearbeitet hat, gleicht einem Flickenteppich. Mal war sie hier, mal dort tätig. In den fünf Monaten arbeitete sie in vier Pflegeheimen, nur anfangs über längere Zeit im gleichen. Eigentlich betrug ihre Arbeitszeit sechs- oder siebeneinhalb Stunden, entweder in der Früh- oder der Spätschicht, mit einer halben Stunde Pause. Zeit zum Ausruhen habe es aber selten gegeben, erinnert sie sich. Und wenn sie sich einmal für ein paar Minuten habe hinsetzen können, habe sie die nötige Dokumentation ihrer Arbeit schreiben müssen.
Besonders anstrengend wurde es, wenn sie kurzfristig zu Doppelschichten verpflichtet wurde. Laut ihrer Stundenzettel kam das in den fünf Monaten neunmal vor, an manchen Tagen arbeitete sie morgens in einem, nachmittags in einem anderen Heim. Die Fahrten zwischen den Heimen wurden ihr nicht entlohnt. Sie führte ein Leben auf Abruf, schon das Klingeln ihres Mobiltelefons ließ sie zusammenzucken. Einmal musste sie nach einer solchen Doppelschicht am nächsten Tag zum Frühdienst antreten. „Die Leute müssen das ja nicht wissen“, hörte sie dann von ihren Kollegen und Vorgesetzten.
Gut eingearbeitet zu werden sei wichtig
Gunter Crößmann ist darauf angewiesen, von solchen Dingen zu erfahren. Im Regierungspräsidium Gießen leitet er die hessische Heimaufsicht. Er und seine Kollegen gehen häufig Hinweisen von Angehörigen der Pflegeheim-Bewohner nach. Auch wegen der übermäßigen Beschäftigung von Zeitarbeitern seien sie schon tätig geworden, sagt er. „Wir achten darauf, dass deren Einsatz nicht überhandnimmt.“ Vor allem demente Pflegebedürftige dürften nicht ständig mit neuen Gesichtern konfrontiert werden.
Wichtig sei, dass die Zeitarbeiter in die Einrichtung integriert, also gut eingearbeitet würden und nicht als Fremde im Pflegeteam vor sich hin werkelten. Im Alltag müssten die Zeitarbeiter immer den Vorgesetzten im Heim unterstehen.
Nicht länger als zehn Stunden arbeiten
Die Heimaufsicht kann sich nur an die Einrichtungen wenden, nicht an die Zeitarbeitsfirmen selbst. Denn nur die Heime unterliegen den entsprechenden Gesetzen. Kritiker merken an, dass sich die Leiharbeitsfirmen deshalb in einer Art Grauzone bewegten und nicht ausreichend kontrolliert würden.
Für Pflegekräfte gelten grundsätzlich die gleichen Regeln des Arbeitsschutzes wie für andere Angestellte. Länger als zehn Stunden am Tag dürfen sie also eigentlich nicht arbeiten. Aber klar, wie in anderen Unternehmen passiere es auch in Pflegeheimen, dass Mitarbeiter länger bleiben müssten, weil es kurzfristig Löcher zu stopfen gebe, sagt Crößmann. Und wenn es, wie bei Debu, neunmal in fünf Monaten passiert, dass Doppelschichten nötig sind? „Dann riecht es danach, dass es System hat“, antwortet Crößmann. Und: „Wenn es einer Person immer wieder passiert, ist es verwerflich.“
450 Euro für 13 Quadratmeter
Verwerflich und gesundheitsgefährdend. Debu litt unter ihrer Arbeit. An manchen Tagen musste sie 20Mal Leute ins oder aus dem Bett heben. Kein Wunder, dass der Frau, die nicht viel mehr als 50Kilogramm auf die Waage bringt, danach der Rücken schmerzte. In Rumänien hatte sie als Chemielaborantin und als Buchhalterin gearbeitet. An körperlich anstrengende Arbeit war sie nicht gewöhnt.
Etwas wehmütig erinnert sie sich an die Zeit in ihrer Heimat. Sie sitzt in ihrem kleinen Zimmer, in dem Haus am Stadtrand mit den Mustermann-Klingeln. Absurde 450 Euro zahlt sie jeden Monat für das 13 Quadratmeter große Zimmer, bar in die Hand der Vermieterin, versteht sich. Eine andere Bleibe ließ sich nicht auftreiben für die Frau, die wegen ihrer Herkunft nur eine begrenzte Arbeitserlaubnis bekommen hat. Für die EU-Länder Bulgarien und Rumänien gelten auf dem europäischen Arbeitsmarkt noch Übergangsregeln. Anfangs hatte Debu gemeinsam mit ihrem Bruder in dem Zimmer gewohnt. Auf seinem ehemaligen Bett stapeln sich mittlerweile ihre Akten.
Von einem Extrem ist sie ins andere gewechselt
Und doch hadert sie nur selten mit der Entscheidung, nach Deutschland gekommen zu sein. Zu Hause gab es einfach nichts mehr für sie zu tun. Erst brach der Kommunismus zusammen, dann verschwanden die Arbeitsplätze und schließlich die meisten der Bewohner der Stadt, in der sie wohnte - jedenfalls die jungen. Statt 70.000 Menschen leben dort nur noch etwa 25.000, erzählt sie. Debus Vater hatte noch gutes Geld in der Kohlemine verdient, ihre Mutter arbeitete in der Chemiefabrik. Beide Betriebe gibt es nicht mehr.
Von einem Extrem ist sie ins andere gewechselt: In Rumänien gibt es keine Arbeit, im Rhein-Main-Gebiet gibt es Arbeit, die keiner machen will. Heimaufseher Crößmann beobachtet dort eine „extreme Konzentration von Pflege-Einrichtungen“. Gerade in den Städten kommen immer mehr Menschen ins hohe Alter, die keine Familie mehr haben und daher auf Pflegeeinrichtungen angewiesen sind. Gleichzeitig bauen Investoren immer neue Heime, obwohl eigentlich kein Bedarf besteht. In Frankfurt etwa gibt es mehrere hundert Heimplätze, die nicht belegt sind. „Gleichzeitig genießt der Pflege-Beruf nicht unbedingt höchste Priorität bei den jungen Leuten“, sagt Crößmann.
„Ich will kämpfen“
Deshalb versucht Hessen derzeit, in Spanien auf Jobbörsen Pflegekräfte anzuwerben, und will die Ausbildung attraktiver machen, damit die Quote der Abbrecher sinkt. Frankfurt bietet ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen eine Umschulung zu Pflegerinnen an. Das mag die Lage in der Zukunft entspannen.
Helmut Ulrich braucht aber schon jetzt Mitarbeiter. Er leitet eines der Heime, in dem Debu von Medigo eingesetzt wurde, das Marthahaus in Sachsenhausen. „Wir suchen händeringend qualifiziertes Personal“, sagt er, derzeit aber nicht bei Zeitarbeitsfirmen. Die Zusammenarbeit mit Muratis Unternehmen liegt auf Eis. Er habe den Eindruck, dass bei solchen Personaldienstleistern nicht unbedingt die besten Pfleger zu finden seien, sagt Ulrich. Ohnehin sei die Zeitarbeit für ihn nur ein „notwendiges Übel“, wenn es personelle Engpässe gebe. Und die entstünden nun einmal immer wieder. Auch wirtschaftlich sei der Einsatz solcher Helfer nicht unbedingt sinnvoll. Denn auf Dauer seien Zeitarbeiter teurer als Festangestellte. Und daran, dass Zeitarbeiter ihre Arbeit ähnlich gut machen wie Feste, lässt sich zweifeln, wenn man Debus Erlebnisse berücksichtigt. „Die Leidtragenden“, sagt Heimaufseher Crößmann, „sind am Ende immer die Bewohner der Pflegeheime.“
Unter den Zuständen in den Heimen leiden aber auch die Angestellten. Nur fünf Monate war Debu in Muratis Zeitarbeitsfirma tätig. Dann hatte sie genug von dem Stress. In der Branche ist sie aber geblieben. Probleme, einen neuen Job zu finden, hatte sie nicht, zu groß ist der Mangel an Mitarbeitern, und mittlerweile spricht sie auch passabel Deutsch. Nur manchmal sagt sie sich auf Rumänisch ein Wort vor, um es dann zu übersetzen. Seit einigen Monaten fährt sie mit dem Kleinwagen eines mobilen Pflegedienstes durch die Stadt. Ihre Arbeitszeit kann sie sich mittlerweile flexibler einteilen, sie sei aber deutlich mehr Stunden unterwegs, als ihr vergütet würden, erzählt sie. An ihrem Ziel ändert das nichts. Irgendwann will sie eine Ausbildung zur Pflege-Fachkraft beginnen. „Ich will kämpfen.“