http://www.faz.net/-gzg-773mu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 20.02.2013, 23:24 Uhr

Pferdefleisch-Skandal Regional einkaufen, selbst kochen

Pferd wurde auch in hessischen Supermärkten als Rindfleisch verkauft. Beim Metzger um die Ecke wäre das wahrscheinlich nicht passiert.

von Petra Kichhoff, Frankfurt
© Rosenkranz, Henner Garantiert kein Pferdefleisch: die Metzgerei Hoos weiß, woher ihr Fleisch kommt.

Gute Metzger wissen, wo Schweine und Rinder, deren Fleisch sie verkaufen, gelebt haben. In der Metzgerei Hoos, Familienbetrieb an der Berger Straße in Frankfurt, liefern Landwirte aus dem Raum Aschaffenburg und vom Vogelsberg das Rindfleisch, die Metzgerei Waibel in Bockenheim erhält es von einem Hofgut im Westerwald. Wenn dort Hoffest ist, chartert das Familienunternehmen schon einmal einen Bus für Kunden, damit sie sich an Ort und Stelle ein Bild machen können. Fleischermeister Oliver Bergmann verbucht dies unter „Vertrauensarbeit und Transparenz“.

Die hat ihren Preis. 5,85 Euro kostet in dieser Woche bei Waibel das Pfund Rinderhack, bei Hoos sind es 5,40 Euro. Zum Vergleich: Aldi Süd verkauft die 500-Gramm-Packung (“Ideal für Frikadellen und Sauce Bolognese“) für 2,25 Euro - das ist weniger als die Hälfte. Für die Familie, die rechnen muss, stellt sich vermutlich nicht die Frage, wo sie einkauft. Karin Hoos, engagierte Seniorchefin, die mit 66 Jahren noch jeden Tag an der Wursttheke anzutreffen ist, gibt zu: „Es gibt Verbraucher, die können sich unser Geschäft nicht leisten.“ Gleichwohl kauften auch bei ihr viele junge Leute mit Kindern ein. „Dann guckt man halt, was es Schönes gibt, das nicht so teuer ist.“ Außerdem müsse ja nicht jeden Tag Fleisch auf den Tisch. „Der Verbraucher gibt den Weg vor“, sagt Fleischermeister Bergmann, für den der Handel mit die Ursache dafür ist, dass die Industrie „genötigt“ wird, billiges Fleisch auf der ganzen Welt einzukaufen.

Kennzeichnung nur für unverarbeitetes Fleisch

Woher es kommt, erfährt der Kunde in der Regel nicht. Verbraucherschützer kritisieren in diesen Tagen vor allem die laxen Kennzeichnungsvorschriften. Selbst wer auf Fertiggerichte verzichtet und mit frischen Zutaten kocht, weiß nicht immer, was auf seinem Teller liegt. Eine Kennzeichnung des Ursprungslandes ist nur für frisches, unverarbeitetes Rindfleisch, für Hühnereier, frischen Fisch und für die meisten Obstsorten vorgeschrieben.

“Doch sobald nur ein Verarbeitungsschritt stattgefunden hat, entfällt auch hier die Kennzeichnung“, moniert Andrea Schauff, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Hessen. Schon der Zusatz von ein wenig Salz (“küchenfertig zubereitet“) reicht nach Angaben der Verbraucherzentrale aus, um den Vorschriften zu entgehen. Immerhin, nach der neuen europäischen Lebensmittelinformationsverordnung muss von Dezember 2014 an auch bei dem Fleisch von Schwein, Schaf, Ziege und Geflügel das Ursprungsland genannt werden, allerdings, wie bisher beim Rind, nur im unverarbeiteten Zustand. Anderes hatte Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) 2011 noch für unmöglich gehalten. Nun will sich Aigner dafür einsetzen, dass die Herkunft von Zutaten auch in verarbeiteten Produkten kenntlich gemacht wird. „Das fordern wir seit Jahren“, sagt Verbraucherschützerin Schauff. „Sonst ist es nur eine halbe Sache.“ Die Hersteller hatten sich dagegen gesperrt mit dem Argument, zu viele Angaben auf der Verpackung führten zur Verwirrung der Verbraucher. Außerdem wechselten die Zutaten in einem globalisierten Markt ständig, weshalb dann immer wieder das Etikett geändert werden müsste. Schauff hält die Herkunftsbezeichnung gleichwohl auch auf zusammengesetzten Lebensmitteln für machbar. Auch beim Mindesthaltbarkeitsdatum handele es sich um eine flexible Angabe auf der Verpackung.

Regionalfenster für mehr Klarheit

Klarheit bei regionalen Lebensmitteln könnte demnächst ein neues Regionalfenster bringen (F.A.Z. vom 24. Januar). Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau mit Sitz in Frankfurt und die Marketing-Inititative Gutes aus Hessen haben es im Auftrag des Bundesverbraucherschutzministeriums entwickelt. Das Informationsfeld darf immer dann auf der Verpackung stehen, wenn garantiert ist, dass die Hauptzutaten zu 100 Prozent aus einer klar definierten Region stammen. Angesichts des Pferdefleischskandals mit einer Lieferkette kreuz und quer durch Europa freilich stellt sich die Frage, wie dringend solch ein Informationsfeld ist, das ohnehin freiwillig wäre. Zurzeit läuft ein Test im Handel.

Grundsätzlich sollten sich Verbraucher nicht scheuen, genau hinzuschauen und gegebenenfalls nachzuhaken. Wer selbst kocht - um so besser. Wer dafür keine Zeit hat, kann auch zum Metzger gehen. Bei Waibel gibt es fertige Lasagne, „garantiert ohne Pferdefleisch“.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Supermarkt-Initiative Mehr Respekt für krumme Möhren

Ansehnlich muss es sein und gut zu transportieren: Nicht jedes Gemüse findet den Weg in den Supermarkt. Einige Discounter wollen das jetzt ändern und bieten künftig auch krummes Gemüse an. Mehr

18.04.2016, 18:03 Uhr | Wirtschaft
Video Jette Joop macht jetzt Mode für Aldi

Die Designerin Jette Joop hat in einem Aldi-Markt auf der noblen Düsseldorfer Königsallee Damen-Mode für den Discounter präsentiert. Die legeren Teile der Blue-Motion-Kollektion kosten zwischen acht und zwanzig Euro, ein komplettes Outfit kostet unter hundert Euro. In den Handel kommen die Stücke bei Aldi Süd ab Montag. Mehr

06.04.2016, 09:02 Uhr | Stil
Risiko statt Rendite Es tummeln sich dreiste Zocker am Grauen Kapitalmarkt

Es klingt verlockend: Acht Prozent Zinsen und zum Teil mehr. Doch so manches Investment am Grauen Kapitalmarkt erweist sich für Anleger als großer Flopp. Verbraucherschützer haben die Versprechen genauer unter die Lupe genommen. Mehr

28.04.2016, 17:21 Uhr | Finanzen
Video Joop-Kollektion sorgt für Gedränge im Discounter

In der Düsseldorfer Filiale eines Aldi-Marktes auf der Königsallee sorgte eine Designermode-Kollektion von Jette Joop für Gedränge und für Kämpfe um Blusen, Kleider und Hosen. Viele Frauen waren um Punkt acht Uhr zur Eröffnung des Discounters gekommen, um sich am Jette Joop Tisch einzudecken. Mehr

11.04.2016, 12:05 Uhr | Wirtschaft
Mit Girocard Kassel wird Testlabor für kontaktloses Bezahlen

Kassel liegt bei Kaufkraft und Bevölkerungsstruktur nah am Bundesdurchschnitt. Deshalb dient die Stadt fortan als Testfeld für Forschungen zum kontaktlosen Bezahlen. Mehr

20.04.2016, 14:19 Uhr | Rhein-Main

Unverzichtbare S-Bahn

Von Hans Riebsamen

Die nordmainische S-Bahn ist für den Ballungsraum Frankfurt unumgänglich. Das Gelingen des Projekts hängt allerdings von Geldern des Bundes ab. Hier ist Wirtschaftsminister Al-Wazir gefragt. Mehr 5

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen