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Peter Marsh an der Oper Frankfurt Was in den Köpfen der anderen vor sich geht

Von Amerika nach Frankfurt, dazu zwei Jahre Offenbach - Peter Marsh kennt sich aus mit kulturellen Differenzen. Diesen Monat singt er in Prokofjews „Spieler“.

© Fricke, Helmut Vergrößern Lesefutter für die Opernpause: In seiner Garderobe sammelt Peter Marsh über dem Klavier Bücher für die Zeit zwischen seinen Auftritten.

Dass er die angebotene Pause ausgeschlagen, energisch „Nein, jetzt!“ gerufen und seinen Vortrag ohne Zögern fortgesetzt hat, dürfte Eindruck gemacht haben. Jedenfalls wurde Peter Marsh nach seinem Vorsingen im Oktober 1997 sofort an der Oper Frankfurt engagiert. Dabei konnte der amerikanische Tenor zu dieser Zeit kein Deutsch und hatte sich nur einzelne Wörter sowie ein paar Sätze zur Begrüßung und Vorstellung eingeprägt. So war es wohl vor allem die Qualität seiner hohen und hellen Stimme, die den Ausschlag gab. An ihr erkennen regelmäßige Opernbesucher den überaus wandlungsfähigen Sänger, der seit der Spielzeit 1998/99 fest zum Frankfurter Ensemble gehört, sehr schnell, selbst wenn er stark verkleidet ist. Als „Der Zwerg“ war er in der Titelpartie des Einakters von Zemlinsky zu sehen, als Kimmo in Sallinens düsterer Oper „Kullervo“, als Caliban in der deutschen Erstaufführung der Shakespeare-Oper „The Tempest“ von Thomas Adès.

Guido Holze Folgen:  

Marsh kommt, so sagt er es selbst, aus einer nicht sehr musikalischen Familie. Sein Vater war Maurer, seine Mutter Apothekenhelferin. „Aber ich habe immer schon gerne Lärm gemacht und geschrien, und das tue auch heute noch“, scherzt er. Geboren wurde er 1970 in Fredonia im Bundesstaat New York. Schon am Gymnasium wirkte er in Musicals mit, später bekam er ein Stipendium für die Universität und absolvierte zunächst eine Ausbildung als Musiklehrer, ehe er ein Diplom als Sänger erwarb. Als Mitglied eines Opernstudios für junge Sänger in Texas gestaltete er erste Partien wie den Zirkusdirektor in Smetanas „Verkaufter Braut“. Sein erstes festes Engagement aber war das in Frankfurt.

„Mein Sohn hat eine bessere Stimme und mehr Talent“

Von der Stadt, die seit nunmehr 14 Jahren das Zentrum seiner Arbeit ist, wusste Marsh anfangs wenig, so wenig, dass er zunächst, angelockt durch die niedrigen Mietpreise, für zwei Jahre nach Offenbach zog. Später wurde er über das Verhältnis der beiden Städte aufgeklärt und fand trotzdem bestätigt, dass Frankfurt bei allem Lokalzwist „nicht typisch deutsch“, sondern europäisch geprägt und sehr modern ist. Er fühlt sich wohl hier, zumal die Region neben viel Kultur viel Grün bietet, das er im Taunus, im Odenwald oder an der Nidda genießt, inzwischen von Bad Vilbel aus, wo die Familie eine größere Wohnung bezog, als im Jahr 2000 Marshs zweites Kind geboren wurde. „Mein Sohn hat eine bessere Stimme als ich in dem Alter und mehr Talent“, lobt der Vater den nun ebenfalls schon singenden Filius.

Die 16 Jahre alte Tochter geht auf die Frankfurter Musterschule, ein Gymnasium mit Musikschwerpunkt, tanzt, spielt Klavier und singt im Chor. Die Begabung könnten die beiden Kinder allerdings auch von ihrer Mutter haben. Seine Frau, eine ausgebildete Pianistin und Chorleiterin, lernte der Sänger mit 19 Jahren auf einer Probe kennen. Inzwischen leitet sie in Frankfurt den Trinity International Concert Choir, den Chor der englischsprachigen Trinity Lutheran Church, in der auch Marsh den Gottesdienst besucht. So kommt es auch, dass man ihn am 16. März in Frankfurt zum ersten Mal in einem großen geistlichen Werk als Evangelisten hören wird. In der evangelischen Heiliggeistkirche singt er die Partie unter der Leitung seiner Frau in Bachs „Johannespassion“.

Phantasiespiele statt Spielsucht

An der Oper Frankfurt steht zunächst eine Partie in Prokofjews Oper „Der Spieler“ an, die in der Regie von Harry Kupfer am 13.Januar Premiere hat. Die Casinos in Bad Homburg und Wiesbaden, Vorbild für das Roulettenburg in Dostojewskis Roman, der der Oper zugrunde liegt, hat Marsh allerdings noch nicht besucht. „Vielleicht mache ich das noch“, sagt er. Ein Spieler werde aus ihm aber sicher nicht mehr. Er fürchte die Spielsucht und sei ein schlechter Verlierer. Er begnüge sich daher lieber mit „Phantasiespielen“: Leute beobachten und sich vorstellen, was in ihren Köpfen vor sich gehe, das könne er in Cafés oder auf Plätzen stundenlang.

„Ich liebe Menschen und mag es, verschiedene Kulturen kennenzulernen“, sagt Marsh. Die oft als kalt und bieder beschriebenen Deutschen zum Beispiel seien „sehr offenherzig und warm“. Ihre direkte Art und ihr im Unterschied zum amerikanischen Singsang eher flacher Tonfall wirkten auf Amerikaner nur fälschlicherweise unfreundlich. Als ihn in seiner Frankfurter Anfangszeit eine Verkäuferin einmal „junger Mann“ genannt habe, sei er „ausgeflippt“, schließlich sei eine solche Bezeichnung in Amerika sehr abschätzig gemeint. Er habe sich später bei der Frau entschuldigt.

Marsh als Königin der Nacht

Inzwischen spricht Marsh in schnellem Tempo perfekt Deutsch, witzig und gewandt, und erfüllt das Klischee des tumben Tenors so gar nicht. Er liest viel, philosophische Bücher zu Hause, Thriller und Fantasy-Literatur auch während der Auftrittspausen. In der Oper hat er sich in seiner Garderobe eine kleine Bibliothek angelegt. Über alldem hätte man fast vergessen, ihn nach seiner auffällig hohen Stimme zu fragen. „Die habe ich schon immer gehabt“, antwortet Marsh. Als Kind habe er Alt gesungen, von da an sei die Stimme schrittweise tiefer gesunken, eine längere Phase des Stimmbruchs sei ihm erspart geblieben.

„Im Falsett kann ich die Königin der Nacht singen“, behauptet er, springt zum Klavier und demonstriert, dass er tatsächlich Töne in der dreigestrichenen Oktave erreicht, zu denen sich sonst nur dramatische Koloratursoprane aufschwingen. Mit der „normalen“ Stimme komme er immer noch bis zum zweigestrichenen D oder Es hinauf. Auch wenn er am Telefon wegen seines hellen Timbres öfter als „Frau Marsh“ begrüßt werde: „Der liebe Gott hat mir diese Stimme geschenkt, und ich versuche, sie zu nutzen.“

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Peter Marsh ist an der Oper Frankfurt vom 13.Januar an in „Der Spieler“ zu hören.

Quelle: F.A.Z.

 
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