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Peter Härtling wird 80 : Bote unserer Geschichte

Künstlernatur: Peter Härtling im Garten seines Hauses in Mörfelden-Walldorf. Bild: Röth, Frank

Die Liebe, der Krieg, das Schreiben: Peter Härtling hat ihnen Bücher gewidmet. Am Mittwoch wird er 80 Jahre alt.

          Was er geschafft hat, gelingt nur wenigen Schriftstellern. Peter Härtling hat zahlreiche Literaturpreise erhalten, nach ihm ist aber auch eine Auszeichnung benannt. Der Peter-Härtling-Preis wird von der Stadt Weinheim und dem Verlag Beltz & Gelberg seit 1984 alle zwei Jahre für ein unveröffentlichtes Buch für Kinder und Jugendliche vergeben. Zum Namensgeber ist Härtling geworden, weil bei Beltz & Gelberg seit den siebziger Jahren seine eigenen Kinderbücher herausgekommen sind und er der deutschen Jugendliteratur mit Titeln wie „Ben liebt Anna“ ganz neue Möglichkeiten, Themen und Tonlagen verschafft hat.

          Florian  Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das liegt auch daran, dass Härtlings Kindheit Unglück kannte. 1933 kam er in Chemnitz zur Welt, gegen Ende des Krieges musste er von Mähren nach Schwaben fliehen. In Nürtingen erfuhr er Ende 1946 vom Tod seines Vaters in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, um diese Zeit nahm sich auch seine Mutter das Leben. Das Waisenkind machte sich zur deutschen Nachkriegswelt, die es um sich herum beobachtete, seine eigenen Gedanken, brach später skeptisch die Schule ab und wurde Journalist. Und schon bald auch Dichter. Seinen ersten Lyrikband „Poeme und Songs“ brachte Härtling 1953 heraus. Nach Jahren bei diversen Zeitungen und Zeitschriften wurde Härtling 1967 Cheflektor, ein Jahr darauf Sprecher der Geschäftsführung des S. Fischer Verlags in Frankfurt. Aber schon 1973 entschied er sich für ein Leben als freier Schriftsteller, zu oft war ihm abends nach der Rückkehr vom Arbeitsplatz an den heimischen Schreibtisch zu seinen eigenen Texten nichts mehr eingefallen.

          In langsamen Suchbewegungen

          Härtlings Schreibtisch stand und steht in Mörfelden-Walldorf, wo er sich in den frühen achtziger Jahren im Kampf gegen die Startbahn West engagierte. Bald nach den bitteren Auseinandersetzungen um den Frankfurter Flughafen hielt er im Wintersemester 1983/84 unter dem Titel „Der spanische Soldat - Erzählungen vom Erzählen“ die Frankfurter Poetikvorlesungen. In ihnen ging er dem Finden von Stoffen und dem Erfinden von Geschichten anhand von Robert Capas 1936 entstandener Fotografie eines fallenden republikanischen Soldaten nach.

          Ihm sei, schreibt Härtling in den fünf Vorträgen, die sich in langsamer Suchbewegung dem Schreiben einer Geschichte über den Soldaten nähern, als falle der Schatten des Toten auf die Nachwelt: „Er wird zum Boten unserer Geschichte, die uns über den Kopf wächst. Ein Bote zwischen Leben und Tod, zwischen Atmen und Ersticken, zwischen Sprache und Verstummen. Einer von ungezählten. Und immer unser Stellvertreter. Wir könnten er sein und sind es, aus Zufall, noch nicht.“ Der Gefallene wird Härtling zum Leitbild der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. „Er hat mir beigebracht, weshalb die Bücher nichts mehr taugen. Er ist das Inbild meiner Kränkung.“

          Ein durch und durch aufklärerischer Autor

          Dass die Bücher doch etwas taugen, wenn sie nur an das Leid denken, das der Mensch dem Menschen bereiten kann, heute und in vergangenen Zeiten, auf Schlachtfeldern und in Lagern, aber auch in der Einsamkeit einer familiären Beziehung, hat Härtling seinen Lesern und sich selbst immer wieder bewiesen, kreuz und quer durch die Gattungen, die Dinge auf seltene, kostbare Weise beim Namen nennend, weil stets in Versuchung, ihnen schönere Namen zu geben.

          Dieser im Gedenken an das nationalsozialistische Unrecht und in seinem politischen Engagement so durch und durch aufklärerische Autor, geistvoll, knapp, selbstironisch, kennt auch die Kämpfe romantischer Naturen zwischen Einheit und Zerrissenheit, weiß genau, was es auf sich hat mit Abschied, Schwermut und Sehnsucht. „Sie sagen, ich spiele“, heißt es in einem Gedicht, „sie sagen nicht, womit und wie, sie wissen nicht, ich bin schwer, der Bestand an Trauer nimmt zu.“ Den Romantikern hat Härtling daher auch eine 1976 mit „Hölderlin“ begonnene Reihe biographischer Romane gewidmet, zu Autoren wie Mörike und E. T. A. Hoffmann und Musikern wie Schumann und Schubert. „Uns singend holt er alles ein, was uns erfüllt und was wir nicht verstehn“, schreibt Härtling in einem Gedicht über Schuberts Klaviersonate B-Dur.

          Mit der Zahl der Bücher, die Härtling seit seinem Debüt veröffentlicht hat, konkurriert lediglich die Zahl der Schulen, die in den vergangenen Jahrzehnten nach ihm benannt worden sind. Oder die der Auszeichnungen, die ihm zugesprochen wurden. Zu ihnen zählen der Stadtschreiberpreis von Bergen, der Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg und der mit 30 000 Euro dotierte Jacob-Grimm-Preis des Kulturpreises Deutsche Sprache, der ihm voriges Jahr in Kassel überreicht wurde. Daran, dass Härtling seit 1975 als Gastgeber der vom Hessischen Rundfunk ausgestrahlten Sendung „Literatur im Kreuzverhör“ vielen Lesern und Radiohörern auch außerhalb seiner Bücher ein vertrauenswürdiger Wegweiser durch die Literaturgeschichte geworden ist, muss nur erinnert werden, weil das Literaturquiz am 30. November von 20.05 Uhr an zum nächsten Mal gesendet wird, diesmal aus Ginsheim-Gustavsburg, wie immer live. Aber bis dahin ist es noch etwas hin. Heute wird Peter Härtling 80 Jahre alt.

          Quelle: F.A.Z.

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