Er werde das so machen wie immer, sagt der Oberbürgermeister: „Ich geh jetzt in das Hochhaus rein.“ Also setzt Peter Feldmann sein bestes Peter-Feldmann-Lächeln auf und geht durch die offene Tür. Neun Stockwerke hat das Gebäude am Ben-Gurion-Ring im Frankfurter Stadtteil Bonames. Nur auf drei der 23 Namensschilder an den Briefkästen stehen deutsch klingende Namen. Feldmann schlägt vor, dass zwei seiner Mitstreiter oben beginnen - und er ganz unten. Dass im Erdgeschoss niemand die Tür öffnet, bringt ihn nicht aus der Ruhe. „Dann gibt es den Brief halt so“, sagt Feldmann und legt den Umschlag auf die Fußmatte. Dann freut sich eben jemand später über den Dank für gemeinsamen Kampf.
An etwa 16 000 Haus- und Wohnungstüren habe er im Wahlkampf geklingelt. Und nach der Wahl ist vor der Wahl. „Ich habe gesagt, dass ich jeden Monat Hausbesuche mache, genauso wird es kommen.“ Es klingt ein bisschen wie eine Drohung an die Bewohner der 43 Frankfurter Stadtteile. Begonnen hat Feldmann gestern mit einem Heimspiel. Bonames ist in zweierlei Hinsicht Feldmann-Land: Mehr als 62 Prozent der Bonameser, die zur Stichwahl Ende März gingen, haben ihm ihre Stimme gegeben. Außerdem wohnt der Oberbürgermeister dort in einem Reihenhaus, als Kind lebte er mit seiner Familie in einer der Mietwohnungen. Er wisse deshalb, wie es in den Hochhäusern rieche, hatte er im Wahlkampf gesagt. Es dürfte ihn also nicht überrascht haben, dass der Flur in dem Haus am Ben-Gurion-Ring eigentlich nach gar nichts riecht.
Stippvisite am alten Flugplatz
Im ersten Stock öffnet wenigstens jemand die Tür. Die junge Frau sieht etwas erschrocken aus angesichts der etwa zehn Fotografen und Kameraleute. Ihre Tochter macht große Augen. Er wolle sich nur schnell bedanken, sagt Feldmann. Nicht für die Wahl, sondern dafür, dass sich die Bewohner der Häuser am Ben-Gurion-Ring dafür eingesetzt hätten, dass die Nassauische Heimstätte, der Eigentümer der Immobilien, in staatlicher Hand bleibt. So steht es in dem Brief, den er der Frau in die Hand drückt. Bezahlbare Wohnungen seien ihm sehr wichtig. Dazu gibt es einen Kugelschreiber und die Karte mit den Kontaktdaten des Oberbürgermeisters. „Falls mal was ist.“
Er müsse einfach mal raus aus dem „Bunker“, wie er den Römer bezeichnet, berichtet Feldmann. Begonnen hatte sein Ausflug mit einer Stippvisite am alten Flugplatz. Dort werden im Café Tower Arbeitslose zu Gastronomiefachleuten und Köchen ausgebildet. „Das ist eins meiner Lieblingsprojekte“, sagt Feldmann. Auf der gut besuchten Terrasse des Restaurants ist niemand vor ihm sicher, allein der angeleinte Hund kommt ums Händeschütteln herum. Macht der neue Oberbürgermeister in diesem Tempo weiter, wird er bis zum Ende seiner Amtszeit jedem Frankfurter die Hand gereicht haben.
Noch ausbaufähig
Zweiter Stopp ist ein öffentlicher Bücherschrank im Bonameser Ortskern. Zwei Frauen kümmern sich darum, dass er sauber bleibt und dass die Bücher ordentlich in den Regalen stehen. So etwas gehe nur mit großem ehrenamtlichem Engagement, sagt Feldmann. Auf die Frage, was sie so alles mache, erwidert eine der Frauen dann aber, dass das eigentlich keine so große Sache sei. Nur wenn jemand wieder einen Simmel reingestellt habe, müsse sie eingreifen. „Den schmeißen wir weg. Liest ja eh keiner mehr.“
Feldmanns Bekanntheitsgrad ist trotz allem noch ausbaufähig. Ein Jugendlicher wundert sich über den Rummel in der Wohnsiedlung. „Nee, echt ey?“, entfährt es dem jungen Mann, als er erfährt, dass der Oberbürgermeister da ist. „Aber wie heißt der noch mal?“
Ehre, wem Ehre gebührt
Claus Nenkoff (ClausNenkoff)
- 01.08.2012, 22:09 Uhr