Fachkräftemangel? Beim Automobilzulieferer Peiker Acustic in Friedrichsdorf weiß man ein Lied davon zu singen. Schlicht eine Katastrophe sei inzwischen die Suche nach Softwareentwicklern, heißt es bei dem auf Freisprechanlagen spezialisierten Unternehmen. Und auch an Elektroingenieuren fehle es. Klar, denn sie würden wohl auch beim Frankfurter Rechenzentrumsbetreiber Interxion gern genommen - wenn es nur genügend Bewerber gäbe. Manchmal dauere es sechs Monate, eine offene Stelle zu besetzen, klagt dessen Geschäftsführer Peter Knapp. Und zählt auf, wen er außer Ingenieuren noch alles gebrauchen könnte: Elektroinstallateure, Elektromeister, Klima- und Versorgungstechniker. Gegenwärtig seien zehn Arbeitsplätze unbesetzt, berichtet der Manager, in dessen Betrieb an der Hanauer Landstraße sich der größte Internetknoten der Welt befindet. Die Erfahrung zeige, dass es bis zu fünf Monate dauere, bis sich jemand finde.
Doch nicht nur Techniker gelten als rar im Rhein-Main-Gebiet. In Wiesbaden werden bis zum nächsten Jahr 550 zusätzliche Erzieher benötigt, in den städtischen Kindereinrichtungen Frankfurts sind schon jetzt 100 Stellen frei. Pflege- und Sozialberufe, Facharbeiter und Ingenieure - so großräumig umschreibt Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, wo der Fachkräftemangel nicht mehr bloß ein Thema für Zukunftsforscher ist.
Angeblich fehlen 150.000 Beschäftigte
Mit dem massiven Rückgang der Arbeitslosigkeit ist tatsächlich die Personalknappheit längst Wirklichkeit, wo die Wirtschaft stark wächst, darunter eben in Hessen und besonders im Rhein-Main-Gebiet. Bei Umfragen der hessischen Industrie- und Handelskammern haben zuletzt vier von zehn Unternehmen angegeben, sie hätten Schwierigkeiten bei der Besetzung von Stellen. Im gesamten Bundesland fehlten in diesem Jahr bereits 150.000 Beschäftigte, schätzen die Kammern, darunter allein 10.000 Ingenieure. „Der Fachkräftemangel darf nicht zum Hemmschuh der wirtschaftlichen Entwicklung Hessens werden“, sorgt sich Mathias Müller, als Präsident der Frankfurter IHK zugleich Sprecher aller hessischen Industrie- und Handelskammern.
Unternehmen wie auch Behörden stellen sich auf die neue Lage ein, so gut es geht. Peiker versucht, ein besonders guter Arbeitgeber zu sein. So kooperiert man mit einer Kindertagesstätte, damit der Nachwuchs von Mitarbeitern in der Nähe untergebracht werden kann. Außerdem hat die Personalabteilung die Suche nach Beschäftigten längst auf andere Länder ausgedehnt. Inzwischen finden sich unter den 500 Beschäftigten in Friedrichsdorf auch solche aus Frankreich, Ungarn, den Vereinigten Staaten und Indien. Schließlich versucht Peiker, Hochschulabsolventen zu überzeugen, dass auch ein Mittelständler attraktiv für den Berufseinstieg sein kann. Denn Fachkräftemangel quält eher die Kleinen als die Großen. Aus der Münchener Konzernzentrale von Siemens hieß es kürzlich vollmundig, Personalmangel kenne man nicht. Und auch bei Heraeus in Hanau sieht man sich bei dieser Debatte außen vor. Mit Konzernen dieser Liga zu konkurrieren fällt einem Unternehmen wie Peiker naturgemäß schwer. „Die Konzerne zahlen Einstiegsgehälter von 60.000 bis 70.000 Euro im Jahr“, sagt ein Sprecher. „Das können wir nicht.“
Der Einfallsreichtum bei der Personalsuche ist auch anderswo bisweilen beachtlich. In Frankfurt wurden schon Plakate geklebt und Werbespots im Radio geschaltet, um Erzieher zu gewinnen. Die Stadt Wiesbaden hat die Kampagne „Mehr Männer in Kitas“ gestartet. Interxion-Chef Knapp überlegt, ob man nicht mit einer Fachhochschule in der Region über die Einrichtung eines besonderen Ingenieurstudiums speziell für die Bedürfnisse der annähernd 50 Rechenzentrenbetreiber des Ballungsraums sprechen sollte. Am Freitag kündigte das Sozialministerium an, mehr Mittel für die Ausbildung von Altenpflegern bereitzustellen. Mitte vergangener Woche gab die Landesregierung bekannt, mit einer „Roadshow“ unter arbeitslosen Jugendlichen in Madrid und Umgebung für einen Umzug nach Hessen zu werben. Im September soll die Fachkräftekommission des Landes darlegen, wie in Zukunft Lücken auf dem Arbeitsmarkt gestopft werden sollen.
Wie groß das Loch überhaupt ist, weiß freilich niemand zu sagen. Die Angaben der Unternehmen sind zwangsläufig Momentaufnahmen, ein Teil der Stellen lässt sich nach langer Suche dann doch besetzen. Wie viele Aufträge einem Unternehmen mangels Personal letztlich entgehen, ist kaum zu berechnen. In einer Rezession dürfte außerdem die Klage über Fachkräftemangel zunächst leiser werden.
Nur ein kleiner Vorgeschmack
Tatsache ist aber, dass die gegenwärtigen Schwierigkeiten in einigen Branchen nur ein kleiner Vorgeschmack auf das sind, was Deutschland und damit Hessen noch bevorsteht. Auch in diesem Bundesland wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in den nächsten Jahrzehnten immer weiter schrumpfen (siehe Grafik). Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit hebt in einer Studie über Hessens Zukunft hervor, dass der Arbeitskräftemangel in den unterschiedlichen Regionen des Bundeslandes und den verschiedenen Branchen zu einem jeweils ganz anderen Zeitpunkt durchschlagen werde, aber so vorhersehbar sei, dass sich die Beteiligten darauf eigentlich gut vorbereiten könnten.
Als probate Mittel gelten eine verstärkte Zuwanderung, eine längere Lebensarbeitszeit, familienfreundlichere Arbeitsbedingungen, auch um noch mehr Frauen für eine Berufstätigkeit zu gewinnen, und Qualifizierung in jedweder Form: in den Betrieben, durch mehr Ausbildung, aber nach Ansicht der Unternehmer auch schon in den Schulen. Die Klage, junge Leute könnten immer weniger und nicht einmal den Dreisatz, ist überall zu hören. Schließlich wird der Wettbewerb um gute Kräfte zu noch größeren Sozialleistungen der Betriebe, aber auch zu höheren Löhnen führen, soweit dies in den jeweiligen Branchen verkraftbar ist. Bei Peiker wird vage berichtet, Ingenieure verdienten schon jetzt mehr als früher. Auch Erzieherinnen bekommen in Frankfurt mehr als anderswo, gut 100 Euro Zuschlag dürften freilich die höheren Mieten in der Mainmetropole kaum ausgleichen. In der Forschungsanstalt Geisenheim bereitet man sich auf einen noch größeren Fachkräftemangel unterdessen auf eigene Art vor. Dort entwickelt man gerade einen Roboter, der bei der Schädlingsbekämpfung im Weinbau eingesetzt werden soll.
Äpfel und Birnen
Olaf Barheine (barheine)
- 17.07.2012, 09:50 Uhr
Übliches Gejammere,
Michael Arndt (Mikel1962)
- 17.07.2012, 08:36 Uhr
"Mit Einfallsreichtum gegen Fachkräftemangel"...
Thomas Mirbach (lurkius)
- 17.07.2012, 03:32 Uhr
Farce!
Thomas Mirbach (lurkius)
- 16.07.2012, 17:02 Uhr
Ältere Fachkräfte einstellen
Thomas Böhm (Thomasbaerboehm)
- 16.07.2012, 14:22 Uhr