Langsam umrundet Wasim Hussain die Gruppe Chinesen. Seine Kreise werden kleiner, er kommt den hilflos um sich blickenden Touristen immer näher. Als er nur noch einen halben Meter von ihnen entfernt ist, beginnt ein Mann zum Rest der Gruppe zu sprechen. Wasim Hussain hört ihm kurz zu. Dann dreht er sich um und verschwindet. Er weiß, dass er der Gruppe hätte helfen können. Der Flughafen ist schließlich sein Revier, hier kennt er sich aus. Doch wenn er der Gruppe hilft, zweifelt er das Wissen des Redners an. Seine Hilfe hätte diesen Mann beschämt - er hätte in der Gruppe sein Gesicht verloren.
Wasim Hussain spricht nicht nur fließend Mandarin, er kennt auch die chinesische Kultur. Vier Jahre hat er in China gelebt, studiert und gearbeitet. Das kommt ihm jetzt am Frankfurter Flughafen zugute. Wasim Hussain ist Angestellter der Fraport. Seine Berufsbezeichnung: Chinese Personal Shopper. Seine Aufgabe: Chinesische Fluggäste beim Einkaufen beraten.
Rote Umschläge mit Gutscheinen
Es ist drei Uhr nachmittags, das nächste Flugzeug nach China fliegt in zweieinhalb Stunden. Die ersten Passagiere haben eingecheckt und nutzen die Zeit zum Einkaufen. Meist nicht für sich selbst, sondern für Freunde, Arbeitskollegen, Staatsdiener. Ein Netzwerk ist in China wichtig. Und das wird mit Geschenken gepflegt. Groß genug müssen sie sein, um die Wichtigkeit der Beziehung aufzuzeigen. Jedoch nicht so groß, dass der Beschenkte sich in Zugzwang fühlt. Er könnte sein Gesicht verlieren. Generell ist das eine der größten Ängste der Chinesen, der Verlust des Gesichts, der Achtung, der Anerkennung.
An den Kassen der Duty Free Shops werden immer mehr rote Umschläge gezückt. Sie enthalten kleine Gutscheine im Wert von zehn bis 120 Euro. Fraport verteilt sie - je höher die Kaufsumme ausfällt, desto mehr Rabatt kann man auf diese Weise bekommen. Chinesen handeln und sparen gerne, die Gutscheine sollen ihnen das Gefühl geben, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Vor allem Alkohol und Parfum, die wegen der Luxussteuer in China ein Vielfaches kosten, werden mitgenommen.
Auf Chinesen spezialisiert
„Gangxi facai“ sagt der Fraport-Mitarbeiter im orangefarbenen Jackett zu einer Gruppe chinesischer Passagiere. Das heißt so viel wie „viel Reichtum im neuen Jahr“, ein chinesischer Neujahrsgruß. Zunächst schauen sie ihn überrascht an. Doch dann zeigt sich auf ihren Gesichtern ein Lächeln, sie verbeugen sich und erwidern den Gruß. Es sind diese kleinen Gesten und Sitten, die Wasim Hussain zu einem von ihnen macht.
Vor zwei Jahren hat er bei Fraport begonnen. Schnell stellte er fest, dass die chinesischen Passagiere am meisten betreut werden mussten. So kam die Idee, sich auf diese zu spezialisieren - mit großem Erfolg. Er wird immer häufiger von Chinesen kontaktiert, die seine Hilfe in Anspruch nehmen wollen. Auch über soziale Netzwerke in China wird auf seinen Service aufmerksam gemacht. Mittlerweile hat er zwei weitere Kollegen, die ihn unterstützen.
Langsam Vertrauen aufbauen
Wasim Hussain wurde in England geboren und lebt seit seinem fünften Lebensjahr in Deutschland. Der Sohn eines pakistanischen Vaters und einer deutschen Mutter hat sich so sehr mit der chinesischen Kultur identifiziert, dass seine Kollegen ihn eher als Chinesen wahrnehmen. Wenn er den chinesischen Passagieren beim Einkaufen hilft, verkauft er nicht, er ist Vermittler und Übersetzer: „Verkäufer können das ganze Fachchinesisch, ich kann das richtige Chinesisch.“
Um den Einkauf für die chinesischen Kunden so angenehm wie möglich zu machen, gibt er den Verkäufern sein Wissen über den Umgang mit der fremden Kultur weiter. Er veranstaltet Workshops, damit sie lernen, sensibler auf Kunden aus dem Reich der Mitte zu reagieren. Sie wissen jetzt, dass sie bei einem teuren Einkauf erwarten, eine Kleinigkeit zusätzlich zu bekommen. Oder, dass man sie am Ärmel zupfen darf, aber niemals an der Schulter berühren. Für Chinesen ist das Vertrauen in den Verkäufer ein wichtigeres Kaufargument als das Vertrauen in die Ware.
„Die Chinesen leben nach den drei Kreisen“, sagt Wasim Hussain. Der erste sei die Familie, der zweite sind die Freunde und der dritte die Fremden. Er sei zunächst ein Fremder für die Passagiere. Durch die Sprache und sein Verhalten könne er ein Vertrauen aufbauen. Und so in einen anderen Kreis aufsteigen.
Was soll man davon halten?
Herr Müller (Huckeltown)
- 03.03.2013, 17:24 Uhr