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: Frankfurter Gesichter: Helge Aszmoneit

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Ausnahmsweise mußte Helge Aszmoneit bis in die Steinzeit zurückgehen. Im Auftrag der Firma Logitech war eine Fachanwältin extra aus den Vereinigten Staaten angereist, um herauszufinden, welchem Designer die ursprüngliche Form der Computermaus zugesprochen werden kann.

          Ausnahmsweise mußte Helge Aszmoneit bis in die Steinzeit zurückgehen. Im Auftrag der Firma Logitech war eine Fachanwältin extra aus den Vereinigten Staaten angereist, um herauszufinden, welchem Designer die ursprüngliche Form der Computermaus zugesprochen werden kann. Ein Mann klagte gegen das amerikanische Unternehmen, weil er es verdächtigte, ihm seine Gestaltungsidee gestohlen zu haben. Nun galt es zu beweisen, daß die Form schon viel früher gebräuchlich war - wenn auch nicht als PC-Hilfe. Fündig wurde Aszmoneit in ihrer Bibliothek: Im ersten Stock des "Rat-Hauses" konnte sie belegen, daß schon vor Jahrtausenden Steine von Menschenhand so geformt wurden, daß sie ein Gericht als Inspiration für das Design einer Computermaus gelten lassen würde.

          Helge Aszmoneit, Jahrgang 1962, ist eine der wenigen Konstanten beim Rat für Formgebung. Fünf Geschäftsführer hat sie seit 1987 kommen und wieder gehen sehen. So wurde die diplomierte Bibliothekarin im Laufe der Jahre die wichtigste Ansprechpartnerin für Studenten, Designer und Unternehmer. Mehr als 10000 Bücher und etwa 100, wie es im Fachjargon heißt, "laufende" Zeitschriften aus dem In- und Ausland umfaßt ihr Bestand. Der Schwerpunkt liegt, auch 50 Jahre nachdem der Bundestag beschloß, ein deutsches Kompetenz-Zentrum für Design zu schaffen, auf internationalem Industrie- und Produktdesign. Er wird aber mittlerweile durch Themen wie Visuelle Kommunikation, Architektur, Werbung und Mode ergänzt. Urheberstreitigkeiten wie im Falle Logitech bereiten Aszmoneit immer wieder Arbeit. Doch nicht nur Kanzleien wenden sich an sie. Bei ihr ruft etwa eine Frau an, weil sie einen Stuhl geerbt hat und glaubt, es könnte sich um einen echten "Wassily" von Marcel Breuer aus den zwanziger Jahren handeln. Oder ein Investor kauft ein Haus aus den Fünfzigern, das er originalgetreu herrichten will. Wo er noch Tapeten und Türklinken aus der Zeit kaufen kann - Aszmoneit kennt die Adressen.

          Das Thema Design hat die gebürtige Itzehoerin erst beim Rat für Formgebung für sich entdeckt. Ihre erste Arbeitsstelle verdankte sie der damaligen Bundesministerin Rita Süssmuth, deren Ressort 1986 um das Gebiet "Frauen" erweitert worden war. Im daraufhin gegründeten Institut "Frau und Gesellschaft" in Hannover baute Aszmoneit die gewünschte Bibliothek auf. Nach einem Jahr ließ sie sich vom Rat abwerben. Dort fühlt sich die "Leiterin Informationsservice" im gestalterischen Zentrum der Republik. "Und wer sich für Design interessiert, landet früher oder später sowieso bei mir." Das gilt noch mehr, seit sich Aszmoneit auf ein Gebiet besonders spezialisiert hat: Designwettbewerbe. Was ihren Arbeitgeber, der den Designpreis Deutschlands vergibt, genauso freut wie Unternehmen, die neue Wettbewerbe ausloben wollen.

          Als Dipl.-Bibl. gehört Lesen zum Beruf. Doch auch privat greift Aszmoneit zu Büchern und Zeitungen. Damit ihr nichts Wichtiges entgeht, schneidet ihr Lebensgefährte zusätzlich wichtige Artikel für sie aus. Aus Büchern schöpfen aber auch Designer gerne: Des öfteren stehe einer vor ihrer Bibliothekstür, um sich "updaten" zu lassen, erzählt Aszmoneit. Wenn dann niemand nach dem Urheber fragt, lohnt es sich auch, weit zurückzugehen - auch bis zur Steinzeit.

          PETER-PHILIPP SCHMITT

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