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Paul Ehrlich : Auf der Suche nach den „Zauberkugeln“

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Blick ins Reagenzglas: Der Medizin-Nobelpreisträger Paul Ehrlich in seinem Labor Bild: dpa

Vor 100 Jahren starb Paul Ehrlich. In Frankfurt hatte der Medizin-Nobelpreisträger Therapien und Theorien entwickelt, an denen bis heute intensiv weitergeforscht wird.

          Das Leben von Paul Ehrlich kann als Heldengeschichte erzählt werden und als Kuriositätenkabinett. 100 Jahre nach seinem Tod - er erlag am 20. August 1915 in Bad Homburg einem Herzinfarkt - würdigen Wissenschaftler in aller Welt seine Verdienste. „Seine Vielfalt, Weitsicht und Nachhaltigkeit haben ihn zu einem der Großen der Medizin gemacht“, sagt etwa Prof. Harald zur Hausen (Heidelberg), der 100 Jahre nach Ehrlich den Nobelpreis für Medizin bekam und der heute einer nach ihm benannten Stiftung vorsteht.

          Der 1854 in Schlesien geborene Ehrlich gilt unter anderem als Vater der Immunologie und der Chemotherapie. Viele seine Theorien haben sich bewahrheitet. „Er war ein grandioser Wissenschaftler, aber auch ein Unikum“, sagt Prof. Fritz Sörgel. Der Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (Nürnberg) organisiert internationale Kongresse über Ehrlich - und hat auch schon ein Theaterstück und ein Musical über ihn geschrieben: Ehrlich rauchte demnach wie ein Schlot, notierte seine Gedanken, wo immer sie ihm einfielen - auch auf Kragen oder Manschetten seiner Mitarbeiter - und nannte jeden neuen Dackel wie den alten: „Männe“.

          Die Theorien von den „Zauberkugeln“

          Patienten und Studenten lagen ihm nicht so. „Paul Ehrlich stand lieber im Labor als am Krankenbett“, erfahren Besucher in der Ausstellung „Arsen und Spitzenforschung“, die nach der ersten Station in Berlin ab Ende Oktober in Frankfurt zu sehen ist. Vorlesungen sah der passionierte Forscher als leidige Pflichtübung.

          Über Göttingen und Berlin kam Ehrlich 1899 nach Frankfurt, wo er zunächst das „Institut für Serumforschung und Serumprüfung“ leitete, das spätere Paul-Ehrlich-Institut in Langen. Seine größten Erfolge hatte er am „Institut für Experimentelle Therapie“,aus dem später das Chemotherapeutische Forschungsinstitut Georg-Speyer-Haus wurde.

          „Ehrlich war auf vielen Gebieten bereits relativ nah an dem Wissen, das wir heute haben“, sagt Prof. Florian Greten, Ehrlichs Nachfolger als Direktor des Georg-Speyer-Hauses. Eine dieser Theorien ist die von den „Zauberkugeln“: Ehrlich glaubte, dass es für jede Erkrankung ein spezielles Gegenmittel gibt, die im Körper ausschließlich diese Erkrankung angreift.

          Ehrlichs zentrale Erkenntnis

          Eine andere wurde als Seitenkettentheorie bekannt, dafür bekam er 1908 den Nobelpreis: Mittels seitlicher Rezeptoren erkennen Zellen Krankheitserreger und Giftstoffe, binden sie nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip an sich und machen sie so unschädlich - eine Beschreibung des Immunsystems.

          „Die zentrale Erkenntnis von Paul Ehrlich war die Wechselwirkung zwischen körperfremden Stoffen und dem Körper. Als Folge der von ihm erkannten Prinzipien wurden Impfstoffe und Antibiotika entwickelt. Seine damals erzielten Erkenntnisse sind heute im Zeitalter zunehmender Antibiotikaresistenz aktueller denn je“, sagt Sörgel.

          Seine praktischen Arbeiten aufzuzählen, sprengt fast den Rahmen. Er ersann eine Methode, Zellen einzufärben - und legte damit die Grundlage zur Diagnose von Blutkrankheiten. Er arbeitete mit Emil Behring an einem Heilserum - und begründete zugleich eine Methode zur Standardisierung von Impfstoffen. Er entwickelte mit Salvarsan das erste spezifisch wirkende Chemotherapeutikum. Damit befreite er die Welt von der „Lustseuche“ Syphilis - und machte sich Feinde, die dadurch eine moralische Enthemmung befürchteten.

          Ehrlichs Forschung hat viele Disziplinen vorangebracht

          Im Nationalsozialismus wurden seine Leistungen verschwiegen: Ehrlich war Jude. In den USA wurde 1940 ein Film über ihn gedreht, „Dr. Ehrlich’s Magic Bullet“. Bis heute findet Sörgel, „dass Paul Ehrlich in Deutschland nicht die Hochachtung zuteilwird, die er verdient hätte“. Immerhin ist für den 22. November in der Frankfurter Paulskirche eine Gedenkfeier mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) geplant. Am 23. und 24. November betrachtet ein wissenschaftliches Symposium Ehrlichs Ideen aus heutiger Sicht.

          Man wird dabei wohl vieles finden, was bis heute wichtig ist: „Seine Entdeckungen haben die Bakteriologie, die Immunologie, die Arzneimitteltherapie und die individualisierte Medizin entscheidend vorangebracht“, sagt zur Hausen.

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