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Parfumeur David Albrecht „Die Klaviatur ist unendlich geworden“

03.02.2012 ·  Mouson gibt es schon lange nicht mehr, und Parfumeure sind rar. Trotzdem werden heute auch in Frankfurt wieder Düfte kreiert.

Von Nicole Sagener, Frankfurt
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Sie gehören einer sehr seltenen Spezies an. Weltweit gibt es nur etwa 500 davon. Und von denen leben etwa drei Dutzend in Deutschland. Zudem heißt es, sie seien sehr scheu - und tatsächlich: Wer hat schon jemals einen Parfumeur kennengelernt? In Deutschland gibt es nicht einmal eine geregelte Ausbildung. Um auf klassischem Wege die Schule der anspruchsvollen Parfumkreation zu durchlaufen, müssen Interessierte Deutschland verlassen und beispielsweise nach Frankreich gehen. In Versailles oder im südfranzösischen Grasse, der „Welthauptstadt des Parfums“, instruieren spezialisierte Institute im Riechen und Komponieren von Düften. Im Idealfall sollte man als Parfumspezialist allein 100 Zitrusnuancen unterscheiden können.

Parfum kann man aber auch ohne diese schon recht elitäre Art der Ausbildung kreieren, das allerdings sei dann vergleichbar mit der Arbeit „gehobener, ambitionierter Hobbyköche“, sagt David Albrecht, Geschäftsführer im Unternehmen seiner Familie, der Frankfurter Parfumerie Albrecht. Die Albrechts seien von jeher Autodidakten und kreierten traditionell frische, einfache Düfte, sagt er. Eigentlich hat er ein fern der Olfaktorik angesiedeltes Fach studiert, nach seinem Abschluss als Historiker aber trotzdem eines der drei Geschäfte der Familie in der Frankfurter Innenstadt übernommen. Das Duftklima, in dem er aufgewachsen ist, habe ihm den Einstieg dabei schon leichtgemacht. Seit zwölf Jahren entwerfe man in seiner Familie nach langer Pause wieder eigene Parfums: Aromen mit „frei assoziiertem Bezug zur Heimatstadt“. So repräsentieren die sechs Rosendüfte „Les Roses de Francfort“ Vertreterinnen der Romantik wie Bettina von Arnim und Goethes Mutter Catharina.

Holz produziert, vom Pilz befallen, ein Harz und das ein ätherisches Öl

Die eigenen Parfums entstehen Albrecht zufolge innerhalb einiger Monate, jeden Sommer miete man dazu ein Labor in Montpellier. Man biete bewusst lediglich eine kleine Auswahl an selbstentworfenen Düften an, hebt er hervor. Das Unternehmen habe gar nicht den Ehrgeiz, mit den wirklich großem Namen im internationalen Duftgeschäft zu konkurrieren.

Die Kreation eines komplexen neuen Parfums durch professionelle Parfumeure könne bis zu drei Jahre in Anspruch nehmen, erläutert Albrecht. Hunderte von Essenzen würden dafür zum Teil kombiniert - darunter so irritierend wirkende Zutaten wie Karottensamen oder das aus Südostasien importierte Oudholz, das erst durch Pilzbefall ein Harz produziert, aus dem wiederum ein ätherisches Öl gewonnen wird.

„Die Klaviatur der Ingredienzen ist durch die synthetischen Komponenten unendlich geworden“

Daneben gebe es mittlerweile eine schier unüberschaubar werdende Menge an synthetischen Geruchsstoffen, oft entgegen den gängigen romantischen Vorstellungen komplett am Computer und völlig ohne Zuhilfenahme des Riechorgans gefertigt. „Die Klaviatur der Ingredienzen ist durch die synthetischen Komponenten unendlich geworden“, sagt Albrecht. Ein Großteil der Düfte, die heute zu den Standards der Parfums zählen, seien mit Hilfe von Computerprogrammen gewissermaßen errechnet worden.

Die Erfolgsgeschichte künstlicher Riechstoffe ist allerdings schon alt. Sie begann 1874 mit der synthetischen Herstellung von Vanillin aus dem Rindensaft der Fichte durch den Chemiker Wilhelm Haarmann. Doch über diese künstlichen Herstellungsverfahren spreche die Industrie heute ungern: „Die Illusion des handgefertigten Duftes aus natürlichen Zutaten soll ja bleiben“, sagt Albrecht. Begriffe wie „molekulares Modelling“ und „Mikroreaktionstechnik“ klängen da eher weniger attraktiv.

„Sie lassen sich meist mehr von ihrer Nase leiten als von der Theorie der chemischen Verbindungen.“

Eine Tatsache falle ins Auge, meint Albrecht mit einem Lächeln: „Im Groben lassen sich zwei Sorten von Parfumeuren unterscheiden. Einmal gibt es die Praktiker, die Chemiker - und das sind meist die Männer.“ Zu den weniger technisch fokussierten Vertretern zählten dagegen tatsächlich oft Frauen. „Sie lassen sich meist mehr von ihrer Nase leiten als von der Theorie der chemischen Verbindungen.“ Chemisches Wissen sei dennoch die notwendige Basis, schon allein, weil man sogenannte Fixateure einbinden müsse, damit der Duft nicht zu schnell verfliege.

David Albrecht hat als „Maitre de Parfum“ Fortbildungskurse durchlaufen und ist nach eigener Aussage eine Art „Sommelier“ unter den Parfummachern. Er weiß, welche Düfte sich stimmig kombinieren lassen, und hat einen Riecher dafür, wie sie sich entwickeln und wann er einem Kunden von einem Produkt abraten sollte, weil die enthaltenen Geruchsmoleküle sich nicht auf der Haut entfalten.

Vom chemischen Fachwissen bis hin zum kreativen Verarbeiten von auf „Duftexpeditionen“ gewonnenen Inspirationen reicht die Schulungspalette

Auch sollte man wissen, wie sich ein Duft entwickelt, durch welche sogenannte Kopf-, Herz- und Basisnoten er getragen wird. Die Kopfnote ist nach dem Auftragen zuerst dominierend, darum bestimme sie, weiß Albrecht, die Kaufentscheidung. Der eigentliche Duftcharakter eines Parfums stecke aber in der Herznote, die erst über mehrere Stunden voll zum Tragen komme.

Irgendwann würde David Albrecht gern ein Seminar bei Symrise machen, einem im niedersächsischen Holzminden ansässigen Unternehmen, das zu den weltweit größten Anbietern für die Duftstoffherstellung zählt und auch einige Parfumeure beschäftigt. Sie vermitteln ihr Wissen in der angeschlossenen „Perfumer’s Academy“ dem Nachwuchs. Vom chemischen Fachwissen bis hin zum kreativen Verarbeiten von auf „Duftexpeditionen“ gewonnenen Inspirationen reicht die Schulungspalette.

„Wenn der junge, aufstrebende Fondsmanager durch die Tür tritt, ahne ich schon, dass er etwas klassisch Maskulines sucht“

Und auch in dieser Branche spielt die Mode eine Rolle, sagt Albrecht. Darum lohne es sich, die Trends zu verfolgen. Gerade sei beispielsweise die „Welle des Eau de Cologne“ vorübergerollt. Einige Parfums hingegen behielten seit langen Jahren den Klassikerstatus, und am Erscheinungsbild mancher Kunden könne er schnell erahnen, welchen Duft dieser suche, berichtet der Frankfurter „Maitre de Parfum“.

„Wenn der junge, aufstrebende Fondsmanager durch die Tür tritt, ahne ich schon, dass er etwas klassisch Maskulines sucht.“ Ein Stück weit sollten Menschen in diesem Geschäft wohl auch gute Soziologen mit psychologischem Gespür sein.

Parfumeuren eilt der Ruf voraus, feinsinnig, musikalisch und introvertiert zu sein. Die Bibliophilen unter ihnen haben nun sogar einen Duft entworfen, der an Bücher erinnernden soll: „Paper Passion“ mutet dementsprechend sonderbar an. Geza Schön, einer der Stars seiner Branche, hat den Duft ausgetüftelt und bezeichnet ihn selbst als ein „Produkt für Freaks“. Genauso wie ein Buch habe „Paper Passion“ einen vorrangig trockenen Charakter und erinnere an den fettigen Geruch, der beim Druck durch die Linolverbindungen entstehe. Leseratten und passionierte Zeitungsleser könnten davon bei aller Gewöhnungsbedürftigkeit begeistert sein.

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