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Neubronner in Oberursel : Papierbänder für Pakete aller Art

  • -Aktualisiert am

Von der Rolle: Blick in die Produktion von Papierbändern bei Neubronner Bild: Marcus Kaufhold

Wer gerne Päckchen bestellt, hat vermutlich schon einmal eines der Klebebänder aus Oberursel aufgerissen. Doch die Streifen des Unternehmens Neubronner können mehr als einfach nur kleben.

          Wäre es vor 26 Jahren nach Michael Becker gegangen, hätte das Familienunternehmen Neubronner heute einen anderen Chef. In einem der großen Unternehmen im Westen arbeiten, mit diesem Traum im Gepäck hatte der Ingenieur 1989 die DDR verlassen. Heute leitet er einen mittelständischen Betrieb, der Paketbänder produziert. Die Bänder von Neubronner sind dank des Online-Handels sehr gefragt. Hinzu kommt eine Besonderheit: Die Bänder versiegeln die Pakete auch. Das heißt, der Karton kann nicht geöffnet und wieder verschlossen werden, ohne dass es auffällt.

          Viele Unternehmen wollen so dem Diebstahl während des Transports beikommen, der Becker zufolge jährlich Schäden in Millionenhöhe verursacht. Die Ansprüche an das Paketband sind entsprechend gewachsen. Anders als das braune Plastikklebeband sind die Streifen von Neubronner aus Papier, die nur kleben, wenn man es anfeuchtet. Nassklebestreifen heißen die deshalb. Außerdem enthält das Band verstärkte Papierfasern - und hier liegt der Trick: Entlang der Fasern zerfetzt das Band beim Aufreißen. Es ist dann nicht mehr zu verbergen, dass das Paket schon einmal geöffnet wurde.

          Pflaster und Fotoplatten

          Becker ist der erste Chef von Neubronner, der nicht zur Gründerfamilie gehört. Doch begonnen hat seine Karriere mit seiner Ausreise. Am 14. Dezember 1989 zog er auf dem Dessauer Bahnhof ein Ticket nach Frankfurt. Ohne Rückfahrt. Becker war mit seinem Koffer und dem Ingenieursdiplom in Richtung Westen unterwegs. Dann lernte er den technischen Leiter der Neubronner GmbH kennen, er merkte, dass es „menschlich passte“. Und so begann seine Zeit als Assistent des technischen Leiters bei Neubronner. Heute ist er froh, in der Firma angefangen zu haben. Damals wollte er aber eigentlich lieber in einem richtig großen Unternehmen die Arbeit aufnehmen.

          Begonnen hat bei Neubronner alles mit einem Pflaster. Julius Neubronner führte in Kronberg eine Apotheke. Das Medizinhaus wurde zur Hofapotheke, als die Witwe des Kaisers Friedrich III., der nach 99 Tagen Regentschaft im Dreikaiserjahr starb, in den Taunus zurückkehrte. Julius Neubronner, Urgroßvater der heute noch an der Firma beteiligten Neubronners, gründete 1905 in Kronberg dann die gleichnamige Firma. Sein Hobby trieb das Unternehmen an. Denn als begeisterter Fotograf und Erfinder stellte er in seinem Betrieb neben Pflastern spezielle Klebestreifen für Fotoplatten her.

          Wachse aus eigenem Labor

          Den Hang zum besonderen Hobby gab er wohl an seine Kinder weiter. Sein Sohn Wilhelm machte das Eisstockschießen in Kronberg zum Volkssport, und der jüngste Sohn Carl tüftelte an Raketenmodellen. Carl Neubronner war auch derjenige, der die Firma übernahm und sie für siebzig Jahre leitete und prägte. Der heutige Chef Becker hat noch einige Jahre unter ihm gearbeitet.

          Das Unternehmen ist organisch gewachsen, Gebäude aus unterschiedlichen Epochen stehen auf dem Gelände, alte Maschinen neben neuen. Eine Ausstellung der Industriegeschichte. In den Hallen stapeln sich riesige Rollen Papier. Es riecht nach Weihnachten und Kerzenwachs. Das liegt auch am zweiten Produkt der Firma: die senkrechte Kante des Kartons. Um aus einem Stück Pappe eine Box zu machen, muss mindestens eine Seite des Kartons getackert oder verklebt werden.

          Hier hat die Firma Neubronner wieder eine eigene Lösung parat. Statt eine Lasche zu verkleben, hält ein Klebestreifen die Kante zusammen. Hierfür entwickelt das Unternehmen spezielle Wachse, sogenannte Hotmelts, im eigenen Labor. Diese Varianten ausgetüftelten Klebepapiers geben heute immerhin 80 Männern und Frauen Arbeit.

          „Gummierer sitzt da und liest“

          Um 1930 übernahm Neubronner das Gelände von der Frankfurter Billet-Fabrik, wo dereinst die Fahrkarten für die Frankfurter U-Bahnen gedruckt wurden. Sogar eine Bushaltestelle steht auf dem Werk. Die rote Farbe blättert vom Stahl, daneben ein Aschenbecher. Sie ist inzwischen eine der Raucherinseln.

          Die Industrie-Ausstellung wird weiter wachsen, denn Michael Becker fallen beim Rundgang durch den Betrieb viele Dinge ein, die er verändern möchte. Doch warum sitzt Neubronner überhaupt noch in Oberursel? Wäre die Produktion in anderen Ländern nicht billiger? Becker winkt ab, in dieser Branche brauche man Facharbeiter, die den schwierigen Werkstoff Papier kennten. Daher bilde man sie über lange Zeit aus. „Geben Sie mal eine Stellenanzeige für einen Gummierer auf“, sagt Becker. „Manch einer wundert sich, wenn er unsere Fertigungshalle betritt, denn der Gummierer sitzt da und liest. Denn die Facharbeiter erkennen am Geräusch, ob die Gummierung richtig ist. Fängt es an zu knistern, ist es zu trocken.“

          Umsatz wohl weiter nach oben

          Bis vor kurzem rauchte noch der Industrieschlot, der schon von weitem zu sehen ist. Die Herstellung von klebendem Papier ist energieintensiv. „Dementsprechend wirkten sich vor Inbetriebnahme der neuen Mikrogasturbine die Schwankungen im Ölpreis auf die Jahresbilanz aus“, sagt Becker.

          Als Marktführer produziert das kleine Unternehmen aus Oberursel für viele große Marken. Nicht alle wollen genannt werden. Aber zu den Kunden gehören große Online-Händler, namhafte Unternehmen aus Pharmazie, der Autozulieferindustrie und der Elektroindustrie, wie zum Beispiel Apple. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass nahezu jeder irgendwann schon einmal ein Paketband aus Oberursel aufgerissen hat. Der Umsatz des Unternehmens lag zuletzt bei 13 Millionen Euro. In Zeiten, in der mehr Pakete denn je verschickt werden, wird sich diese Kennzahl wohl weiter nach oben entwickeln.

          Quelle: F.A.Z.

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