Home
http://www.faz.net/-gzg-6xs7f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Osthafen Die Letzten ihrer Art

17.02.2012 ·  Inzwischen verbinden viele den Frankfurter Osthafen vor allem mit der Baustelle der Europäischen Zentralbank. Immer weniger Unternehmen nutzen den Zugang zum Main. Doch es gibt sie noch, die Hafenarbeiter.

Von Julia Kern, Frankfurt
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Fünf Uhr morgens. Während Frankfurt noch schläft, geht es am Osthafen schon geschäftig zu. Eine heftige Windböe erfasst den Zettel, weht ihn beinahe aus dem Klemmbrett, das Manfred Hofmann in der Hand hält. Mit der freien Hand versucht er, die Checkliste vor dem strömenden Regen zu schützen. Doch auf das Wetter kann Hofmann keine Rücksicht nehmen, die „Westland“ wartet darauf, gelöscht zu werden. Aus Rotterdam ist der Tanker gekommen, drei Tage dauerte die Reise. Die Ladung ist für die Roth Energie GmbH bestimmt. Aus der geöffneten Luke an Deck strömt der intensive Geruch von 1400 Tonnen Heizöl, die sich im Rumpf des Schiffes befinden.

Die „Westland“ wird heute wieder einmal das einzige Schiff bleiben, das im Becken am Oberhafen anlegt. Vor 20 Jahren sah es hier um diese Uhrzeit noch ganz anders aus, sagt Manfred Hofmann. Seit vier Jahrzehnten arbeitet der Einundsechzigjährige am Hafen; erst im Außendienst für die Aral AG, die bis vor einigen Jahren noch ein Lager an der Dieselstraße betrieb, seit den achtziger Jahren ist er im Lager direkt nebenan beschäftigt. Die Roth Energie GmbH nutzt es erst seit 2007, fünfmal schon wechselte der Betreiber, seit Hofmann hier sein Geld verdient. Er wurde jedes Mal „mitverkauft“, wie er mit einem Augenzwinkern berichtet. Gut erinnert er sich noch an die Zeit, als seine Arbeitgeber sich das Hafenbecken mit drei anderen Energieversorgern teilen mussten. Sie alle seien mittlerweile auf private Großlager umgeschwenkt, sagt Hofmann, es sei billiger, sich dort einzumieten.

„Wenn ein Schiff hier ankommt, dann wird es auch gelöscht“

Die Liste der Unternehmen, die im Osthafen sitzen, ist lang. Doch nur ein Bruchteil verwendet den Zugang zum Main, Hafenarbeiter im eigentlichen Sinne gibt es nur noch wenige. Die Roth Energie GmbH und die Frankfurter Umschlaggesellschaft (FUG) sind zwei der wenigen mittelständischen Unternehmen, die den Hafen noch auf klassische Weise nutzen: Diesel und Heizöl, Sand und Kies werden auf Schiffen in den Hafen transportiert. Mit Hilfe von Kränen und Schläuchen wird das Gut dann in die Silos umgeschlagen - bei Wind und Wetter. „Wenn ein Schiff hier ankommt, dann wird es auch gelöscht“, sagt Franz Mausl von der FUG. Zusammen mit Mausl arbeiten im Osthafen zwei weitere Männer am Umschlag der zwischen 70.000 und 400.000 Tonnen Sand und Kies, die je Schiffsladung dort ankommen. Am Westhafen beschäftigt die FUG drei weitere Arbeiter.

Sie bedienen den Kran, mit dem der Sand vom Schiff in die Silos geschaufelt wird. Um die riesige Maschine zu bedienen, benötigen die Hafenarbeiter eine gehörige Portion Konzentration, Vorsicht und vor allem viel Erfahrung. Die Arbeit im Lager erfordere jahrelanges Training, sagt Günther Jockisch, Geschäftsführer der FUG. Es gebe zu wenige Standards in der Branche, beispielsweise sei die Steuerung für Kräne nicht normiert, jeder einzelne Krantyp verfüge über eine komplett andere. Ein Ausbildungsstandard für Lagerarbeiter existiert nur für Seehäfen, in Binnenhäfen wie in Frankfurt müssen die Unternehmen neue Kräfte selbst anlernen. Der 53 Jahre alte Mausl würde seinen Beruf gegen keinen anderen eintauschen. Nach einer Ausbildung zum Speditionskaufmann fing er bei der FUG an, 22 Jahre ist das her. Die Arbeit am Hafen sei natürlich gewöhnungsbedürftig, aber ein Bürojob sei für ihn einfach nie in Frage gekommen. Auf dem Gelände ist er sozusagen der Mann „fürs Grobe“: Ihm obliegt das Wiegen der einfahrenden Transporter, die er dann per Knopfdruck mit Sand aus den Silos befüllt. Einen Großteil des Sandes verarbeitet die FUG in der angeschlossenen Mischanlage zu Beton.

„In zehn Jahren wird dieses Lager nicht mehr genutzt werden“

Bei Roth arbeiten derzeit nur noch zwei Hafenarbeiter. Vor 30 Jahren waren es noch sechs. Heute übernimmt die Technik viele Arbeitsschritte: Die Tankanlage, an der Zwischenhändler Diesel und Heizöl zapfen, funktioniert automatisch. In der Leitzentrale hilft Hofmann lediglich aus, wenn es mit der Technik einmal hapert. Sobald ein Transporterschiff im Hafen ankommt, was mehrmals in der Woche passiert, muss er raus ans Hafenbecken.

Mit einem Bandmaß, das er in die verschiedenen Kammern im Rumpf des Schiffes hinablässt, misst er zuerst die Menge des gelieferten Öls - auf die Messgeräte der Schiffe kann er sich nicht verlassen, da sie nicht geeicht sind. Nach der Kontrolle wird ein am Ufer festinstallierter Schlauchrüssel, der sogenannte Marine-Verlader, an das Schiff angedockt. Daraufhin lassen sich pneumatische Ventile in der Pipeline öffnen und das Öl wird in einen der zehn Tanks gepumpt.

„Die wollen alle lieber eine Bankausbildung machen“

Hofmann glaubt, dass die Nutzung des Osthafens weiter abnehmen wird. „In zehn Jahren wird dieses Lager nicht mehr genutzt werden“, vermutet er. Im nächsten Jahr geht er in Rente, seine jahrzehntelange Erfahrung wird er mitnehmen. Es werde immer schwieriger, Nachwuchskräfte für die harte Arbeit im Hafen zu finden, bedauert auch Jockisch. „Die wollen alle lieber eine Bankausbildung machen.“

Die Silostraße der FUG befindet sich nur wenige Meter von der Baustelle entfernt, wo derzeit das neue Haus der Europäischen Zentralbank entsteht. Nicht erst mit diesem Bau wurde die Diskussion darüber laut, wie das Gelände am Osthafen „sinnvoller“ genutzt werden könnte - viele Architekten sehen hier verschwendete Wohnraumfläche. Während die Industrie- und Handelskammer fordert und das Wirtschaftsdezernat versichert, den Osthafen als Industriegebiet zu erhalten, fühlen sich viele der dort ansässigen Unternehmen übergangen.

Jockisch kritisiert, dass die Gesellschaft nicht ausreichend würdige, wie „ökonomisch und ökologisch sinnvoll“ die Binnenschifffahrt sei. Was nicht auf dem Wasserweg transportiert werde, müsse mit Lastwagen befördert werden, was die Umwelt erheblich stärker belaste. Hafenarbeiter werde es hier immer geben müssen, denn die Unternehmen seien auf sie angewiesen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr