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Organist Martin Lücker : Ein Seiteneinsteiger mit Sinn für Kontinuität

Alteingesessen: Organist Martin Lücker an seinem Arbeitsplatz in der Frankfurter Katharinenkirche. Bild: Fricke, Helmut

Martin Lücker ist seit 30 Jahren Organist an der Frankfurter Katharinenkirche. An Programmideen mangelt es dem gut vernetzten Musikhochschulprofessor nie.

          Dass aus einem Opern-Korrepetitor ein Kantor wird, dürfte selten geschehen. Bei Martin Lücker war es so. Und unweigerlich muss man bei diesem „Lebenswandel“ an Lückers Vorbild Bach denken, der auch eine angesehene weltliche Stelle in Köthen aufgab, an die Thomaskirche nach Leipzig wechselte und dem es nach eigenen Angaben „anfänglich gar nicht anständig seyn wollte, aus einem Capellmeister ein Cantor zu werden“. Wie Bach kam auch Lücker von der Orgel her, nur war er als Kirchenmusiker eher ein „Seiteneinsteiger“, wie selbst sagt.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schon mit 21 Jahren legte er die anspruchsvolle A-Prüfung für Organisten ab und hatte zuvor vier Preise bei internationalen Wettbewerben gewonnen. „Orgelspielen konnte ich wie der Teufel“, sagt Lücker in Erinnerung an seine ungewöhnliche Bewerbung um das angesehene Kantorat an der Sankt Katharinenkirche, der evangelischen Hauptkirche im Herzen Frankfurts. Nach dem Orgelstudium in Hannover und Wien hatte Lücker noch Dirigieren in Detmold studiert und war dort am Landestheater als Solo-Repetitor mit Dirigierverpflichtung tätig gewesen, ehe er als Assistent des Chordirektors an die Oper Frankfurt kam. So verfügte er über ein breites musikalisches Spektrum, hatte aber bislang nur mit professionellen Chören gearbeitet.

          Musik als heilsame Kraft gegen die Inflation der Worte

          Sein Drei-Jahres-Vertrag an der Oper Frankfurt lief noch einige Monate, als er sich 1983 um die Nachfolge der Kantorin Ingrid Stieber bewarb. Als Organist, der er wieder sein wollte, punktete er mit seinem Vorspiel. Doch beim nachfolgenden Bewerbungsgespräch sei er wohl mit der Bemerkung, er sehe „die Musik als heilsame Kraft gegen die Inflation der Worte“ eher ins Fettnäpfchen getreten, erinnert er sich. Denn bei den evangelischen Geistlichen, die an der Entscheidung der Stellenbesetzung beteiligt waren, hatte das Wort ja höchsten Stellenwert.

          Seine selbstbewusste und heute noch vertretene Behauptung, die Musik sei als Kunst auch in der Kirche autonom und könne mitunter sogar im Gegensatz zur „Verkündigung“ stehen, muss letztlich kein Hinderungsgrund gewesen sein. Er bekam die Stelle und ist seit nunmehr 30 Jahren an der Katharinenkirche tätig - ein Jahr länger als einst seine Vorgängerin. 15 Jahre lang leitete Lücker auch die Kantorei. Jedoch musste er das Kantorat aufgeben, als er 1998 als Professor für Künstlerisches Orgelspiel und Didaktik des Orgelunterrichts an die benachbarte Musikhochschule berufen und somit Landesbeamter wurde. Seit 2011 leitet Lücker mit dem Figuralchor Frankfurt aber auch wieder einen der renommiertesten Chöre der Stadt.

          Für Laufkundschaft wie Stammpublikum

          Der „Seiteneinsteiger“ hat sich insofern als Idealbesetzung für die zentrale Stelle an der Hauptwache erwiesen, als er über die Musikhochschule, durch seine Konzerte beim Hessischen Rundfunk und bei der Museums-Gesellschaft, durch vielfältige Tätigkeiten bis hin zur Moderation der Reihe „Mein Lieblingsstück“ in der Alten Oper in der Frankfurter Musikszene sehr gut vernetzt ist. Außerdem ist er ein Garant für Lebendigkeit und neue Ideen, jedenfalls sicher kein puristisch verschlossener oder gar angestaubter Kirchenmusiker.

          Zwei gleich zu Beginn seines Amtsantritts begonnene Initiativen sieht Lücker als die prägenden seiner drei Dekaden. Die eine ist die mit unglaublicher Kontinuität fortgeführte Reihe „30 Minuten Orgelmusik“: Jeden Montag und jeden Donnerstag von 16.30 Uhr an, außer an Feiertagen, ist Lücker an der Rieger-Orgel mit einem halbstündigen Konzert zu hören. Bei freiem Eintritt ziehe das „Laufkundschaft“ an, aber auch ein Stammpublikum, regelmäßig an die 100 Zuhörer. Im Frühsommer wird das 3000. Konzert erklingen. Nur zweimal sei er seinem, im Übrigen völlig freiwilligen, Dienst in all den Jahren nicht nachgekommen: Einmal als er verschlafen habe und einmal als er Keuchhusten hatte. Diese Reihe „takte“ sein Leben.

          Eine große Kontinuität der Person

          „Musik in Sankt Katharinen“ ist die andere, ebenfalls schon 1983 gestartete Initiative. Eine Reihe, die neben der Chormusik mit der von Michael Graf Münster geleiteten Kantorei, monatlich zwei Orgelkonzerte bietet, teils von Gästen, teils von Lücker selbst bestritten. In diesem Jahr liegt, für eine Kirchenmusik-Reihe ungewöhnlich, ein Schwerpunkt auf Musik von Paul Hindemith zu dessen 50. Todesjahr. So begibt sich Lücker morgen, von 18 Uhr an, auf die Suche nach „Hindemiths Wurzeln“ mit Werken von Bach, Brahms und Reger. Als Hauptwerk und Frankfurter Erstaufführung erklingt bei dem mit einer internen Feierstunde zu Lückers Dienstjubiläum verbundenen Konzert eine von Heribert Breuer erstellte Orgelfassung der Sinfonie „Mathis der Maler“ von Hindemith.

          Was hat sich in den vergangenen 30 Jahren verändert? Das werde er in diesen Tagen natürlich öfters gefragt, sagt Lücker. Doch wisse er keine rechte Antwort. An der Hauptwache sehe es anders aus als 1983, die Menschen hätten sich verändert, während er aber in sich selbst „das Gefühl einer großen Kontinuität der Person“ trage. Er fühle sich rundum wohl in Frankfurt, in der vielseitigen Region und in seinem „Dreieck“: in seiner Wohnung am Gemeindehaus von Sankt Katharinen an der Leerbachstraße, in der Nähe der Alten Oper, an der Straße also, an der einst auch Hindemith wohnte, in der Katharinenkirche und in der Musikhochschule. Von einem Ort zum anderen geht er in zehn Minuten zu Fuß.

          Als Frankfurter fühlt Lücker sich nicht

          Das klingt gemütlich, ist aber bei umfassender Lehrtätigkeit und etwa 45 Konzerten pro Jahr in ganz Deutschland mit einem immensen Arbeitspensum verbunden. Dennoch bleibt Lücker genügend Freizeit, um mehrmals pro Woche durch den Anlagenring zu joggen, den Rücken, „die Achillesferse jedes Organisten“, nach der Kieser-Methode zu trainieren, viel zu lesen, Opern und Konzerte zu besuchen oder sich Kabarettprogramme im Stalburg-Theater anzuschauen.

          So richtig als Frankfurter fühlt sich Lücker aber nicht. Geboren 1953 in Preußisch Oldendorf als Sprössling einer ebendort in siebter Generation praktizierenden Arztfamilie, sei er „bekennender Ostwestfale“. Das wiederum verbinde sich mit Verlässlichkeit, mit dem Streben nach persönlicher Qualität und einem „Ruhen in sich im Bewusstsein des eigenen Wertes“.

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