Home
http://www.faz.net/-gzg-6wdaz
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Oper Frankfurt Zwei Tiroler am Main

 ·  Wer aus den Alpen kommt, kann über den Taunus nur lachen. Die Oper Frankfurt aber hat es den beiden neuen Ensemblemitgliedern Daniel Schmutzhard und Martin Mitterrutzner angetan.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Vom Großen Feldberg hat er noch nichts gehört. Martin Mitterrutzner wohnt erst seit kurzem in Unterliederbach. „Wie hoch ist der Berg?“, fragt der Tenor aus Tirol und kann sich ein Grinsen kaum verkneifen. Na, jedenfalls nicht 2725 Meter wie die Bettelwurfspitze, die er schon einmal erklommen hat: „Eher laienhaft“, fügt der Sänger hinzu. Auch Daniel Schmutzhard geht daheim in Tirol gern auf den Berg. Ansonsten spielt der neue Wahl-Bockenheimer gerne Fußball. Daher fällt dem Bariton auch gleich ein passendes Bild ein, wenn er die Oper Frankfurt mit der Wiener Staatsoper vergleicht: „Das ist wie Borussia Dortmund und Real Madrid. Der Frankfurter Intendant hat ein gutes Händchen für junge Leute, in Wien darfst du zweimal mitspielen und die restliche Zeit pumpst du den Ball auf.“

Schmutzhard und Mitterrutzner verstärken seit dieser Spielzeit die Ensemblemannschaft der Oper Frankfurt. Als Mercurio (Schmutzhard) und Pane (Mitterrutzner) stellen sie sich in diesen Tagen in Francesco Cavallis „La Calisto“ vor. Für Schmutzhard ist es die dritte Barockoper, für Mitterrutzner die erste. Beide schwärmen um die Wette von einem „Superteam“, dem Dirigenten Christian Curnyn und der angenehmen Atmosphäre bei den Proben des Konzepts von Jan Bosse. Der Regisseur hat die Oper für das Theater Basel inszeniert, dort hatte sie im Mai 2010 Premiere. Nun ist die Koproduktion nach Frankfurt übernommen worden und Abend für Abend ausverkauft.

Die beiden kennen sich seit der Ausbildung

Ob der Frankfurter Opernintendant Bernd Loebe mit dem Fußballvergleich wohl leben kann? Bestimmt, sagt Mitterrutzner und kommt noch einmal auf „das Ohr“ zu sprechen, das ihn auszeichne: „So ein Ohr fehlt den meisten Intendanten. Loebe hört, was in der Stimme eines jungen Sängers steckt. Brigitte Fassbaender kann das auch. Sie gibt einem die richtigen Partien zum Singen, damit sich die Stimme entwickeln kann. Sie fördert und behütet junge Leute.“ Womit er schon mitten in der eigenen Biographie steckt. Fassbaender, die große Mezzosopranistin und heutige Intendantin des Tiroler Landestheaters in Innsbruck, hat ihn entdeckt und gefördert. Damals war er noch Student am Innsbrucker Konservatorium und hat bei Karl-Heinz Hanser gelernt. Wie Schmutzhard.

Die beiden kennen sich seit der Ausbildung. Sie sind sogar im selben Sanatorium geboren, in Rum, wo nach ihrer Aussage die meisten Tiroler Babys zur Welt kommen. Dort, im Schatten der Rumer Spitze, wurde Schmutzhard im Jahr 1982 geboren, Mitterrutzner zwei Jahre später. Beide stammen aus musikalischen Familien. Schmutzhards Schwester ist Jazz-Sängerin, sein Bruder hat sich auf Heavy Metal spezialisiert, die Mitterrutzners pflegten die Hausmusik, die vom Vater mit der Gitarre begleitet wurde. Schmutzhard wuchs in Aldrans südlich von Innsbruck auf und besuchte das Gymnasium in der Landeshauptstadt. Mitterrutzner verbrachte seine Kindheit in Hall und ging dort bei den Franziskanern in die Oberschule. Beide landeten schließlich bei den Wiltener Sängerknaben in Innsbruck. Von diesem renommierten Chor spalteten sich später die Innsbrucker Capellknaben ab, Mitterrutzner ging mit. So kam er im zarten Alter von zehn Jahren als Erster Knabe in die „Zauberflöte“ unter Leitung John Eliot Gardiners. Auf diese Art verwöhnt, war es kein Wunder, dass ihn der Stimmbruch deprimierte. Er pausierte drei Jahre, dann merkte er: „Irgendetwas fehlt in meinem Leben.“ Mit sechzehn begab er sich zur Stimmbildung bei der Gattin des Chorleiters, nach der Matura ging er ans Konservatorium. Dort lernte er Schmutzhard kennen, der schon mit siebzehn dort angeheuert hatte und vier Jahre später an die Musikhochschule Wien wechselte. Noch vor dem Abschluss engagierte ihn die Wiener Volksoper.

Wien oder Frankfurt

In Wien verbrachte Schmutzhard insgesamt acht Jahre, sechs von ihnen an der Volksoper. Schon jetzt kann der mit der Sopranistin Annette Dasch verheiratete Sänger auf eine kleine Traumkarriere zurückblicken: Er hat den Papageno in der „Zauberflöte“ und den Falke in der „Fledermaus“ gesungen, den Figaro im „Barbier von Sevilla“ und den Marcello in „La Bohème“. Von 2008 an gastierte er am Theater an der Wien, bei den Tagen der Alten Musik in Innsbruck und beim Carinthischen Sommer. In der Berliner Staatsoper sang er den Lesbo in „Agrippina“, bei den Salzburger Festspielen den Jäger in „Rusalka“. 2010 trat er als Danilo in der „Lustigen Witwe“ an der Volksoper und als Harlekin in „Ariadne auf Naxos“ an der Wiener Staatsoper auf. Zudem erweiterte er sein Repertoire als Konzert-, Lied- und Oratoriensänger. In Frankfurt stehen ihm die „Zauberflöte“, „Così fan tutte“ und „Die Fledermaus“ bevor.

Mitterrutzner dagegen blieb in Innsbruck. 2003 debütierte er unter Fassbaenders Regie als Ottokar im „Zigeunerbaron“. In festem Engagement sang er seit 2006 den Alfred in der „Fledermaus“, den Pepe im „Bajazzo“, den Andres im „Wozzeck“ und den Tamino. Erst 23 Jahre alt, wurde er 2007 mit der Eberhard-Wächter-Medaille der Wiener Staatsoper ausgezeichnet. Seitdem ist er als Ferrando in „Così“ an der Oper Bukarest und als Tamino in Zürich aufgetreten. Die Frankfurter kennen ihn als Squeak in Brittens „Billy Budd“, nach der „Calisto“ wird er in der „Zauberflöte“, der „Fledermaus“, „La Traviata“ und „Così fan tutte“ mitwirken. Als Scaramuccio in „Ariadne auf Naxos“ debütiert er in diesem Jahr darüber hinaus bei den Salzburger Festspielen.

Im gerade zu Ende gegangenen Jahr durfte Mitterrutzner zwischen der Wiener Staatsoper und der Oper Frankfurt wählen. „Für Wien habe ich mich noch nicht bereit gefühlt“, gesteht er. Und: „Brigitte Fassbaender hat mir zu Frankfurt geraten.“ Den Wiener Stress wollen sich beide noch nicht antun. „Als junger Sänger an der Staatsoper arbeitet man sich tot“, sagt Schmutzhard. Die barocke „Calisto“ im Bockenheimer Depot jedoch macht ihm Spaß. Er finde es spannend, mit einem so kleinen Orchester und geringen Mitteln zu arbeiten. Nun muss Intendant Loebe nur noch einlösen, was sich die beiden Sänger von ihm versprechen: „Ein geschicktes Händchen für Stimmen im Aufbau.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1958, feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Der Krach als Chart

Von Helmut Schwan

Gründlichkeit vor Schnelligkeit - das Prinzip hat sich bewährt. Ein großer Wurf wird mit der Norah-Studie aber nur gelingen, falls die Resultate zu gesicherten Grenzwerten und einem neuen Schutzkonzept führen werden. Mehr