Für Sebastian Weigle ist es "der Wagner Verdis". Mit dieser knappen Formel fasst der Frankfurter Generalmusikdirektor zusammen, dass Verdis "Otello" mehrere Bezüge zum Werk Wagners aufweist, zum Beispiel die durchkomponierte Form, obwohl sich einzelne Nummern wie Arien und Duette sehr wohl erkennen ließen, oder die "Emanzipation des Orchestersatzes" und die stärker polyphone Struktur im Vergleich zu früheren Opern Verdis, in denen die tragenden Melodien eher von akkordischen Figuren begleitet worden seien. Für Weigle, der morgen von 18 Uhr an in der Oper Frankfurt die "Otello"-Premiere leitet, ist das große Eifersuchtsdrama nach Shakespeare die erste eigene künstlerische Auseinandersetzung mit einer Oper Verdis. In Wagners Musikdramen stand er hingegen schon oft am Pult.
Von der "Otello"-Musik fühlt er sich, wie er sagt, "emotional sehr angegriffen". Die Gefühlsausbrüche seien von Verdi mit geschickter Instrumentation unglaublich treffend dargestellt worden. Für den Regisseur Johannes Erath, ursprünglich Violinist, trifft die Komposition ebenfalls den Kern des Ganzen: "Zwischen Chaos und Harmonie" bewege sich alles, in der Handlung wie im Wesen des Titelhelden. Das Chaos hört man vom ersten Ton an: Das Brausen des Seesturms beschreibe zugleich Otellos Gemütszustand.
Das Destruktive in uns
"Der Sturm kehrt also immer wieder", führt Erath aus. Aufgestaute Aggressionen in Otello, der durch Sklaverei und Kriege traumatisiert sei, brächen wiederholt hervor. "Das Destruktive, Finstere, Zerstörerische haben wir alle in uns", meint der Regisseur, der für die Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot zuletzt "Angels in America" von Peter Eötvös inszeniert hat. Otello sei eine Figur, mit der die Zuschauer mitfühlen sollten, wenngleich sie ihn als Außenseiter erkennen können müssten. Szenisch und durch die äußere Erscheinung Otellos will er dessen Anderssein verdeutlichen, betont aber: "Das ist keine Frage der Hautfarbe." Seine Besonderheit verleihe Otello auch "eine Form von Autorität".
Sogar Otellos Gegenspieler Jago sei von dem schwarzen Statthalter Venedigs auf Zypern fasziniert, wenngleich er ihn bei einer Beförderung übergangen habe. Jago, der nun Otellos Eifersucht gegenüber seiner Gattin Desdemona schürt, sei ein Mensch, der ganz und gar vom Neid angetrieben werde. "Nicht nur, weil er nicht befördert worden ist", sei sein Selbstwertgefühl gebrochen. Dieses Defizit verbinde ihn mit Otello. Neid und Eifersucht besäßen die gleichen Wurzeln: in der angeknacksten Psyche der Protagonisten.
„Wie eine Suche“
Musikalisch entfalte Verdi zu alldem ein großes Panorama, schildert Weigle. Von der Monumentalszene mit Volksjubel und großer Bühnenmusik bis zu ganz kargen Momenten, etwa dem "Ave Maria" Desdemonas, das äußerst sparsam orchestriert sei und ihre Einsamkeit fühlen lasse. Besonders begeistert ist der Generalmusikdirektor vom Vorspiel zum dritten Akt. Sehr polyphon angelegt, klingt es für ihn "wie eine Suche". Durch ein gleichmäßiges Ticken, das an eine Uhr erinnere, werde die Unruhe noch verstärkt. "Ich muss nur aufpassen, dass ich durch die komponierte Nervosität als Dirigent nicht selbst nervös werde", bekennt er.