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Oper Frankfurt : „Es gibt so selten wirkliche Stimmenkenner“

Vor dem Ruhestand: Franz Mayer und Margit Neubauer Bild: Frank Röth

Ende einer langen Laufbahn: Margit Neubauer und Franz Mayer gehen nach 39 Jahren an der Oper Frankfurt in den Ruhestand.

          Damals war sie die jüngste Sängerin im Ensemble. Und er der jüngste Sänger. Als Paar sind sie 1977 nach Frankfurt gekommen. Beide wurden dort 1993 zu Kammersängern ernannt. „Das hat nichts zu bedeuten“, winkt Franz Mayer lachend ab. Doch Margit Neubauer korrigiert ihn: „So ganz schlecht müssen wir nicht gesungen haben.“ Nach 39 Jahren am hiesigen Opernhaus gehen sie zum Ende der laufenden Spielzeit gemeinsam in den Ruhestand. „Bevor ich mich auf der Bühne verlaufe“, sagt der Bassbariton, der bald seinen 70. Geburtstag begeht, mit seinem weichen österreichischen Akzent. Er wird dennoch an der Oper Frankfurt weitersingen. Als Gast. Zwischen den „Urlauben“, die sein Leben von nun an bestimmen sollen, wie er humorvoll erläutert.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Seine Stimme gilt noch immer als makellos. Keine Spur von Alterstremolo. Ein Phänomen, wie auch seine Frau zugeben muss. Die Mezzosopranistin hatte in dieser Hinsicht weniger Glück. Schon vor einiger Zeit bemerkte sie, dass sich stimmlich etwas zu verändern begann. Sie übernahm fürderhin kleinere und Sprechrollen und andere Tätigkeiten am Frankfurter Musiktheater. Auch sie wird jedoch bald auf die Frankfurter Opernbühne zurückkehren, wo sie zuletzt als Anhilte in Kálmáns „Csárdásfürstin“ und als Oberaufseherin in Mieczysław Weinbergs „Die Passagierin“ stand. Am Freitagabend war Franz Mayer in Mozarts „Hochzeit des Figaro“ als Gärtner Antonio zu erleben. Danach überreichte Intendant Bernd Loebe ihm zum Abschied zwei Flaschen Wein, Jahrgang 2002. In jenem Jahr hatte Loebe die Leitung des seinerzeit von vielerlei Querelen gezeichneten Hauses übernommen. Er nannte Mayer eine „Stütze des Ensembles“.

          Keine Souffleusen für die Sänger

          Das Ehepaar hat Frankfurter Intendanten und Generalmusikdirektoren kommen und gehen sehen. Viel Aufregung gab es in den achtziger und neunziger Jahren, ein ständiges Gerangel zwischen Oper und Schauspiel, permanenten Ärger um die städtischen Zuschüsse, dauernde Differenzen im Haus. „Erst mit Loebe wurde es ruhiger“, sagt die Sängerin. Eines müsse man ihm lassen, ergänzt ihr Mann, Loebe verstehe etwas von Stimmen. Nicht nachvollziehen aber kann er, dass der Intendant auf Souffleusen verzichtet. Er sei einfach nicht dazu zu bewegen, einen Souffleurkasten zu installieren. Dabei würde das den Sängern das Bühnendasein doch ungemein erleichtern. Er selbst hatte einmal einen Hänger in Rossinis „Il viaggio a Reims“. Der Text eines Rezitativs fiel ihm nicht mehr ein. „Pause, Pause, Pause.“ Nach einer Ewigkeit kam von irgendwoher ein Stichwort.

          Franz Mayer hat sich in einem früheren Leben mit der Regelung von Wasserturbinen beschäftigt, war acht Jahre lang der „Herr Ingenieur“ in einer großen Firma. Parallel dazu sang er. Als Hobby. Margit Neubauer war Lehrerin. Aber auch sie drängte es zum Gesang. Sie besuchten das Konservatorium in Linz, wo sie sich kennenlernten, „haben ein bisschen in Konzerten herumgesungen“, wie Mayer das nennt, und wurden daraufhin vom Landestheater zum Vorsingen eingeladen. „Für mich war das sehr belastend, weil meine Eltern damit überhaupt nix am Hut gehabt haben, sie haben geglaubt, jetzt komm ich zu den fahrenden Sängern.“ Beide wurden engagiert und blieben drei Jahre am Theater der oberösterreichischen Landeshauptstadt. Dann rief Frankfurt.

          Es gab über mehrere Ecken Verbindungen zwischen Linz und der Stadt am Main, wo Michael Gielen Intendant wurde. Bei einem Vorsingen in München, bei dem der neue Chef der Frankfurter Oper jedoch nicht anwesend war, konnten Mayer und Neubauer die Abgesandten aus Frankfurt überzeugen und dachten, ihrem glorreichen Einzug in Frankfurt stünde nichts mehr im Weg. Aber ein paar Wochen später rief Gielen an, er dirigiere im Brucknerhaus in Linz und wolle sie gerne treffen. Er könne nicht einfach Leute engagieren, die er nicht habe singen hören. Mit seiner Frau saß er im Zuschauerraum der riesigen Konzerthalle. Nach dem Vorsingen habe sie gefragt, was das denn für eine Gesangstechnik sei. Als sie erfuhr, dass die Gesangslehrerin der beiden die Witwe ihres eigenen Gesangslehrers war, waren alle Zweifel am Engagement ausgeräumt.

          „Ich habe es weit gebracht“

          Die Alte Oper war noch nicht wieder aufgebaut, als das Ehepaar nach Frankfurt kam. „Da wuchsen noch die Birken raus“, erinnert sich Neubauer. Ein erster Höhepunkt war für sie 1978 Händels „Giulio Cesare“ mit Nikolaus Harnoncourt am Dirigentenpult. Sie spielte den Sesto, eine Hosenrolle. „Er hat eine Rachearie, und ich sollte den einen Teil ganz piano singen, nur der Hauch von einer Stimme. Da habe ich gefragt: Und wenn die Stimme bricht? Macht nichts, hat der Harnoncourt gesagt. Hauptsache, der Ausdruck stimmt. Aber die Stimme ist nie abgebrochen, nie.“

          Es gebe so selten wirkliche Stimmenkenner, wirft Mayer ein. „Keiner sagt einem, pass da auf oder pass dort auf. Man wird oft sich selbst überlassen. Der Harnoncourt hat von Stimmen auch keine Ahnung gehabt, das muss man ganz nüchtern sagen.“ Mayer und Neubauer haben in der Gielen-Ära viel mit der Regisseurin Ruth Berghaus zu tun gehabt. „Ihre erste Inszenierung war die Zauberflöte, da war ich dabei“, schwärmt Neubauer. Er habe, sagt Mayer, oft nicht wirklich verstanden, was sie wollte. „Aber sie war ein Profi“, fällt seine Frau ihm ins Wort, „man hat eine Stecknadel fallen hören bei den Proben, auch technisch kannte sie sich aus. Sie war eine Respektsperson.“ Hans Neuenfels, Alfred Kirchner, Peter Mussbach, Herbert Wernicke: Mit ihnen und anderen großen Inszenierungskünstlern haben sie zusammengearbeitet.

          Am Ende der Gielen-Ära stand eine Aufführung der „Götterdämmerung“, nach der das Publikum zwei Stunden lang geklatscht habe, „es war der Wahnsinn“, sagt Neubauer. Nach Gielen kam Gary Bertini, der sich selbst als weltberühmten Dirigenten, der jetzt nach Frankfurt komme, beschrieben habe. Das Opernhaus geriet in turbulente Zeiten. Unter Sylvain Cambreling hatte das Ensemble nur noch 15 Mitglieder. Mayer und Neubauer hatten viel zu tun. „Ich habe es weit gebracht“, sagt Mayer schmunzelnd. Als Vater in Humperdincks „Hänsel und Gretel“ konnte er Elina Garanca und Diana Damrau seine Kinder nennen. Sie wurden Weltstars.

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