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Veröffentlicht: 08.02.2013, 19:04 Uhr

Opec-Attentäter Hans-Joachim Klein Für die Sympathisanten ein Verräter

Hans-Joachim Klein, einst einer der Opec-Attentäter, ist noch einmal nach Frankfurt zurückgekehrt. Er quält sich als wichtigster Zeuge gegen frühere politische Gefährten durch die Vergangenheit.

von , Frankfurt
© dpa „Etwas dagegen tun“ - zur Not auch mit der Waffe: der ehemalige Terrorist Hans-Joachim Klein

Seit dem 18. Januar wird vor dem Frankfurter Landgericht ein Mann als Zeuge vernommen, der über sein früheres Leben und seine Ansichten als junger Mann Vokabeln wie „Irrsinn“ und „Unsinn“ benutzt. Hans-Joachim Klein, 65 Jahre alt, gehörte zur Frankfurter Revoluzzer-Szene, war bei der Roten Hilfe, beim Roten Kampf, schließlich bei den Revolutionären Zellen (RZ). Anders als viele der damaligen Frankfurter Wortführer, die sich letztlich mit radikalen Reden zufrieden gaben und es allenfalls auf eine Schlägerei mit der Polizei ankommen ließen, war Klein zeitweise tief ergriffen vom politischen Wert des Individualterrors. Ohne gefasst zu werden, hatte er bis 1975 bereits eine Reihe von erheblichen Straftaten begangen, darunter einen Brandanschlag.

Klein gelangte nicht über einen intellektuellen Weg, nicht über Studium oder autodidaktische Gesellschaftsanalyse in die Illegalität. Er litt emotional unter den vorgestellten und tatsächlichen Ungerechtigkeiten von Welt und Leben und war schließlich fest entschlossen, mit der Waffe in der Hand „etwas dagegen zu tun“. Er beteiligte sich an Planungen einer Frankfurter Revolutionären Zelle und ließ sich 1975 dazu überreden, an einem von Berufsterroristen durchdachten Überfall auf die Zentrale der Erdölexportierenden Länder (Opec) in Wien teilzunehmen. Die Hintergründe eines mutmaßlich von dem libyschen Diktator Muhammad Ghaddafi gewünschten und unter Leitung des international gesuchten Terroristen „Carlos“ Sanchez ins Werk gesetzten Bluttat kannte Klein seinerzeit nicht. Klein wurde bei dem Überfall schwer verletzt, konnte Österreich verlassen, brachte eine Odyssee durch mehrere arabische Länder hinter sich und begann, wie er sagt, über seine Rolle und den Terrorismus nachzudenken, als in seinen Kreisen Pläne zur Ermordung vorn Heinz Galinski geschmiedet wurden. Klein sagt heute, Mordpläne gegen den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in einem Land, das für den Holocaust verantwortlich ist, seien ihm unerträglich geworden.

Verjährung durch neue Ermittlungsansätze unterbrochen

Der Waffennarr Klein schickte seinen großkalibrigen Revolver an das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und veröffentliche Ende der siebziger Jahre sein Bekennerbuch „Rückkehr in die Menschlichkeit“. Die selbstkritische und selbstdistanzierende Arbeit hat er, wie er immer wieder betont, seit vielen Jahren nicht mehr angefasst. Aber das Buch ist in seiner Darstellung nicht nur des Opec-Überfalls eine wichtige Quelle, aus der im Frankfurter Prozess gegen die 80 Jahre alte Sonja Suder und ihren 72 Jahre alten Lebensgefährten Christian Gauger nicht selten zitiert wird.

Die Hauptverhandlung leidet nicht nur unter der Schwierigkeit, dass zwischen mutmaßlichen Taten und dem öffentlichen Prozess Jahrzehnte einer bewegten Vergangenheit liegen. Eine schwere Krankheit Gaugers lässt pro Termin nur zweimal 90 Minuten Verhandlungsdauer zu. Ihm legt die Staatsanwaltschaft Beteiligung an der Vorbereitung von Brandanschlägen in den siebziger Jahren in Süddeutschland zur Last. Die Taten wären längst verjährt, doch wurden die Verjährungsfristen immer wieder durch neue Ermittlungsansätze unterbrochen.

Angeklagte schäkern in der Hauptverhandlung

Beim Vorwurf gegen Sonja Suder gibt es keine Verjährung, die Staatsanwaltschaft hat sie als Mittäterin von Morden und Mordversuchen angeklagt, die während des Überfalls in Wien begangen wurden. Basis der Anklage sind unter anderem das Buch und andere Darstellungen Hans-Joachim Kleins. Er hat mit unterschiedlicher Intensität und Eindeutigkeit die Angeklagte als RZ-Mitglied und die Person bezeichnet, die am Vorabend des Überfalls Maschinenpistolen, Faustfeuerwaffen und Sprengstoff nach Wien gebracht habe. Zwar seien die Schusswaffen nicht zum Einsatz gekommen, sagte Klein, weil bessere aus der libyschen Botschaft kurz darauf eingetroffen seien. Juristisch könnte Suder dennoch als Mittäterin in Betracht kommen, wenn sie, wie Klein es darstellt, von Mordplänen gewusst und Mittel zum Töten geliefert hätte.

Sie und Gauger schweigen in der Hauptverhandlung. Sie lächeln und schäkern gelegentlich mit Sympathisanten hinter einer schussfesten Glaswand. Klein gibt pflichtgemäß und nicht selten gequält wirkend Auskunft auf jede Frage, er hat das auch früher schon so gemacht. In seinem eigenen Prozess hatte er sich die Achtung der Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Heinrich Gehrke durch eine sich selbst nicht schonende Offenheit als Angeklagter erworben.

Terrorverbrechen barmherzig betrachten

Im heutigen Prozess, in dem er ein wichtiger, vielleicht der wichtigste Zeuge ist, sieht Klein, der aus seiner neuen Heimat Frankreich angereist ist, sich dem Mühsal des Fragerechts aller Prozessbeteiligten gegenüber. Zuweilen, vor allem bei Fragen der Verteidiger, will es scheinen, als habe Klein sich ein Leben lang in Widersprüche verstrickt. Die Sympathisantenszene der Angeklagten hält ihn für einen Verräter und Denunzianten und hat das auch laut gesagt. Klein wurde wütend und keilte zurück: die da schrieen, wüssten vermutlich, wer Heinz Herbert Karry, den früheren hessischen Wirtschaftsminister, ermordet habe.

Der Ruf skizziert, warum es so schwer fallen mag, in Deutschland begangene Terrorverbrechen barmherzig zu betrachten. Es herrscht das elende Gesetz des Schweigens. Bei der Mafia sagen sie Omerta.

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Quelle: F.A.Z.

 

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