Am schlimmsten ist es für die Online-Seelsorger, wenn sie keine Antwort bekommen. Diese Erfahrung machen die jungen Mitarbeiter der Jugend-Kultur-Kirche Sankt Peter zwar selten. Aber schmerzhaft ist sie jedes Mal: Sie erhalten eine E-Mail, in der ihnen ein junger Mensch von seinen Sorgen, Ängsten und Hoffnungen berichtet. Dann antworten sie darauf - und bekommen keine Rückmeldung. „Diesen Ratsuchenden geht es nicht um eine Antwort. Sie wollen sich einfach alles von der Seele schreiben“, glaubt Sarah. Die 27 Jahre alte Studentin ist eine von fünfzehn Online-Seelsorgern der Jugendgemeinde und seit Projektstart 2011 im Team.
Als Lehramtsstudentin ist sie nicht vom Fach. Aber darum geht es bei der Online-Seelsorge auch nicht. „Beratungsstellen gibt es viele. Wir wollten nicht noch eine aufmachen, sondern etwas dazwischenschalten“, sagt Pfarrer Rasmus Bertram, der das Projekt leitet. Ihm fiel vor einiger Zeit auf, dass sich Jugendliche schwer damit tun, in einem persönlichen Gespräch von ihren Problemen zu erzählen. So entstand die Idee einer virtuellen Anlaufstelle, von denen es deutschlandweit inzwischen mehrere gibt.
Seelsorge für das Rhein-Main-Gebiet
In Frankfurt bietet neben der Jugendkirche Sankt Peter auch der Kinderschutzbund eine Online-Beratung für Kinder und Jugendliche an. „Bald nach Projektstart haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich das Internet nicht auf das Rhein-Main-Gebiet begrenzen lässt“, sagt Reinhold Neef lächelnd. Er ist Kinder- und Jugendpsychotherapeut und bekommt inzwischen Anfragen aus ganz Deutschland. Rasmus Bertram erzählt sogar von deutschen Austauschschülern, die sich aus dem Ausland an die Seelsorger wenden.
Auf den Großraum Rhein-Main beschränkt ist das Angebot des Hauses der Volksarbeit. Hier können sich Ratsuchende nur anmelden, wenn sie eine Postleitzahl aus der Region angeben. Die Online-Beratung richtet sich im Gegensatz zum Angebot der Jugendkulturkirche und des Kinderschutzbunds ausschließlich an Erwachsene.
Antwort innerhalb von 24 Stunden garantiert
Gemein ist allen virtuellen Anlaufstellen, dass sie den Klienten Anonymität bieten. „Das senkt die Hemmschwelle deutlich“, sagt Pfarrer Bertram. Dafür spricht die steigende Zahl Jugendlicher, die sich über die Internetseite der Kirche unter einem Pseudonym anmelden und den Online-Seelsorgern eine E-Mail schicken, die diese innerhalb von 24 Stunden beantworten - das ist ein Grundsatz des Angebots.
Das ist nicht immer leicht. Denn die Online-Seelsorger von Sankt Peter gehen ihrer Aufgabe ehrenamtlich und neben Ausbildung, Beruf oder Studium nach. Trifft eine E-Mail ein, leitet Bertram sie nicht einfach an einen Seelsorger weiter, der gerade Zeit hat, sondern ruft zunächst den für ein Problem am besten geeigneten Ansprechpartner an. Der macht sich dann so schnell wie möglich auf den Weg in die Gemeinde. Am privaten Rechner beantworten sie prinzipiell keine Anfragen. Bertram ist wichtig, dass die jungen Seelsorger - sie sind zwischen 17 und 32 Jahren alt - nicht mit den Problemen, angesichts deren „jeder erst mal tief durchatmen muss“ allein gelassen werden. Sich selbst bezeichnet er daher auch als „Seelsorger für die Seelsorger“. Bei Suiziddrohungen etwa ist sein Rat dringend erforderlich.
„Ich kann Selbstmordgedanken nicht nachvollziehen“
Sarah nimmt solche Fälle nur ungern an „Ich kann Selbstmordgedanken nicht wirklich nachvollziehen, deshalb fällt es mir schwer, hier die richtigen Worte zu finden.“ Lieber widmet sie sich Anfragen von Scheidungskindern. „Diese Fälle liegen mir, weil ich selbst ein Scheidungskind bin, die Probleme verstehe und weiß, wie sich das anfühlt.“ Dagmar, die an der TU Darmstadt Architektur studiert, ruft der Pfarrer eher an, wenn ein Jugendlicher schreibt, dass er sich absichtlich selbst verletzt. „Weil ich mit diesen Leuten eher auf einer Wellenlänge bin als mit anderen“, erzählt sie.
Genau das ist die Idee der Beratung der Jugendgemeinde und ein Grund, warum es sich bei den Seelsorgern nicht unbedingt um ausgebildete Therapeuten oder professionelle Seelsorger handeln muss: Junge Menschen beraten andere junge Menschen, weil die Distanz geringer ist als gegenüber einem Erwachsenen. Die Themen reichen von Auseinandersetzungen mit den Eltern, Problemen in der Schule über Fragen zu Freundschaft, Liebe, Sexualität und Abtreibung bis hin zu Selbstmordgedanken, Magersucht oder Aggressionen gegen sich selbst und gegen andere.
„Mit einer professionellen Beratung können wir nicht mithalten“
Bertram sieht in dem Angebot keine Konkurrenz für psychotherapeutische Beratungen: „Mit einer professionellen Beratung können wir nicht mithalten.“ Vor ihrem ersten Einsatz nehmen die jungen Seelsorger zwar an einem vierzigstündigen Lehrgang teil, der ihnen einen Eindruck von der Arbeit vermittelt. Mit einer dreijährigen Ausbildung oder einem Studium sei das aber nicht zu vergleichen, gibt Bertram zu verstehen. Eine wesentliche Aufgabe seiner Seelsorger sieht er darin, die Beratungsstellen vor Ort zu entlasten.
Aber es sind nicht nur die einfachen Fälle, die per E-Mail eintreffen. Manche davon möchte Bertram seinen Schützlingen nicht zumuten und übernimmt sie selbst. Zum Beispiel wenn Dritten Schaden zugefügt werden solle oder jemand abnorme sexuelle Vorstellungen äußere.
Manche Fällen lassen den Berater auch privat nicht los
Reinhold Neef vom Kinderschutzbund macht sogar die Erfahrung, dass gerade die Fälle, die online auftauchen, oft heftiger sind als die Probleme, mit denen er in der persönlichen Beratung konfrontiert wird. Seine Beratungsstelle bietet Einzel-Chat-Gespräche an und ist auf das Thema häusliche Gewalt spezialisiert. Nie hätte er vor dem Start der Online-Beratung gedacht, dass es so viele Jugendliche, vor allem Mädchen, gibt, die sich selbst verletzen. Oft sei das als „Autoaggressivität“ bezeichnete Verhalten auf Missbrauch im familiären Umfeld zurückzuführen. „Diese Fälle tauchen in einem persönlichen Gespräch nicht auf, weil sich die Betroffenen extrem schämen“, sagt Neef.
Mit seiner sonoren Stimme, den behutsam formulierten Sätzen und der verhaltenen Gestik macht der Psychotherapeut den Eindruck, als könne ihn so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Doch es gibt Chat-Gespräche, die ihn auch privat nicht loslassen. Er berichtet von einem aktuellen Fall seelischer und körperlicher häuslicher Gewalt. Zweimal hat er gar mit der Person telefoniert. Doch dann ist der Kontakt abgebrochen, und er macht sich große Sorgen. Lange hat er überlegt, ob er in diesem Fall die Polizei verständigen soll. Für die Psychotherapeuten gebe es in solchen Fällen trotz der Schweigepflicht „Mittel und Wege“. Am Ende hat er sich dagegen entschieden, weil er befürchtet, die Situation dadurch zu verschlechtern.
Anonymität garantiert
Dritte einzuschalten, schließt Pfarrer Bertram kategorisch aus. Aus technischen Gründen sei es unmöglich, Rückschlüsse auf die Identität der Person zu ziehen. „Und das ist auch gut so“, betont er. Die Aufgabe der Seelsorger sei es, alles zu tun, um den Jugendlichen zu helfen. „Wer sich an uns wendet, ist von seinem Umfeld bitter enttäuscht worden.“ Diese Erfahrung sollen die Jugendlichen bei ihm nicht noch einmal machen.
Als Therapie möchten weder er noch Neef die E-Mail- oder Beratung im Online-Chat verstanden wissen. Eine Psychotherapie setze das persönliche Gespräch voraus, findet Neef. In einigen Fällen schlägt er den Jugendlichen deshalb einen persönlichen Termin vor oder rät ihnen, eine andere Therapiestelle aufzusuchen. Ursprünglich war der Plan des Kinderschutzbunds, die Chat-Beratung als Brücke zur persönlichen Therapie zu nutzen. Doch bislang ist es weder Neef noch seinen Kollegen gelungen, den Chat in eine Therapie vor Ort zu überführen. Von diesem Plan hat sich das Team inzwischen verabschiedet. „Die Anonymität zu verlassen ist ein riesiger Schritt, der Vielen zu gefährlich ist.“ Trotz der ernsten Themen amüsiert ihn seine Arbeit manchmal. Er erinnert sich an eine Sitzung, in der er sich mit einem Mädchen über Chat-Kürzel wie „LOL“ (“Laughing Out Loud“) ausgetauscht hat und beide irgendwann vor Lachen kaum noch schreiben konnten. „So was habe ich in einem persönlichen Beratungsgespräch noch nie erlebt.“
„Im Chat kann ich provokanter sein“
Einen speziellen Reiz übt die Online-Beratung auch auf Andreas Donkel aus. Im Frankfurter Haus der Volksarbeit bieten er und seine Kollegin Claudia Dinnes-Sommerhoff neben dem persönlichen Gespräch sowohl E-Mail-Beratungen als auch Einzelchats an. „Im Chat kann ich provokanter und direktiver sein“, sagt er. Seine Klienten sind ausschließlich Erwachsene, deren Sorgen oft andere sind als die Probleme von Kindern und Jugendlichen. Wie in psychotherapeutischen Praxen litten die meisten Klienten unter Depressionen und Ängsten, berichtet Dinnes-Sommerhoff. An zweiter Stelle stünden Beziehungsschwierigkeiten, gefolgt von Trennungen und Scheidungen.
Ähnlich wie ihre Kollegen von Sankt Peter und vom Kinderschutzbund machen sie und ihr Kollege Donkel die Erfahrung, dass sich viele Menschen für eine Online-Beratung entscheiden, weil sie sich für ihre Probleme schämen. Die psychologische Beraterin berichtet von einer Klientin, die in leitender Funktion tätig ist und am Burnout-Syndrom leidet. „Noch nicht mal mit ihrem Ehemann und engen Freunden möchte sie darüber sprechen, weil sie sowohl privat als auch beruflich weiterhin als starke Frau wahrgenommen werden möchte.“ Für die Beratung per E-Mail habe sie sich aber auch aus zeitlichen Gründen entschieden.
E-Mails schreiben fördert Reflexion
Oft setzen sich die beiden Pädagogen morgens an ihren Computer und haben einige E-Mails im Posteingang, die spätnachts verschickt worden sind von Männern und Frauen, die tagsüber einfach keine Zeit finden. Aus psychologischer Sicht gibt es einen weiteren Vorteil, den E-Mails mit sich bringen: Während des Schreibens setze ein Reflexionsprozess ein, so die Beraterin, „denn man denkt tendenziell länger und intensiver nach und kann den Text wiederholt lesen, verwerfen oder verändern“. Trotzdem gibt es Momente, in denen sie das persönliche Gespräch bevorzugt. Ihre Zusatzausbildung zur Körperpsychotherapeutin kann sie bei virtuellen Kontakten nicht nutzen. Auch ihr Kollege Donkel bestätigt, dass die Online-Beratung Pädagogen und Psychotherapeuten völlig andere Fähigkeiten abverlangt: „Während einer Chat-Beratung muss man reaktionsschnell sein, hier kommt es auf jede Kleinigkeit an, und das Wichtigste versteckt sich oft zwischen den Zeilen.“
Pfarrer Bertram sieht das ähnlich. Vor dem Start des Projekts hätte er sich nicht träumen lassen, welche Möglichkeiten die Sprache bietet, wenn es darum geht, Gefühle auszudrücken. „Die eindringliche Ausdrucks- und Überzeugungskraft von Worten, müssen weder im Chat noch in der E-Mail an Wirkung einbüßen.“