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Nilgänse in Frankfurt : „Ohne unser Zutun wären sie nicht hier“

Nebeneinander: Graugans mit Kükentrupp nebst Nilgans (rechts) Bild: Max Kesberger

Seit Nilgänse in größerer Zahl an hiesigen Gewässern zu sehen sind, scheint es so, dass die eingewanderte Tierart heimische Vögeln das Leben schwermacht. Doch stimmt das auch?

          Die Aufregung kann Martin Hormann nicht verstehen. „Nein, die Nilgans ist nicht böse“, sagt der Ornithologe von der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland, die ihren Sitz in Fechenheim hat. Es gebe keinen Beweis, dass der Wasservogel grundsätzlich andere Arten verdränge. Richtig sei aber, dass er so anpassungsfähig sei wie kaum ein anderer Vogel und sich so stark vermehre wie keine andere Art. „Die brüten praktisch das ganze Jahr“, sagt Hormann und zeigt Fotos von jungen Wildgänsen im Schnee.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Vogelkundler bestreitet nicht, dass die Vögel dort, wo sie in großer Zahl vorkommen wie im Ostpark, Wege und Wiesen verschmutzen. Doch Hormann stört es, den Nilgänsen dafür die Schuld zu geben. „Ohne unser Zutun wären sie nicht hier.“

          In Hessen sind die ersten Nilgänse Mitte der achtziger Jahre in Wiesbaden entdeckt worden. Sie stammten, wie andernorts auch, aus Zuchtbetrieben, schließlich ist die Nilgans mit ihren markanten Augenringen attraktiv.

          „Kotaustrag erhöht“

          Dass sich die Tiere rasant vermehren, ihre Exkremente überall liegen, hat Hormann zufolge wesentlich mit dem falschen Füttern der Tiere zu tun. Ihnen werfe man Brotreste zu, noch dazu, wie es auch im Ostpark geschehe, über die Maßen viel, so dass sich dadurch „der Kotaustrag erhöht“, wie der Fachmann sagt. Das habe Einfluss auf die Gewässer, unabhängig von der Tatsache, dass die nicht gefressenen Krumen im Wasser schimmelten und faulten. Der Eingriff der Menschen sei „durch und durch kontraproduktiv“.

          Für den Natur- und Artenschutz sei die Nilgans ein unwichtiges Thema, stellt er nüchtern fest. Es gebe andere Arten, Bodenbrüter wie Kibitze, Braunkehlchen, die Feldlerche und die Bekassine, die sich in der offenen Landschaft aufhielten, auf Wiesen und Äckern. Durch die starken Veränderungen in der Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten fänden sie kaum noch Lebensraum. „Das sind die Sorgenkinder“, sagt Hormann.

          Mit den Nilgänsen und der ihnen nachgesagten Aggressivität haben sich in den vergangenen Jahren gleich zwei wissenschaftliche Arbeiten beschäftigt, die die Vogelschutzwarte begleitet hat. In der einen hatten sich die Autoren das Verhalten der Tiere an Frankfurter Weihern angesehen. Ihr Resümee ist, dass die meisten Angriffe sich gegen Artgenossen richteten, mitunter allerdings auch gegen die kleineren Stockenten. Dagegen gingen die aus Afrika eingeführten Wasservögel nie gegen die größeren Graugänse vor. Eher umgekehrt hätten die Graugänse die Nilgänse attackiert. Vor allem, heißt es in der Masterarbeit, sei die Angriffsbereitschaft der Tiere stark von der allgemeinen Vogeldichte am Teich abhängig. Beide Arbeiten kommen zu dem Schluss, dass die Nilgänse „keine langfristige Gefahr für andere Wasservogelarten darstellen“.

          Das Bundesamt für Naturschutz führt eine schwarze Liste invasiver Arten. Das sind Pflanzen und Tiere, die aus anderen Regionen stammen und heimische Arten verdrängen. Die Nilgans stehe nicht auf dieser Liste, sagt Hormann. Stattdessen werde sie als heimische Art geführt, weil sie seit mehr als 25 Jahren hierzulande vorkommt. Dass Nilgänse zuweilen Stockenten und Blesshühner vertreiben, will Hormann nicht in Abrede stellen. „Die Blesshühner selbst sind aber auch ganz schön streitbar“, sagt der Ornithologe. Ein solches Verhalten gehöre zum üblichen Revierverhalten. Doch das habe keinen Einfluss auf die Bestände insgesamt. Stockenten und Blesshühner wanderten einfach weiter zum nächsten Gewässer.

          Das Problem in Städten wie Frankfurt sei die starke Konzentration der Tiere. Nilgänse dürfen zwar von Anfang November bis Mitte Januar gejagt werden. Mitten in der Stadt ist das aber nicht erlaubt. Und genau dort sammeln sich die Nilgänse wie am Ostpark-Weiher und am Mainufer. Auf Anfrage der CDU-Fraktion im Römer hat das Grünflächenamt überlegt, die Tiere vielleicht zu fangen und umzusiedeln, sie dauerhaft zu vertreiben oder ihre Eier durch Attrappen zu ersetzen, so wie es bei den Tauben gemacht wird. Doch diese Ideen sind als nicht praktikabel verworfen worden, sie kosten zu viel Personal und Geld.

          Stattdessen will man bei der Sanierung des Ostparks von Herbst an das Ufer des Weihers verändern. Dort soll dann höheres Gras wachsen. Das mag die Nilgans nicht, weil sie das Anschleichen von Feinden nicht bemerken würde. Den Spielplatz in der Nähe des Weihers will man ein wenig vom Wasser weg verlegen, um die Spielflächen sauberhalten zu können. Auf das Fütterungsverbot will man drängen, mit Hinweisschildern und Kontrollen. Vor allem hoffen die Stadtgärtner, dass Fachleute wie Hormann recht haben und die Zahl der Nilgänse wie im Ostpark nicht weiter steigt, die Natur es also selbst reguliert.

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