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Braunkohlestaub-Anlage : „Ohne dieses Kraftwerk gäbe es Allessa nicht mehr“

Gilt als Standortretter: Braunkohlestaub-Kraftwerk in Frankfurt-Fechenheim Bild: Helmut Fricke

Vor vier Jahren brachte das Frankfurter Chemieunternehmen Allessa mit einem Braunkohlestaub-Kraftwerk viele Bürger gegen sich auf. Der Unmut hat sich aber gelegt – und die Anlage sich als Glücksfall für die Traditionsfirma erwiesen.

          Mitten im Kantinensaal steht ein Mikrofonständer und dahinter ein aufgebrachter Mann. Er blickt der vor seinen Augen sitzenden Geschäftsführung des Chemieunternehmens in die Augen und wirft ihr „egoistische Wirtschaftsinteressen“ vor. Beifall aus dem Kreis der 350 Besucher brandet auf. „Ich bin überzeugt, dass oben was rauskommt aus der Anlage, was bagatellisiert werden soll“, ruft ein anderer Mann in den Raum hinein. Und eine Frau sagt, sie sei total verängstigt angesichts der Aussicht, dass in ihrer Nachbarschaft bald ein mit Braunkohlestaub betriebenes Kraftwerk stehen solle. So war es fast auf den Tag genau vor vier Jahren an jenem Abend, an dem die Allessa-Chemie in Frankfurt-Fechenheim zu einem „offenen Bürgerdialog“ eingeladen hatte. Nun scheint sich die Geschichte zu wiederholen, allerdings im Westen der Stadt, im Industriepark Griesheim.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Unternehmen Weylchem, das zur selben Investorengruppe wie die Allessa zählt, will auch dort ein Braunkohlestaub-Kraftwerk errichten lassen. Obwohl die Weylchem deutlich früher auf die Anlieger zugegangen ist als seinerzeit die Kollegen in Fechenheim und obwohl sämtliche juristischen Schritte gegen den Betrieb des Kraftwerks im Osten von Frankfurt gescheitert sind, schlägt ihr der gleiche Argwohn entgegen wie der Allessa-Chemie im April 2011.

          Um 40 Prozent günstiger

          Den Unmut jener Tage kennt Rafael Reiser aus Erzählungen – denn seinerzeit gehörte die Allessa noch nicht zur International Chemical Investors Group (ICIG), einem auf Mittelständler aus der chemischen Industrie spezialisiertem Investor mit Sitz in Luxemburg und einem Büro an der Hauptwache in Frankfurt. Doch seit dem Erwerb des Fechenheimer Unternehmens durch die ICIG kennt er auch die Allessa, die in die Weylchem-Gruppe integriert wird, gut – und damit auch das dortige Braunkohlestaub-Kraftwerk, das Dampf für die Chemiekessel am Ort erzeugt. Er ist der alten Allessa-Spitze für den Bau der Anlage dankbar. Das 2011 vorgestellte Konzept sei voll aufgegangen, sagt Reiser und hebt hervor: „Ohne die Dampferzeugung mit Braunkohlestaub gäbe es diesen Standort nicht mehr.“

          Der dahinterstehende Grund ist einfach zu benennen: Den Dampf mit dem Brennstoff aus heimischen Vorkommen zu erzeugen sei mehr als 40 Prozent günstiger, als wenn die Allessa wie einst weiter Gas dafür nutzte. Zwar sei der Betrieb in der Anfangszeit einschließlich Kosten für Personal, Zinsen, Tilgung und Abschreibungen, die sich im Leistungspreis zeigten, teurer gewesen als bei dem jahrzehntealten und längst abgeschriebenen Kraftwerk. „Doch in Summe war das Braunkohlestaub-Kraftwerk von Anfang günstiger“, sagt Reiser.

          Schwierigkeiten mit dem Betrieb gibt es nach seinen Worten keine. Sämtliche Leistungszahlen würden erreicht. Das ist schon deshalb wichtig, weil das Biomasse-Kraftwerk der Mainova auf dem Betriebsgelände der Allessa allein den Dampfbedarf nicht stetig decken kann, wie der Geschäftsführer wissen lässt. Zudem sei Biomasse als Rohstoff für die Dampfproduktion zur Zeit der Planung des Kraftwerks teurer gewesen als Braunkohlestaub, gibt er zu bedenken.

          Verfeuerung von Bahnschwellen

          Davon abgesehen, hat Reiser wenig Verständnis für Stimmen, die für die Verfeuerung von Bahnschwellen werben, wie sie auch im Biomasse-Kraftwerk der Mainova verwendet werden. Denn: Alte Bahnschwellen als Hartholz sind zwar aus nachwachsendem Naturstoff – doch sie sind ehedem mit giftigen Teerölen behandelt worden, die Hautreizungen und Atembeschwerden hervorrufen können. Dazu passt, dass sich Beschwerden aus der Anliegerschaft in Fechenheim über Gerüche aus dem Industriepark in der Regel auf Teergeruch beziehen, wie Reiser sagt. Das Braunkohlestaub-Kraftwerk sei nur Gegenstand von Nachfragen aus der Anliegerschaft zum Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid, der über den Werten des alten Kraftwerks liegt.

          So ist es auch um die Bürgerinitiative „Fechenheim 21“, die 2011 mit Protest hervortrat, ruhig geworden. Und vielleicht entscheidet der Verwaltungsgerichtshof noch dieses Jahr über die Klage von Naturschützern gegen das RP Darmstadt wegen der Betriebserlaubnis. Weitere Klagen sind nicht anhängig.

          Das in Griesheim geplante Kraftwerk will die Weylchem vom selben Anlagenbauer errichten lassen, von dem schon das in Fechenheim stammt. Genauso wie die Anlage im Frankfurter Osten soll die in Griesheim die gängigen Schadstoff-Grenzwerte deutlich unterschreiten, wobei sie jedoch mehr Kohlendioxid als das bestehende Kraftwerk ausstoßen wird. Der Ausstoß von Quecksilber wird laut Reiser um mehr als 90 Prozent unter dem Grenzwert für Großfeuerungsanlagen liegen – Einheiten nennt Weylchem unter www.zukunft-weylchem-griesheim.de.

          Die Kritik, Weylchem umgehe eine eingehende Beteiligung der Öffentlichkeit, indem die Leistung der Anlage unter der Marke von 20 Megawatt bleibe, weist Reiser zurück. „Wir ersetzen eine veraltete Anlage von 19,8 Megawatt durch eine neue mit 19,5 Megawatt.“ Die Öffentlichkeit müsste erst von 50 Megawatt an beteiligt werden; es genüge eine Genehmigung durch das Regierungspräsidium Darmstadt, die Weylchem noch in diesem Monat beantragen wolle. Reiser gesteht aber zu, dass sich die Weylchem den Kauf von Emissionszertifikaten erspart, der von 20 Megawatt Leistung an fällig würde.

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