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Ohne Augenlicht am Herd : Auch Blinde kochen nur mit Wasser

  • -Aktualisiert am

Kochen ohne Augenlicht: Die Gründerin der blinden Kochgruppe Anette Bach wartet auf die geputzten Bohnen. Bild: Fricke, Helmut

Kochen, ohne zu sehen - das klingt gefährlich, ist für Blinde aber Alltag. Eine Kochgruppe in Marburg beweist, dass auch bei Blinden weit mehr als nur Fertigkost auf den Teller kommt.

          Einmal in vollkommener Dunkelheit dinieren, das ist ein Kuriosum, ein Erlebnis, für das Dunkelrestaurants viel Geld verlangen. Das Experiment, blind zu kochen, würde hingegen wohl kaum jemand wagen. Zu groß ist die Gefahr, sich an der Herdplatte zu verbrennen oder mit dem Messer zu schneiden.

          Für Blinde jedoch ist Kochen im Dunkeln Alltag. Um sich nicht nur von Fertigkost zu ernähren, braucht es jedoch Geduld - und auch Mut. Dass anspruchsvolles Kochen auch ohne Augenlicht möglich ist, beweist eine Kochgruppe in Marburg rund um die selbst blinde Anette Bach. Geduld hat sie, Lust am Experimentieren auch. Und so kocht sie aufwendige Menüs, die jeden Gelegenheitskoch herausfordern dürften - ob sehend oder nicht.

          Die heutigen vier Gänge kocht sie allerdings nicht allein: Vier weitere blinde Hobbyköche begrüßt Bach in ihrer Wohnküche in Marburg, um ein orientalisches Menü zuzubereiten: Bulgursalat mit Lammstreifen als Vorspeise, gefolgt von einer Kürbissuppe mit Kokosmilch. Als Hauptgang bereiten sie Fleischbällchen mit Bohnen und getrockneten Tomaten zu, dazu reichen sie Naan, ein indisches Fladenbrot. Blätterteigtaschen mit einer Grießfüllung, aromatisiert mit Rosenwasser und Koriander, schließen das Menü.

          Allein kocht sie sich Hawaiitoast

          Die Kochgruppe trifft sich seit 22 Jahren einmal im Monat in wechselnder Besetzung bei Bach zu Hause. Heute kochen Andrea Katemann, Magdalene Ehrismann, Wilhelm Gerike und Dirk Mähren, alle sind Mitglieder des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS), dort ehrenamtlich oder hauptberuflich tätig. Die 62 Jahre alte Bach, mit akkurater Frisur und braungetönter Brille, ist seit 1992 Leiterin des Bezirks Hessen und gründete die Gruppe.

          Auf den ersten Blick deutet kaum etwas darauf hin, dass in dieser Küche eine Blinde kocht: Bach empfängt in ihrer hellen Küche mit weißen Einbauschränken und Grünpflanzen auf dem Fensterbrett, die Wände zieren Schneidebrettchen und bemalte Dekoscheiben aus Ton. Nur der Wandkalender zeigt die Tage und Monate auch in Brailleschrift an.

          Auf dem quadratischen Holztisch im Zentrum der Küche liegen Schneidebretter bereit. Gerike, Mähren und Katemann putzen und zerkleinern das Gemüse. Sie koche auch regelmäßig zu Hause, aber meist einfache Gerichte wie Hawaiitoast, sagt die 39 Jahre alte Katemann, die in Marburg Germanistik und Politik studierte und in der Medienabteilung der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) arbeitet. An dem dort angegliederten Gymnasium machten alle fünf der Kochgruppe ihr Abitur.

          Umgang mit Dosenöffner und Messer muss geübt sein

          Bei ihren Treffen gehe es nicht darum, von Grund auf zu lernen, blind zu kochen, sagt der 48 Jahre alte Gerike. „Die Idee ist, Dinge auszuprobieren, an die man sich allein nicht herantraut.“ Der EDV-Administrator für den DVBS arbeite nicht so gern am Herd, seit er sich als Kind einmal verbrannt hat. Er sehe sich eher als Beikoch: „Langsam, aber gründlich“, wie seine Frau sage.

          Hilflos ist niemand von ihnen in der Küche. Erste Orientierung vermitteln Trainings zu „Lebenspraktischen Fähigkeiten“, LPF genannt. Dort lernten Blinde auch, wie sie Wäsche zusammenlegen, ein Dokument unterschreiben und Kerzen anzünden können, erklärt Katemann. Vor allem von Geburt an blinde Menschen wie sie und Gerike müssten auf diese Weise üben, was Sehende als Kind durch Nachahmen lernten. Der Umgang mit dem Dosenöffner und grundlegende Schneidetechniken gehörten dazu.

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